Bovenschulte besucht Fatih-Moschee

In der Corona-Krise: Alles anders zum Ende des Ramadan

Zum Ende des Ramadan kommt normalerweise eine muslimische Delegation in das Bremer Rathaus. In der Corona-Krise stattet Bürgermeister Bovenschulte der Fatih-Moschee einen Besuch ab.
25.05.2020, 05:00
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In der Corona-Krise: Alles anders zum Ende des Ramadan
Von Frank Hethey
In der Corona-Krise: Alles anders zum Ende des Ramadan

Ausreichend Platz zum Nebenmann: Beim Gebet zum Abschluss des Fastenmonats waren die Abstandsregeln einzuhalten.

Frank Thomas Koch

Wenn der Ramadan zu Ende geht, empfängt der Bürgermeister normalerweise eine muslimische Delegation im Rathaus. Und normalerweise strömen beim abschließenden Feiertagsgebet die Gläubigen in die Moscheen. Doch in diesem Jahr war alles anders zum Abschluss des traditionellen Fastenmonats. Nicht die Muslime besuchten den Bürgermeister, sondern der Bürgermeister die Muslime. Auch von drangvoller Enge in der Gröpelinger Fatih-Moschee konnte diesmal keine Rede sein. „Sonst haben wir ein volles Haus mit weit mehr als 1000 Leuten“, sagt Vahit Bilmez, Vizepräsident der Islamischen Föderation Bremen. An diesem Sonntag waren es nur 340 Gläubige im Gebäude selbst und draußen auf dem Parkplatz – mehr ließ die Gemeinde nicht zu.

Die Corona-Pandemie hat auch im muslimischen Gemeindeleben tiefe Spuren hinterlassen. Gerade im Ramadan machten sich die behördlichen Kontaktauflagen noch stärker bemerkbar als ohnehin schon. „Sehr merkwürdig, sehr traurig, sehr einsam“ sei es diesmal gewesen, sagt Bilmez. Was den Fastenmonat eigentlich ausmacht: Das Zusammenkommen von Freunden und Verwandten beim Fastenbrechen nach Sonnenuntergang fiel diesmal mehr oder weniger komplett aus. Das wird sich auch bis Dienstag kaum ändern – drei Tage währt das Fest zum Ende des Ramadan. „Vor allem gefährdete Menschen, die Älteren, haben den Ramadan sehr einsam verbracht.“

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Geradezu generalstabsmäßig hatte sich die Gemeinde auf den großen Tag vorbereitet. Insgesamt 50 Ordner waren im Einsatz, bei mehreren Probeläufen wurden alle Handgriffe geübt. Immerhin hatte sich auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) angesagt. Nicht sein erster Besuch in der Fatih-Moschee, wohl aber die erste Visite eines Stadtoberhaupts zum Ende des Ramadan. „Eine schöne Geste“, sagt Bilmez. „Für uns war das eine große Ehre.“

Dass Bovenschulte in seinem Grußwort betonte, die Muslime gehörten zu Bremen, sie seien ein Teil Deutschlands, hörten seine Gastgeber gern. „Diese Worte haben uns gut getan“, betont Bilmez, zugleich stellvertretender Vorsitzender der Schura Bremen, des Dachverbands muslimischer Gemeinden. Was ihn mit besonderer Genugtuung erfüllte: Bovenschulte bekannte sich vor laufender Kamera zu den Muslimen als integraler Bestandteil der Gesellschaft – das ZDF war mit einem Team zugegen.

Ende des Ramadan - Gebet in der Fatih-Moschee - Islam - Koran

Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) bei seinem Grußwort am Sonntag in der Gröpelinger Fatih-Moschee.

Foto: Frank Thomas Koch

„Wir sind Bremer Muslime“

Das Bekenntnis zu den Muslimen hat der 45-Jährige von Politikern schon öfter vernommen. Aber allzu häufig nur in kleiner Runde, nicht vor einem großen Publikum. Sein Eindruck: „Einige Politiker trauen sich nicht, in aller Öffentlichkeit für uns einzutreten.“ Dabei seien sie doch alle hier geboren und aufgewachsen. „Wir sind Bremer Muslime.“

Während des Ramadan versuchte die Gemeinde, mit mehreren Projekten der Vereinzelung ihrer Mitglieder etwas entgegenzusetzen. Mit einer Art Seniorenseelsorge am Telefon, mit Hilfe bei den Einkäufen. Doch ein vollwertiger Ersatz sei das nicht gewesen. Genauso wenig wie digitale Angebote für jüngere Menschen – eine Videokonferenz mit Gebeten sei eben etwas anderes als der Gottesdienst in der Moschee.

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Selbst im engsten Familienkreis blieben althergebrachte Traditionen auf der Strecke. Weil bei Elternbesuchen der Sicherheitsabstand eingehalten werden musste, fiel der Kuss auf die Hand als Respektsbekundung aus. „Den Eltern küsst man die Hand, beglückwünscht sie zum Fest“, sagt Bilmez. In diesem Jahr war daran nicht zu denken. Das gleiche Lied bei den sonst üblichen Geschenken für die Kinder. „Die wurden zwar verteilt, aber die Nähe hat gefehlt.“

Kleineren Kindern so etwas begreiflich zu machen, sei nicht gerade leicht. „Das ist schon etwas merkwürdig, das ist halt Corona.“ Corona ist auch, nach der Lockerung der Kontaktverbote einen gangbaren Weg zu finden beim Neustart des Gemeindelebens. „Wir hatten schon ein bisschen Angst, dass die Leute sich nicht alle an die Vorgaben halten.“

Strengere Maßstäbe als behördlich vorgeschrieben

Zumal die Gemeinde bei den Vorbereitungen zum Ende des Ramadan noch strengere Maßstäbe anlegte als behördlich vorgeschrieben. „Unsere Empfehlung lautete, die Kinder zu Hause zu lassen“, erklärt Bilmez. Den über 60-Jährigen sei nahegelegt worden, an den Gebeten nicht teilzunehmen. Das habe erstaunlich gut geklappt: Kinder seien gar nicht vor Ort gewesen und nur ein bis zwei Senioren.

Einsichtig sind laut Bilmez auch die Besucher des Festtagsgebets gewesen. Alle Teilnehmer trugen Masken und wahrten den Sicherheitsabstand von anderthalb bis zwei Metern. Bei der Größe der Fatih-Moschee war das auch kein Problem. Nur rund 80 Gläubige habe man in den Hauptgebetsraum gelassen, jede Person habe ausreichend Platz gehabt.

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Weitere Moscheebesucher wurden in den vorher gründlich gereinigten Aufenthaltsräumen und Büros untergebracht. Für alle habe es überdies die Auflage gegeben, einen eigenen Gebetsteppich mitzubringen. Genutzt wurde auch der weitläufige Parkplatz. Dort bot sich das gleiche Bild: zahlreiche Gläubige auf Gebetsteppichen, aber mit gehörigem Abstand zum Nebenmann.

Fünf Gottesdienste pro Tag

Wenn der Andrang noch größer gewesen wäre, hätte die Gemeinde das Festtagsgebet wiederholt. „Aber das war nicht der Fall, deshalb haben wir es ausfallen lassen“, sagt Bilmez. Dafür finden jetzt nach der behördlichen Erlaubnis wieder Gottesdienste statt. Zuerst habe man mit drei Gottesdiensten pro Tag angefangen und nun auf fünf erhöht.

Allerdings ist bei Weitem noch nicht alles wie vorher, wie in den Zeiten vor Ausbruch der Corona-Pandemie. „Die Gottesdienste halten wir in kleinerem Rahmen ab.“ Tagsüber finden sich gewöhnlich 20 bis 30 Gläubige ein, abends und nachts 40 bis 50. Bei einer Grundfläche von 800 Quadratmetern gibt es im Hauptgebetsraum Platz genug für alle.

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