Polizeistatistik für den Bremer Osten

Alltag wird immer sicherer

Zum Teil deutlicher Rückgang von Verbrechen im Bremer Südosten. Sorge bereitet der Polizei nur die Dunkelziffer von Gewalttaten im häuslichen Bereich sowie die steigende Anzahl von Betrugsversuchen an Senioren.
27.03.2019, 18:33
Lesedauer: 4 Min
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Alltag wird immer sicherer
Von Christian Hasemann
Alltag wird immer sicherer

Matthias Riechmann, Claus Möller und Juliane Rath blicken auf eine eher erfreuliche polizeiliche Kriminalitätsstatistik.

PETRA STUBBE

Allen lautschreierischen Meldungen zur vermeintlich steigenden Kriminalität zum Trotz: Nach der offiziellen Statistik der Polizei Bremen ist es eher unwahrscheinlich im Bremer Südosten Opfer einer Straftat zu werden. Sorge macht den Beamten allerdings die zunehmende Zahl von Betrugsversuchen zum Nachteil älterer Menschen.

Polizeidirektor Claus Möller, Leiter der regionalen Abteilung Ost, beschränkte sich bei der Präsentation der Statistik auf die in seinen Augen in der Bevölkerung besonders relevanten Straftaten. Das sind zum einen Raubdelikte und Gewalttaten, aber auch Wohnungseinbrüche, Fahrraddiebstähle und Autoaufbrüche.

Bei den Raubtaten zählte die Polizei 174 Taten im Jahr 2018 im Bereich Ost, der die Reviere Hemelingen, Osterholz, Schwachhausen, Horn-Lehe und Vahr mit einer Gesamtbevölkerung von knapp 200 000 Menschen umfasst. Zu den Raubdelikten gehört zum Beispiel das „Abziehen“ in der Schule. Allerdings könne auch ein Diebstahl schnell zum Raub werden, nämlich dann wenn ein Ladendieb ertappt werde und versuche mit seiner Beute zu entkommen und sie dabei mit den Händen sichere, erklärte Claus Möller. Mit 15 Raubtaten im Jahr 2018 lag die Zahl im Revierbereich Vahr am niedrigsten. Gleichwohl sagt Claus Möller: „Auch wenige Opfer sind Opfer zu viel.“

Zahl der Wohnungseinbrüche seit 2014 halbiert

Eine echte Rezession erlebt offenbar derzeit das Gewerbe im Bereich des Wohnungseinbruchdiebstahls. Von 868 im Jahr 2017 auf 529 im Jahr sank die Zahl der angezeigten Einbrüche und Einbruchsversuche. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 1127 Wohnungseinbrüche. „Einbrüche gehen nicht nur im Südosten, sondern überall zurück“, sagt Claus Möller. Am seltensten versuchten es die Täter dabei in der Vahr (57 Fälle), danach folgen Osterholz und Hemelingen mit 84 und 92 Fällen. Spitzenreiter: Horn und Schwachhausen mit 160 und 136 Fällen.

Ein Erklärungsansatz, den die Polizei hat, ist eine Gesetzesverschärfung, nach der Wohnungseinbruch als ein Verbrechen gilt, das mit einer Mindeststrafe von einem Jahr zu ahnden ist. „Das macht sich bemerkbar“, sagt Claus Möller. Allerdings hängen die Einbrecherbanden den Kuhfuß nicht an den Nagel, sie verlagern vielmehr ihr Tätigkeitsfeld. „Vielleicht machen sie nun eher Werkstätten, Geschäfte und gewerbliche Objekte.“ Bei 40 Prozent aller Taten des Wohnungseinbruchs bleibt es beim Versuch. „Das führen wir auf Präventionsmaßnahmen zurück: Nachbarn, Sicherungsmaßnahmen, aber auch künstliche DNS.“

Auf den niedrigsten Wert seit fünf Jahren ist die Anzahl der Körperverletzungen gesunken. Hier stehen 798 Taten in der Statistik, ein Rückgang um 201 Taten im Vergleich zum Vorjahr. Auch bei den gefährlichen Körperverletzungen gingen die Taten zurück, dort von 101 auf 91 im Jahr 2018. Nur fünf Taten wurden in Schwachhausen gezählt, zehn in Horn-Lehe. Die meisten gefährlichen Körperverletzungen mit 35 Taten gab es in Hemelingen, gefolgt von Osterholz mit 27 Taten. Allerdings gibt es in dem Bereich Gewalttaten eine Dunkelziffer: Gewalt im häuslichen Bereich wird seltener angezeigt oder die Anzeige wieder zurückgenommen. Ebenso wird nicht jeder Schlägerei oder jeder Schlag auf der Straße, vor der Disko oder der Kneipe zur Anzeige gebracht.

Ebenfalls zurück geht der Diebstahl aus Autos. Dort haben sich die Täter vor allem auf den Teileklau hochwertiger Autos spezialisiert. „Das ist ein großes Geschäftsfeld geworden“, so Claus Möller. Die Anzahl der Taten kann dabei in einer einzigen Nacht in die Höhe getrieben werden. So wurden beispielsweise in Sebaldsbrück in einer Nacht 50 Autos aufgebrochen. „Das waren zehn Prozent aller Taten durch eine einzige Serie.“ Oft sei es aber auch die Nachlässigkeit der Autofahrer, die die Taten begünstigten. „So unbequem es ist: Wertsachen oder Gepäckstücke müssen so verstaut sein, dass man sie nicht sieht.“ Aber auch das schütze nicht davor, dass der Kofferraum aufgebrochen werde. Sicher seien Wertgegenstände nur am Körper.

Mit der steigenden Zahl an zum Teil hochpreisigen E-Bikes scheint offenbar auch das Interesse von Langfingern an diesen zu steigen. Knapp 200 Fälle mehr als im Jahr 2017 zählte die Polizei 2018, insgesamt 1397 Fälle im Bereich Ost. Matthias Riechmann, Leiter des Polizeikommissariats Ost, hat aber auch noch eine andere Erklärung: „2018 war natürlich auch ein gutes Fahrradjahr“ und spielt damit auf den Dürresommer ohne Regen an.

Hinter Betrug stehen oft professionelle Banden

Wirklich Sorge bereitet den Polizeibeamten allerdings die weiter steigende Zahl an Betrugsversuchen an älteren Menschen. „Es gibt immer mehr ältere Menschen und dadurch auch immer mehr alte Menschen mit Vermögen“, sagt Claus Möller. Hinter den Betrugsversuchen stehen häufig professionelle Banden „aber auch kleine Gruppen, die im Team auftreten.“ Ein Beispiel ist der sogenannte Wasserwerker-Trick, bei der sich Täter zu zweit unter dem Vorwand, die Wasseruhr oder die Leitungen kontrollieren zu müssen, Zutritt zu Wohnungen verschaffen. „Es gibt richtig perfide Strategien, die sind gut ausgebildet und in der Lage gezielt starken psychischen Druck aufzubauen“, sagt Claus Möller. „Wenn man da einmal anbeißt, ist das ganz schwer davon wieder los zu kommen.“ Die Polizei versuche über Präventionsmaßnahmen gegenzusteuern. Das Leid und die Scham könne immens sein. „Mir tun die Menschen schrecklich leid, die zum Teil alles verlieren, das ist schlimm“, sagt Claus Möller.

Info

Zur Sache

Tücken der Statistik

Die Zahlen der Kriminalstatistik haben nur einen begrenzten Aussagewert. Zum einen kommt es darauf an, dass eine Straftat tatsächlich bekannt wird. Vor allem bei Sexualstraftaten gibt es eine hohe Dunkelziffer, weil die Opfer häufig keine Anzeige erstatten – besonders, wenn der Täter aus dem privaten Umfeld stammt. Fahrraddiebstähle, KFZ-Einbrüche, Wohnungseinbrüche oder versuchte Wohnungseinbrüche, bei denen Sachschäden entstehen, werden hingegen nahezu immer von den Betroffenen angezeigt – zumal andernfalls die Versicherung nicht zahlt. Außerdem gibt es in einigen Bereichen einen Bearbeitungsstau, das heißt, dass unter Umständen noch nicht alle Taten in die Statistik eingeflossen sind.

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