Angehende Lehrerin über das Kopftuchverbot "Alle reden über Risiken, niemand über Ressourcen"

Das Bundesverfassungsgericht hat ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen für unzulässig erklärt. Eine Bremerin, für deren Berufsweg das Urteil aus Karlsruhe viel verändern dürfte, meldet sich zu Wort.
22.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermann

Das Bundesverfassungsgericht hat ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen für unzulässig erklärt. Auch Bremen muss nun sein Kopftuchverbot überprüfen. Eine Bremerin, für deren Berufsweg das Urteil aus Karlsruhe viel verändern dürfte, meldet sich zu Wort: Havva Temirlenk will Lehrerin werden und trägt Kopftuch. Sara Sundermann hat mit ihr gesprochen.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Urteil aus Karlsruhe erfahren haben?

Havva Temirlenk: Ich konnte es erst kaum glauben – diese Klarstellung war längst überfällig! Ich war schon immer überzeugt, dass ein Kopftuchverbot nicht mit unserem demokratischen Rechtsstaat vereinbar ist. Das Urteil zeigt, dass Deutschland auf dem Weg ist, seine Multikulturalität zu akzeptieren. Jetzt sollte Bremen sein Kopftuchverbot streichen – „Bremen ist bunt“, das hat die Regierung doch gerade erst so betont.

Sie meinen, als Bürgermeister Jens Böhrnsen zur Kundgebung des Bündnisses für Toleranz und Weltoffenheit aufgerufen hat?

Ja, genau. Jetzt ist der Zeitpunkt zu zeigen, dass man das auch wirklich ernst meint. Wenn Bremen jetzt nicht das Kopftuchverbot abschafft, dann waren diese politischen Beteuerungen nur heiße Luft.

Sie klingen empört...

Mich stört, dass alle immer nur über Gefahren sprechen, die von Lehrerinnen mit Kopftuch angeblich ausgehen, obwohl es noch nie eine konkrete Gefährdungslage gab. Alle reden über Risiken, niemand redet über Ressourcen. Wenn zum Beispiel eine Schülerin von ihren Eltern gezwungen wird, Kopftuch zu tragen, dann könnte ich mich als Lehrerin mit Kopftuch sicher leichter für diese Schülerin einsetzen, weil ich mit dem Thema vertraut bin und mich die Eltern vielleicht eher respektieren. Und ich kann als Lehrerin mit Kopftuch schon den Jungs ein modernes Bild von der Rolle muslimischer Frauen vermitteln.

Vor ein paar Jahren haben sich auch noch nicht viele Kopftuchträgerinnen zu Wort gemeldet, so wie Sie es jetzt tun. Oder?

Ich frage mich auch, warum sich nicht schon vor zehn Jahren Frauen mit Kopftuch mehr dazu geäußert haben. Für mich ist klar: Ich will nicht mehr schweigen. Wenn hier eine Diskussion über Kopftuch tragende Musliminnen geführt wird, dann bitte mit den Betroffenen.

Sie haben gerade Ihren Master in Erziehungswissenschaften gemacht. Können Sie mit Kopftuch Referendarin werden?

Im Referendariat ist das Kopftuch noch nicht verboten – dieses Recht hat ja eine Bremerin für ganz Deutschland vor Gericht erstritten. Ich kann also jetzt Referendarin werden, aber ich muss zuvor ein Formular ausfüllen, auf dem abgefragt wird, ob ich ein Kopftuch trage. Nach anderen religiösen Zeichen wird nicht gefragt.

Was passiert, wenn Sie „ja“ ankreuzen?

Nach der bisherigen Gesetzeslage würde ich dann als Angestellte beschäftigt und nicht als Beamtin. Ich bekäme also viel weniger Geld für dieselbe Arbeit als meine Kolleginnen ohne Kopftuch. Das ist diskriminierend und eine Frechheit.

Was passiert nach dem Referendariat?

Ich möchte Lehrerin werden, seit ich denken kann. Ich war immer gut in der Schule und habe schon mit 16 angefangen, muslimischen Schülern Nachhilfe zu geben. Später war ich sehr fasziniert von der englischen Sprache, die ich nun in Zukunft unterrichten will. Aber mit Kopftuch hätte ich nach bisheriger Gesetzeslage nicht fest in den Schuldienst gehen können. Ich hoffe, Bremen ändert sein Gesetz jetzt schnell.

Weshalb tragen Sie Kopftuch?

Es stärkt mich in meiner Spiritualität und ist Teil der religiösen Kleidungsvorschriften im Islam – die übrigens auch für Männer weite Kleidung vorschreiben und nicht, dass sie ihre Muckis zeigen. Nicht nur ich, jeder transportiert mit seiner Kleidung Symbole und eine bestimmte Haltung.

Das Bremer Schulgesetz schreibt derzeit noch vor, Schulen sollten „weltanschauliche und religiöse Neutralität wahren“.

Eigentlich ist niemand neutral. Wenn man mit Schülern spricht, können die von ihren Lehrern meistens sehr genau sagen, für welche Haltung sie stehen. Aber ich gehe ja nicht in die Schule, um Werbung für den Islam zu machen, sondern, um den Schülern Deutsch und Englisch beizubringen.

Hat sich die Debatte über das Kopftuch in Deutschland verändert?

Ich glaube, die Vorbehalte gegenüber Kopftuch-Trägerinnen sind ein Generationenproblem. Viele ältere Leute beharren auch nach längeren Gesprächen darauf, das Kopftuch stehe grundsätzlich für Unterdrückung. Manchmal habe ich das Gefühl, ich rede gegen Wände. Es gibt heute emanzipierte muslimische Frauen in Deutschland, aber das wird kaum wahrgenommen. Die Jugendlichen gehen ganz unbefangen damit um, die sind viel weltoffener und den Alten weit voraus. Für die Schüler ist mein Kopftuch total normal, von denen hat mich noch niemand gefragt, warum ich das trage. Ich glaube, für die Schüler ist einfach viel wichtiger, ob ihre Lehrer authentisch sind und guten Unterricht geben.

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