Theaterlabor im Schlachthof mit aktueller Aufführung im Findoffer Kulturzentrum Alle Spielräume genutzt

Das Theaterlabor im Schlachthof bietet arbeitslosen Schauspielern eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Sie spielen, "bis der ganze Scheiß aufhört"!
13.09.2012, 05:00
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Von Christiane Tietjen

Das Theaterlabor im Schlachthof bietet arbeitslosen Schauspielern eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Sie spielen, "bis der ganze Scheiß aufhört"!

Findorff-Bürgerweide. "Halten Sie die Regeln ein!" gebetsmühlenartig wiederholen die Schauspieler immer wieder diesen Satz in verschiedenen Variationen. Am Beginn ihrer Performance im Keller des Schlachthofs und auch als sie zum zweiten Spielort wechseln, der Theaterwerkstatt ganz oben im Haus. Diese kalte und stereotype Aufforderung ist genauso ein verbindendes Element ihres Spiels wie der Leistungsjogger, der quer über den Platz trabt, auch durch Zuschauerreihen und Darstellergruppen während des Spiels – in atemlosem Lauf und irgendwie vergrätzt vor sich hin sprechend.

Der Titel "Wir spielen, bis der ganze Scheiß aufhört", hat etwas von dem Hamsterrad, das die Akteure symbolisieren. Allein, in Gruppen, nebeneinander her, in zusammenhanglosem Durcheinander. Dabei benutzen sie alle Spielräume, die das Haus hergibt: Dachstuhl, Turm, Toilette, doch die Spielräume in ihrem Innern sind begrenzt. Sie benutzen das Publikum häufig wie einen Spiegel, in dem sie sich selbst betrachten, zurechtmachen, mit dem Effekt, dass die zuschauenden Menschen sich durchsichtig fühlen.

Der jeweilige Charakter des Raums spielt auch eine Rolle: Das Unpersönlich-Technische des Magazin-Kellers, die offene Weite der Theaterwerkstatt mit den auf dem Boden herumliegenden Kostümen. Diesen Raum nun nehmen die Akteure ein, füllen ihn mit Aussagen und Zitaten, mit Poesie, Tanz und Musik. Da gibt es wenig Interaktion und viel zusammenhangloses Nebeneinander, Komik, Tragik, den alltäglichen Wahnsinn also.

"Besuchen Sie mich im Keller" steht auf einem kleinen Zettel, den Angela Weinzierl überreicht. Sie spielt eine stumme Schauspielerin, die eine eigene Zeichensprache erfunden hat, und nutzt zu ihrer Performance die Dunkelheit des nur von Taschenlampen erhellten Raums.

Viele spannende Teile hatte die Performance zu bieten, zu der sich viele Zuschauer eingefunden hatten. "Wir haben auch ein Konzert dabei und einen Klogesang," erzählt Benjamin Harlan, Schauspieler der Truppe. "Unser gemeinsam mit dem Regisseur Patrick Schimanski entwickelter Oberbegriff ist die Utopielosigkeit der heutigen Zeit." Vor etwa fünf Wochen haben sie mit intensiver Probenarbeit begonnen, nachdem sie zuerst ihr Thema in Improvisationen formuliert hatten.

Benjamin gehört mit den anderen elf Darstellern zu der Gruppe arbeitsloser Schauspieler, die sich für ein halbes Jahr im Theaterlabor zusammengefunden hat. Vorher war er selbstständig mit einer mobilen Bühne und nutzt nun die Zeit zu Stimm-, und Rollen- und Körpertraining; vor allem der Austausch unter den Akteuren ist ihm wichtig, um "nicht zu verstauben". Die Maßnahme des Arbeitsamtes in Verbindung mit der Volkshochschule ermöglicht den jungen darstellenden Künstlern, in der gemeinsamen Arbeitsphase ihre Bewerbungsunterlagen aufzupolieren mit Fotos, Filmen und DVD‘s. Dazu gehört ein tägliches intensives Training von 9 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr, geschenkt wird ihnen da nichts. Doch sie sind begeistert von dem Projekt, und auch von der Regie.

Jenny hatte schon feste Engagements in Eisleben, Zeitz, Plauen und Zwickau, bevor sie sich in Bremen niederließ, nicht zuletzt wegen ihrer jetzt viereinhalbjährigen Tochter. Die erst 22-jährige Mona ist eigentlich Tänzerin mit abgeschlossener Ausbildung in Stuttgart, will aber ihr Spektrum noch um die Schauspielkunst erweitern. "Ich bin froh, beim Theaterlabor zu sein. Ich habe schon viel gelernt, wir haben gute Lehrer!" Sabine hörte durch einen Freund von der Existenz des Theaterlabors. Im Dezember des letzten Jahres beendete sie ihre dreieinhalbjährige Schauspielausbildung am Michael-Tschechow-Seminar in Berlin. "Für mich hat sich damit ein Kindertraum erfüllt. Schon ab der zweiten Klasse in der Waldorfschule bin ich vom Theaterspielen begeistert."

Das engagierte und voller Elan aufspielende Ensemble vom Theaterlabor ist mit weiteren Aufführungen von "Wir spielen, bis der Scheiß aufhört!" am Sonnabend, 15. September, Freitag, 28. September, und Sonntag, 29. September, in der Kulturwerkstatt Schlachthof zu sehen. Weitere Informationen beim Theaterlabor unter Telefon 40896402.

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