Antonio Donato verarbeitet seinen Schlaganfall künstlerisch und stellt im Bandonion aus

Alles in der Schwebe

Ostertor. Gezeichnet hat der Sprachlehrer und Kulturwissenschaftler Antonio Donato schon immer. Den Stift hielt er in der rechten Hand.
02.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke, Ulrike Schumacher und Monika Felsing

Ostertor. Gezeichnet hat der Sprachlehrer und Kulturwissenschaftler Antonio Donato schon immer. Den Stift hielt er in der rechten Hand. Bis zum Schlaganfall vor fünf Jahren, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Seitdem ist der heute 40-Jährige halbseitig gelähmt. Er musste die ungelenke linke Hand trainieren, immer wieder. „Ü-ben“, sagte er leise, als er vor zwei Jahren in der Diakonischen Behindertenhilfe in der Reha-Tagesstätte auf dem Klinikgelände in Lilienthal seine erste Ausstellung vorbereitete. „Ü-ben, ü-ben.“ Die Hirnschädigung hat auch Donatos Sprachzentrum getroffen, er leidet an einer Aphasie. Zwar ist ihm der Wortschatz geblieben, doch muss er sich anstrengen, um die richtigen Worte zu finden. „Er trägt die Wörter in sich, weiß aber oft nicht mehr, wo er sie in seiner inneren Bibliothek findet“, erklärte Kunsttherapeutein Anja Schlesselmann damals.

Eine Hirnschädigung sei meist „nicht völlig reversibel“. Doch Verbesserungen sind möglich, und damit steigen die Chancen, wieder am Leben teilzunehmen und möglichst selbstbestimmt zu leben. Das kreative Tun spielt eine Schlüsselrolle. „Viele arbeiten ihr eigenes Leben mit seinen Verlusten künstlerisch auf“, sagt die Kunsttherapeutin. „Sie bearbeiten ihre eigenen Themen.“ Das Malen, Drucken, Zeichnen und Modellieren ist auch in der Tagesförderstätte für geistig und körperlich behinderte Menschen ein Schwerpunkt. Wie oft Menschen mit Behinderungen an ihre Grenzen stoßen, weiß Anja Schlesselmann. „Oft haben sie gehört: Das ist richtig, das ist falsch. Diese Grenzen gibt es beim Künstlerischen nicht – da geht alles.“ Das kreative Arbeiten sei ein schöpferischer Prozess.

Antonio (Toni) Donato, Sohn italienischer Eltern, die auf Arbeitssuche nach Deutschland gekommen waren, ist am Ball geblieben. Er hat in Lilienthal ausgestellt und in seiner Heimatstadt Wolfsburg. Am zweiten Advent feierte er um 16 Uhr Vernissage in der Galerie des Bandonion an der Gertrudenstraße 37 im Ostertor. Bis zum 4. Februar sind die Bilder in den Räumen der Kneipe zu sehen. „Kreativ war er schon immer“, steht in seiner Vita. „Kunst, Musik, Literatur und Sprachen erfüllten sein Leben. Der Schlaganfall nahm ihm alles, aber er kämpfte sich zurück in die Welt. Und dabei half ihm das Malen.“ Aus einem Rechtshänder ist ein Linkshänder geworden. Und der Mann, der fünf Sprachen beherrschte, heute aber nur noch mühsam sprechen kann, lässt seine Bilder für sich reden. Er sei froh, am Leben zu sein, hat er 2015 gesagt, als seine Ausstellung in der Lilienthaler Bibliothek eröffnet wurde. Er ist froh, auch wenn er heute ein völlig anderes Leben lebt und der Weg steinig war. „Das war sehr schwer“, hat er 2015 gesagt.

Seine Kunst hat sich seit seiner ersten Ausstellung gewandelt. Frühe Zeichnungen sind als „stumme Schreie auf Papier“ verstanden worden“, waren Ausdruck seiner seelischen Verfassung, aber auch der Suche nach einem Weg zurück in den Alltag. „Die aktuelleren Werke zeigen eine andere Seite“, bescheinigen ihm die Organisatoren der Ausstellung. „Der Künstler ist gereift und hat Trauer und Wut ein Stück weit hinter sich gelassen. Die Bilder sind ruhiger und harmonischer. Er malt die Freiheit der Vögel, er lässt sich von indischem Schach inspirieren, malt Tierkreiszeichen und Porträts.“

Die Bilder reizen zum genauen Hinsehen, weil sie von vielen kleinen Details leben. „Meins“ steht in großen Buchstaben über einem Gesicht hinter einer Torte mit Kerzen. In der Mitte schimmert ein grünes Herz durch. „Es schlägt noch“, sagt Antonio Donato. Das Malen sei für ihn so etwas wie ein Geschenk gewesen. „Ich war stumm, aber Malen war meine Sprache.“ Er sei noch viel kreativer, berichtet eine Freundin. „Er hat geschrieben.“ Der Maler nickt. „Ja, Biografisches, Romane, Novellen und Gedichte.“ Und dann gab es die Musik. Auch die hat sich Antonio Donato bewahrt. Er spielt immer noch Gitarre. Früher spielte er in Bands. Und was? „Heavy Metal.“ Man glaubt es kaum. Der Mann mit den dunklen Haaren und der dunklen Brille ist stilsicher gekleidet, wirkt zurückhaltend und charmant. Heavy Metal will da nicht ins Bild passen. „Doch“, sagt er noch mal. „Aber auch Klassik. Allein habe ich Klassik gespielt.“

Die Musik ist jetzt genauso seine Antriebskraft wie das Malen. Um fünf Uhr in der Frühe setzt er sich hin, um sein Instrument zwei Stunden zum Klingen zu bringen. Dann folgen Therapien, und danach zieht es ihn an seinen Atelierplatz in der Reha-Tagesstätte der Diakonischen Behindertenhilfe in Lilienthal. Zeichnen muss Donato jeden Tag. Eines seiner Lieblingsmotive sind Vögel. „Sie sind frei. Könige der Lüfte.“ Auf einem anderen Bild blicken blaue Augen hinter einem Tuch hervor. Soll es die Augen verbinden oder wird der Blick frei? Die Situation ist unentschieden. In der Schwebe. Aber in der Schwebe ist alles möglich.

„Ich war stumm, aber Malen war meine Sprache.“ Antonio Donato
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