40 Buden auf 24.000 Quadratmeter

Wie der Stoppelmarkt in Vechta läuft

Wer einen Vorgeschmack darauf bekommen möchte, wie der „Freipaak“ in drei Wochen in Bremen ablaufen könnte, der kann jetzt schon mal in Vechta vorbeischauen. Wir haben es getan, hier der Bericht.
12.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie der Stoppelmarkt in Vechta läuft
Von Marc Hagedorn
Wie der Stoppelmarkt in Vechta läuft

Alles ein paar Nummern kleiner diesmal in Vechta, außer am Breakdancer: Die Bremer Schaustellerfamilie Vespermann ist mit dem größeren ihrer zwei Breakdancer-Modelle auf dem Stoppelmarkt anwesend.

Fabian Wilking

„Ach nee, guck‘ an“, sagt die Frau im Kassenhäuschen am Breakdancer, „der Frank ist auch wieder da.“ Die Frau im Kassenhäuschen heißt Claudia Vespermann-Dreher, sie ist Schaustellerin, ihr gehört der Breakdancer, und „der Frank“ ist so etwas wie ein Stammkunde. Frank kommt aus Bremen und reist mit dem Zug von Volksfest zu Volksfest in Deutschland.

Jetzt kommt Frank gerade aus Bielefeld, kurz vorher war er in Düren. „Da hat er uns auch besucht“, sagt Vespermann-Dreher. Sie freut sich, Frank jetzt wieder regelmäßiger zu sehen, denn das bedeutet, dass ein Stück Normalität in ihr Leben als Schaustellerin zurückgekehrt ist. Nach Wochen des Stillstands darf die Bremerin endlich wieder das tun, wofür sie sich geboren fühlt: mit ihrem Fahrgeschäft durch die Lande reisen. Noch bis zum 4. Oktober steht sie in Vechta auf dem Stoppelmarktgelände.

„Viel Vergnügen auf dem Stoppelmarkt“. So steht es auf dem großen Banner, das quer über die Zufahrtsstraße zum Gelände gespannt ist. Stoppelmarkt steht drauf, drin ist aber tatsächlich ein Freizeitpark. Und das bedeutet: alles Stoppelmarkt, aber alles ganz anders. Der Breakdancer aus Bremen ist eines von vier sogenannten Großfahrgeschäften. Wenn hier sonst Stoppelmarkt ist, gibt es 40 Geschäfte dieser Größenordnung.

40 Buden mit viel Abstand

In diesem Jahr ist wegen Corona alles ein paar Nummern kleiner. Das Gelände? Statt 160.000 Quadratmeter nur 24.000 Quadratmeter groß – und komplett eingezäunt. Die Schausteller? Statt wie sonst 500 durften diesmal nur 40 von ihnen ihre Buden und Fahrgeschäfte aufbauen – mit viel Abstand dazwischen. 6,3 Kilometer lang ist normalerweise der Rundweg durch die Gassen, diesmal sind es nicht einmal zwei Kilometer Strecke. 20 Zelte zum Partymachen und für Live-Musik stehen hier sonst, in diesem Jahr kein einziges, Zelte sind verboten. 800.000 Besucher wie sonst wird der Freizeitpark Stoppelmarkt nicht annähernd anlocken. 2500 Menschen dürfen sich diesmal gleichzeitig hier aufhalten, das wird am Eingang kontrolliert.

Und auch wenn alles anders und kleiner ist, können einige an diesem Tag gar nicht erwarten, dass es los geht. Manuela und Michael Brinkmann sind mit Söhnchen Paul schon seit halb zwei hier. Dabei öffnet der Park erst in einer halben Stunde. So stehen sie immerhin ganz vorn in der Schlange und haben auch keinen Stress beim Registrieren. Denn das ist die Voraussetzung für den Besuch: Alle Kontaktdaten werden beim Betreten und Verlassen des Geländes erfasst, am bequemsten geht das per Handy und dem Scannen des angezeigten QR-Codes. Schon Standard inzwischen überall: Die Aufsteller mit Hinweisen zum Abstand halten, Maske tragen und Hände desinfizieren. 50 Spender sind auf dem Gelände verteilt.

Freizeitpark Stoppelmarkt

Plexiglas statt Mundschutz: Janiak Arkadiusz am Kartenverkauf seines Fahrgeschäfts.

Foto: Fabian Wilking

Die Brinkmanns kommen aus Diepholz, er ist in Lohne aufgewachsen und war in seiner Sturm- und Drang-Zeit Stammgast auf dem Stoppelmarkt, „immer 14 Tage Urlaub, eine Woche Stoppelmarkt, eine Woche Erholung“, sagt er und lacht. Ehrensache, dass er auch jetzt mit Familie kommt, „schließlich haben wir hier eines der schönsten Volksfeste im Norden“. „Und es ist doch schön für die Kinder, dass sie mal wieder rauskommen“, sagt Manuela Brinkmann. Söhnchen Paul hat sich schon entschieden, er möchte unbedingt Geisterbahn fahren. Damit hat er eine gute Wahl getroffen. Auf drei Ebenen kann er sich im Daemonium gruseln.

Commander, Wildwasserbahn, Musikexpress, Autoscooter, Großschaukel Conga – wenn Thomas Frilling sich so umschaut, ist er ziemlich beeindruckt, auch wenn er es hier natürlich ganz anders kennt. Frilling sitzt im Rat der Stadt Vechta, ist Mitglied im Marktausschuss und jedes Jahr als Drehorgelmann im Nordwesten unterwegs, um Werbung für den Stoppelmarkt zu machen, also für den echten. „Ich freue mich“, sagt Frilling, „auch wenn das kein Vergleich zum traditionellen Stoppelmarkt ist.“ Kein Umzug, keine Ehrengäste, keine Böllerschüsse zur Begrüßung. Immer donnerstags bis sonntags ab 14 Uhr ist geöffnet. Dass zu Beginn nur wenige Besucher da sind, wundert ihn nicht. „Es ist früh am Tag und in der Woche, am Wochenende wird es hier brummen“, sagt er, „ich weiß, dass die Vechteraner heiß sind. Und ich gönne es den Schaustellern, dass sie hier zeigen dürfen, was sie können.“

Der Schaustellerverein besitzt die Verantwortung

Die Stadt ist diesmal nicht Ausrichter des Marktes, das ist jetzt der Schaustellerverein Vechta. Er trägt das Risiko und die Verantwortung für die Sicherheit und muss gegebenenfalls zusätzliche Kosten stemmen. Die Stadt ist den Schaustellern aber entgegen gekommen und verzichtet auf das übliche Standgeld. „Wir sind einfach glücklich, endlich wieder etwas machen zu dürfen“, sagt Jürgen Meyer, der Imbiss- und Getränkestände betreibt. Für viele Betriebe in der Branche sei die Corona-Pause existenzbedrohend, auch jetzt noch, obwohl sich langsam wieder etwas tut.

Meyer, auch Vorsitzender des Vereins reisender Schausteller Vechta, ist froh, dass sie auf dem Stoppelmarkt Bier und Wein ausschenken dürfen. In Bremen ist das verboten, und daran wäre um ein Haar auch die Ausrichtung eines „Freipaaks“ als Ersatz für den Freimaak gescheitert. „Für uns nicht nachvollziehbar, dass Bremen seine Schausteller so behandelt“, sagt Meyer, „das ist ungerecht.“ Er hat keine Sorge, dass in Vechta Feierwütige über die Stränge schlagen. Hochprozentiges wird nicht ausgeschenkt, angetrunkene Gäste will man nicht aufs Gelände lassen.

Enttäuscht von der Bremer Politik ist auch Claudia Vespermann-Dreher. Sie kommt vom Dürener „Sommer Special“, und ihr Mann ist mit dem kleinen Breakdancer gerade auf einem Pop-Up-Freizeitmarkt in Dormagen. Auch dort ist Alkohol im Ausschank. „Ganz ehrlich“, fragt sie, „wo ist das Problem, wenn Oma und Opa, Mama und Papa mit den Kleinen auf den Rummel gehen und die Erwachsenen zur Bratwurst oder zur Pizza ein Bier oder ein Glas Wein trinken wollen? Das gehört doch zusammen.“ So wie Freimarkt und Bremen. Oder Stoppelmarkt und Vechta.

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