"Qualifizierte Leichenschau" in Bremen Alle Toten werden untersucht

Bremen will die "qualifizierte Leichenschau" einführen. Jeder Tote soll von einem speziellen Mediziner untersucht werden. Die Gefahr, dass ein Tötungsdelikt unentdeckt bleibt, soll so minimiert werden.
25.01.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Alle Toten werden untersucht
Von Matthias Lüdecke

Bremen soll zum bundesweiten Vorreiter werden. So hat es Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse (parteilos) in der Bürgerschaft angekündigt. Dort erklärte er, dass Bremen die sogenannte qualifizierte Leichenschau einführen will. Das heißt: Jeder Tote soll künftig von einem speziell ausgebildeten Mediziner untersucht werden. Damit soll die Gefahr, dass ein Tötungsdelikt unentdeckt bleibt, minimiert werden.

Derzeit ist es so, dass jeder niedergelassene Arzt nach der Feststellung des Todes eine Leichenschau durchführen darf und muss und ein Rechtsmediziner nur bei unklarer oder offensichtlich unnatürlicher Todesursache dazugerufen wird. Das soll nun verändert werden. Die Feststellung des Todes und die Ermittlung der Todesursache sollen getrennt werden. Und dazu soll es einen Pool speziell geschulter Mediziner für die Leichenschauen geben.

Ein konkretes Beispiel: Stirbt jemand etwa zu Hause im Schlaf, dann ändert sich für die Angehörigen erst einmal nichts. Wenn die Person gefunden wird, dann wird auch jetzt in der Regel zunächst ein Arzt dazugerufen, der den Tod der Person feststellt. Dies bleibt auch weiterhin so, nur dass dann nicht dieser Arzt die Todesursache ermittelt, sondern ein geschulter Mediziner aus dem neuen Dienst.

Sinneswandel in der Behörde

Offen ist derzeit etwa noch, wo diese Untersuchung durchgeführt werden soll, und wie der Dienst organisiert wird. Mit der Ärztekammer so erklärt der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Jens Schmidt, sollen nun Gespräche etwa über nötige Fortbildungen geführt werden. Die Kosten werden wohl die Angehörigen tragen müssen. Für viele wird die neue Regelung aber nicht teurer als die bisherige, sagt Schmidt. Denn über 80 Prozent der Toten in Bremen werden ohnehin eingeäschert. Und in diesen Fällen muss vor der Einäscherung eine genauere Leichenschau durchgeführt werden. Wenn nun bereits die erste Untersuchung umfassender ausfalle, könne die zweite entfallen, so Schmidt. Höhere Kosten kämen dann nur auf die zu, deren Angehörige nicht eingeäschert werden.

Noch im Sommer hatte das Gesundheitsressort Forderungen nach der qualifizierten Leichenschau abgelehnt mit der Begründung, sie setze Angehörige einem Generalverdacht aus. Experten sprachen sich bei einer Anhörung im Herbst jedoch fast einhellig für die qualifizierte Leichenschau aus. Auch unter dem Eindruck dieser Anhörung habe das Ressort seine Meinung noch einmal überdacht, berichtet Schmidt.

Streit deutet sich unterdessen mit den Krankenhäusern an. Denn dort, so erklärt Uwe Zimmer, der Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, herrsche unter den Chefärzten die Meinung vor, dass auch jetzt schon eine Leichenschau von qualifizierten und erfahrenen Ärzten durchgeführt werde. Die Gesundheitsbehörde gleichwohl will den Leichenschaudienst wohl flächendeckend einführen.

Heike Delbanco, Hauptgeschäftsführerin der Bremer Ärztekammer, befürwortet das aus zwei Gründen: Zum einen würden die Ärzte – auch in Krankenhäusern – entlastet. Zum anderen werde die Qualität verbessert, auch, weil der beschränkte Kreis damit betrauter Ärzte durch die Regelmäßigkeit mehr Routine entwickeln könne.

Was wird aus dem Institut?

Erfreut zeigte sich über die Entscheidung der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin, Michael Birkholz. Er hatte seit Jahren für die qualifizierte Leichenschau geworben. Wie es mit dem Institut, das an das Klinikum Bremen-Mitte angebunden ist, weitergeht, ist allerdings noch offen – sagt die Gesundheitsbehörde. „Wir brauchen die rechtsmedizinischen Kenntnisse“, sagt Schmidt, „wie wir das organisieren und ob man dafür ein eigenständiges Institut braucht, ist aber eine andere Frage.“ Innen- und Justizressort wollen sich in dieser Frage nicht einmischen. Beide begrüßen die Entscheidung für die qualifizierte Leichenschau. Die Organisation der Rechtsmedizin sei allerdings Sache der Gesundheitsbehörde, heißt es dort. Hinter den Kulissen gleichwohl ist eine Entscheidung offenbar schon gefallen. Birkholz bestätigt auf Nachfrage, dass das Institut zum Ende dieses Jahres geschlossen werden soll.

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