Serie „Unsichtbare Grenzen“

Alltagsrassismus: Das sagen Betroffene aus Bremen

Seit Jahren berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit Rassismus, etliche Studien haben das bestätigt. In einem Aufruf haben wir Menschen gebeten, uns von ihren Schwierigkeiten im Alltag zu erzählen.
03.08.2020, 05:01
Lesedauer: 4 Min
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Alltagsrassismus: Das sagen Betroffene aus Bremen
Von Kim Torster

Rassismus existiert auch in Deutschland. Das bestätigen nicht nur Studien, auch Betroffene erzählen immer wieder davon. Wie das Bundesinnenministerium (BMI) berichtet, haben die Straftaten im Bereich der Hasskriminalität zuletzt erneut zugenommen. „Maßgebend für die hohen Fallzahlen“, schreibt das BMI in seinem Bericht zu 2019, seien vor allem die Straftaten im Bereich der sogenannten Fremdenfeindlichkeit – unter diesem Begriff erfasst das BMI Straftaten gegen Menschen anderer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe oder Religion.

Rassismus ist alltäglich

Rassismus äußert sich aber nicht immer in Gewalt oder wird als Straftat registriert, sondern begleitet Betroffene in alltäglichen Situationen. Wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet, seien zum Beispiel die Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, für Menschen mit einem ausländisch klingenden Namen bis zu 24 Prozent geringer. Und auch die Wohnungssuche sei erschwert: Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle zufolge machten rund 15 Prozent aller Befragten, die in den vergangenen zehn Jahren auf Wohnungssuche waren, dabei Diskriminierungserfahrungen aus rassistischen Gründen, wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder der Herkunft aus einem anderen Land.

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Das berichten Betroffene aus Bremen

Alltäglichen Rassismus gibt es auch in Bremen. In einem Aufruf haben wir uns an Menschen mit Diskriminierungserfahrungen gewandt und sie gebeten, uns von ihren Erfahrungen im Alltag zu erzählen.

Elizabeth Dinh ist Schauspielerin und Produktionskoordinatorin bei der Compagnons Cooperative inklusiver Film und lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland. Als Vietnamesin berichtet sie von anlasslosen Kontrollen am Flughafen und von Ausgrenzung während der Corona-Zeit.

Virginie Kamche ist Informatikerin, interkulturelle Trainerin und engagiert sich beim Afrika Netzwerk Bremen. Sie hat in Frankreich studiert und ist in einem französischsprachigen afrikanischen Land geboren. Als junge Frau wollte sie in Deutschland Französisch-Lehrerin werden – bestand die Prüfung aber nicht. Sie habe sich nie dagegen gewehrt, sagt Kamche. Aber heute wisse sie: Das war Rassismus. Hier spricht sie zum ersten Mal darüber.

Meryem Albayrak ist Jura-Studentin an der Uni Bremen und Muslimin. Wegen ihres Kopftuchs erfährt sie häufig Ablehnung. Sie sagt: Jeder Mensch sollte das Recht haben, so zu leben, wie er möchte. Albayrak hat sich selbst für das Tragen des Kopftuches entschieden, ihre Schwestern tragen keins. Sie ist im Bremer Umland geboren.

Ali Naki Tutar arbeitet beim Rat & Tat-Zentrum im Viertel und ist dort Berater für queere BIPOC (Black, Indigenous und People Of Color). Er erzählt, wie es sich anfühlt, sich als Mensch aus einer Familie mit Migrationsgeschichte und als homosexueller Mann ständig anders zu fühlen.

Rania Toukebri ist Tunesierin und arbeitet als Raumfahrtingenieurin und Afrika-Koordinatorin in Bremen. Während sie bei der Arbeit meistens für ihr Know-how respektiert werde, erlebe sie als Afrikanerin, Muslimin und Frau dennoch jeden Tag Diskriminierung, sagt sie.

Info

Zur Sache

Zu diesem Format

Die hier wiedergegebenen Erfahrungen sollen als Beispiel für Alltagsrassismus dienen und einen Eindruck davon vermitteln, wie es ist, als diskriminierter Mensch in Bremen zu leben. Dafür hat der WESER-KURIER im Vorfeld Menschen dazu aufgerufen, sich zu melden. Aber nicht alle waren auch bereit, sich öffentlich zu äußern.

Hierfür nannten die Betroffenen unterschiedliche Gründe: Einige sagten, sie hätten Angst vor den Reaktionen im Netz oder auf der Straße; sie befürchten, dass Menschen sie Lügner nennen würden oder sie durch die öffentliche Äußerung zur Zielscheibe von mehr Hass werden könnten. Andere sagten, sie hätten längst resigniert. Sie glauben nicht daran, dass sich die Welt ändere. Wieder andere sagten, sie hätten so viel Rassismus in konkreten Beispielen erfahren, dass es ihnen schwerfalle, all diese Erinnerungen in wenigen Sätzen zusammenzufassen.

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch grundsätzliche Kritik an diesem Format eine Rolle spielt. Erfahrungsberichte wie diese sind häufig Bestandteil der Berichterstattung zum Thema Rassismus. Betroffene haben mitunter das Gefühl, sie müssten erst beweisen, dass es Rassismus gibt, obwohl sie als Gruppe seit Jahren davon berichten. Andere betonen, dass diese Erinnerungen schmerzhaft sind. Wenn sie wiederholt wiedergegeben werden, hole das auch bei anderen Betroffenen schmerzhafte Erinnerungen zurück, die sie bis dato vielleicht verdrängt hatten.

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