Erzieher stehen vor Herausforderung

Alltag in Gröpelinger Kita: Deutsch als Fremdsprache

Von rund 100 Kindern, die in Gröpelingen in eine Kita gehen, haben 90 Prozent einen Migrationshintergrund. Wie gehen Erzieherinnen damit um? Ein Besuch vor Ort.
19.02.2017, 19:53
Lesedauer: 5 Min
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Alltag in Gröpelinger Kita: Deutsch als Fremdsprache
Von Sara Sundermann

Von rund 100 Kindern, die in Gröpelingen in eine Kita gehen, haben 90 Prozent einen Migrationshintergrund. Wie gehen Erzieherinnen damit um? Ein Besuch vor Ort.

Mehr als jedes dritte Kindergartenkind in Bremen hat Sprachförderbedarf. In manchen Stadtteilen haben noch deutlich mehr Kinder Schwierigkeiten im Deutschen. Besonders Gröpelingen sticht heraus: In dem Stadtteil im Bremer Westen wird 60 Prozent der Kinder im sogenannten Cito-Test im Vorschulalter ein Sprachförderbedarf attestiert. Ein Besuch in einer Gröpelinger Kita, in der 90 Prozent aller Kinder Migrationshintergrund haben.

Nadja Schade lernt gerade, wie die Körperteile auf Türkisch heißen. Sie hält das deutsch-türkische Bildwörterbuch, zeigt auf die Zeichnungen und Begriffe und fragt nach, ob sie es richtig ausspricht. Zwei türkische Jungen helfen ihr und sprechen die Wörter eifrig vor. Nadja Schade ist Erzieherin in der Kita am Schwarzen Weg. Und während sie den beiden Jungs das Türkische nachspricht, wiederholen diese nebenbei auch die deutschen Wörter.

„Für die Kinder ist es toll, wenn es für mich auch mal schwierig ist, wenn ich Wörter nicht kenne“, sagt Schade. Die beiden Jungs sprechen inzwischen schon ganz gut Deutsch. Andere Kinder in der Gruppe sind beim Sprache lernen noch am Anfang. Das syrische Mädchen Nora ist mit seinen Eltern erst seit April in Deutschland und seit September in der Kita. Nora spricht noch nicht, versteht aber vieles und kennt die Regeln in der Kita.

Gesten helfen im Alltag

Zeigen, gestikulieren, vormachen: Wenn Nadja Schade und ihre Kollegin Nora Franz etwas erklären, brauchen sie oft beide Hände. Dass ein Kind noch kein Deutsch spricht, wenn es in die Kita kommt, ist hier der Normalfall. In der Gruppe, in der wir zu Gast sind, kommen 17 Kinder aus Einwandererfamilien, drei Kinder sind deutsch. Viele sprechen zu Hause Türkisch, Kurdisch oder Arabisch.

Es gibt aber auch Kinder aus bulgarischen und nordafrikanischen Familien. Dass so wenige Kinder anfangs Deutsch können, liegt nicht am Zuzug von Flüchtlingen in den vergangenen beiden Jahren. Von rund 100 Kindern kommen nach Angaben der Kita nur sechs aus geflüchteten Familien, die ganz neu in Deutschland sind. Vier von fünf Kindern kommen aus Einwandererfamilien der zweiten und dritten Generation.

Deutlich wird also in den Kitas auch, wie wenig Deutsch in vielen Gröpelinger Familien gesprochen wird. Doch wenn Eltern nur wenig Deutsch können, ist es besser, wenn sie in ihrer Muttersprache mit dem Kind sprechen – und das Kind später Deutsch als zweite Sprache in der Kita lernt, sagt Martina Behrens-Lambertus, die als Sprachförderkraft in der Kita arbeitet. Ihre halbe Stelle wird über ein Sonderprogramm des Bundes finanziert.

Mimik ist anfangs besonders wichtig

„Die Grundvoraussetzung für Sprachkompetenz ist, dass man eine Herzenssprache hat, eine Sprache, in der man seine Gefühle ausdrücken kann und in der man getröstet wird“, sagt Behrens-Lambertus. Die Sozialpädagogin leitet Kinder mit Förderbedarf gezielt in Kleingruppen an und integriert die Sprachförderung für alle Kinder in den Alltag, zum Beispiel beim Bilderbuchtheater Kamishibai. Dabei erzählt sie wie in einem kleinen Kino eine Geschichte – in konzentrierter Atmosphäre und im Austausch mit den Kindern.

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Doch Sprachförderung betreiben auch die Erzieherinnen – permanent. Sie zeigen, erklären, lesen vor und machen sich zu Hause Spickzettel für die wichtigsten Begriffe in der Muttersprache der Kinder ihrer Gruppe. „Dass wir ein paar Wörter kennen, ist wichtig, um Vertrauen aufzubauen“, sagt Nadja Schade. Und in den ersten Tagen ist es oft unerlässlich, um sich überhaupt zu verständigen.

Noch wichtiger als Wörter sei anfangs aber die Mimik, betont die Erzieherin: Ein Kind, das noch gar kein Deutsch spricht, redet zuerst oft mit ihr in seiner Muttersprache. Schade versteht dann nicht, hört aber trotzdem zu, sieht das Kind an und nickt. „Kinder spüren die Wertschätzung.“

Mehr als nur sprachliche Barrieren

Sprachliche Barrieren sind aber nicht die einzigen Hürden für viele Kinder. Alle Eltern wünschen sich eine gute Zukunft für ihr Kind, sagt Schade. Aber für viele stehe Bildung im Alltag dennoch nicht im Zentrum – viele Familien mühten sich mit der Existenzsicherung. Und in einigen Familien gebe es auch Probleme beim Essen: „Montags gibt es in der Kita immer etwas besonders Nahrhaftes, weil man dann schon merkt, dass es bei manchen Kindern am Wochenende etwas knapp war.“

An diesem Montag gibt es Tortellini mit Tomatensoße, Salat und Obst. Zwei Kinder haben Tischdienst, sie schieben den großen Wagen mit den Tellern und wischen die Tische ab. Selbst die Kinder, die den ganzen Tag noch kein Wort auf Deutsch gesagt haben, kennen den Ablauf und die Regeln genau. Sie verstehen, was die Erzieherinnen sagen. „In der frühen Kindheit ist der Spracherwerb noch einfach“, sagt Kita-Leiterin Ulrike Kleinert. Sie sagt auch: 22 von 30 Kindern in ihrer Kita brauchen Unterstützung.

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Wenn man sie fragt, was sie sich wünscht, um Kinder besser zu fördern, benennt sie das klar: „Wir wünschen uns weitere Differenzierungsräume, um mal einen Teil der Kinder aus der Gruppe nehmen zu können. Und wir würden uns wünschen, dass die Gruppen nicht so groß sind, um mehr Zeit zu haben, die Kinder im Alltag sprachlich zu begleiten.“ Derzeit verbringen Kinder mit Förderbedarf etwa zwei Stunden pro Woche in der individuellen Sprachförderung – ein Bruchteil der Gesamtzeit in der Kita.

Mehr Bedarf, größere Gruppen

Selbst unter extremen Bedingungen, wenn kaum deutsche Kinder in der Gruppe sind, lernen Kinder die Sprache schnell, das wird deutlich an diesem Tag im Gröpelinger Kindergarten. Eine Kita kann beim Spracherwerb viel leisten.

Trotz des großen Bedarfs für Unterstützung beim Deutsch lernen sind Sprachfördergruppen in Gröpelingen größer als in Stadtteilen mit weniger Einwanderung: Zuletzt waren hier im Schnitt sechs Kinder in einer Kleingruppe, ähnlich wie in Vegesack. In Schwachhausen, Horn-Lehe, Mitte und der Östlichen Vorstadt waren nicht einmal halb so viele Kinder in einer Fördergruppe. Klar ist ebenfalls: Förderung bleibt auch nach der Kita wichtig. Mehr als jedes zweite Kind, dem in der Kita Sprachförderbedarf bescheinigt wurde, ist laut Bildungsbehörde bei der Einschulung weiter förderbedürftig.

Einfacher wird die Situation am Schwarzen Weg in Zukunft kaum. „Dass Kinder bei uns Deutsch lernen, wird noch zunehmen“, sagt Kleinert. „Es ist absehbar, dass es im nächsten Jahr bei uns kaum noch Kinder geben wird, für die Deutsch die Haupt-Muttersprache ist.“ Gleichzeitig sollen in der Kita ab Sommer 40 zusätzliche Plätze entstehen. Dafür sollen Container auf dem Gelände aufgestellt werden. Allerdings: Noch ist kein Busch dafür gefällt, die Bauarbeiten vor Ort haben noch nicht begonnen.

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