Morddrohung gegen Linken-Politikerin

„Alle sollen wissen, wie brutal die Rechtsradikalen sind“

Die Bremer Linkenpolitikerin Medine Yildiz hat eine anonyme Morddrohung erhalten. Im Gespräch erzählt sie, was jeder einzelne gegen Hass in der Gesellschaft tun kann.
21.03.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Alle sollen wissen, wie brutal die Rechtsradikalen sind“
Von Carolin Henkenberens
„Alle sollen wissen, wie brutal die Rechtsradikalen sind“

Immer wieder bekommen Politiker in Deutschland Morddrohungen mit rechtsextremistischem Inhalt (Symbolbild).

Carsten Rehder /dpa
Frau Yildiz, Sie haben kürzlich eine Morddrohung per Email erhalten. Wie geht es Ihnen damit?

Medine Yildiz: Am Anfang war das natürlich ein Schock. Mittlerweile fühle ich mich durch das Coronavirus mehr bedroht, ehrlich gesagt.

Haben Sie Ähnliches schon vorher erlebt?

Nein. Ich komme aus einem Land, in dem es Gewalt und einen Militärputsch gab. Aber sowas Brutales, gegen mich persönlich Gerichtetes, habe ich zum ersten Mal erlebt.

Brutal war ja auch die Wortwahl der Morddrohung, die Sie erhalten haben. Ihnen wurde mit Erschießung und einem Beil gedroht.

Durch so etwas lasse mich aber nicht einschüchtern. Ich bin eine geborene Kämpferin, habe in meinem Leben immer kämpfen müssen. Weil ich eine Frau bin, weil ich in armen Familienverhältnissen aufgewachsen bin. Weil meine Familie zu einer Minderheit in der Türkei gehört. Und weil ich hier als Migrantin lebe. Ich werde mich nach dieser Drohung noch stärker gegen den Rechtsruck engagieren.

Das ist auch mein Ziel dieses Interviews. Ich möchte, dass alle Bremer Bürger von dieser Brutalität erfahren. Es gibt viele, die sich Demokraten nennen, aber trotzdem AfD wählen. Weil sie wütend sind auf die Politik. Aber die schmieren den Rechtsradikalen die Butter aufs Brot. Solche Einzeltäter sind die Früchte der AfD-Propaganda.

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Was kann jeder Einzelne gegen den Hass in der Gesellschaft tun?

Der erste Schritt wäre: die AfD nicht wählen. Zweitens: Wir müssen darüber reden. Wir sollten solchen Hass ans Licht bringen. Wenn man über Morddrohungen oder rechtsradikale Gewalt schweigt, wird es nicht weniger. Alle Menschen in Bremen sollen wissen, wie brutal die Rechtsradikalen sind. Und drittens wünsche ich mir, dass wir uns dagegen mobilisieren.

Was kann und muss Politik tun, um zum Beispiel Menschen, die Gefahr laufen, sich zu radikalisieren, die nachplappern, was sie irgendwo aufgeschnappt haben, wieder zurück in die Mitte zu holen?

Mehr über die Ziele, Aussagen und Widersprüche der AfD reden. Seit ein paar Tagen kursiert im Internet ein Video, in dem Höcke davon redet, dass bestimmte Menschen „ausgeschwitzt“ werden sollten – und bekommt dafür sogar noch Applaus.

Gewisse Menschen sind allerdings für rationale Argumente oder Fakten gar nicht mehr erreichbar, oder?

Ja, das stimmt. Die denken: Ich bin wütend auf alle Politiker, also wähle ich AfD. Aber die denken nicht daran, wohin die Partei führt. Die AfD macht faschistische Propaganda. Das sollten wir klar stellen. Wer sie trotzdem wählt, kann mir nicht sagen, sie seien Demokraten. Die Bürger sollten den demokratischen Parteien lieber mehr Druck machen.

Das Coronavirus verdrängt alle anderen politischen Themen, etwa die Aufarbeitung des Attentats von Hanau und den Kampf gegen Rechts. Stellt das Ihrer Meinung nach eine Gefahr dar?

Tatsächlich rücken gerade andere Themen in den Hintergrund. Das ist bitter, ja. Aber das kann ja keiner verhindern. Die Maßnahmen sind absolut notwendig. Wir befinden uns in einer akuten Krise und deren Bekämpfung geht vor. Und man kann sich ja auch in diesen Tagen für andere einsetzen, über Nachbarschaftshilfe zum Beispiel.

Das Gespräch führte Carolin Henkenberens.

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Zur Person

Medine Yildiz (57) ist Mitglied im Landesvorstand der Linkspartei Bremen. Sie ist zudem Gewerkschafterin und engagiert sich im Bremer Frauenausschuss. Geboren im Osten der Türkei, zog die Alevitin 1986 nach Bremen.

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