Vorsitzender des Alpenvereins im Porträt

Hoch hinaus, weit entfernt

Die Berge sind weit entfernt, aber der Bremer Alpenverein hat mittlerweile über 5000 Mitglieder. An der Spitze steht seit kurzem Dieter Mörk – ein Flachländer, der erst spät zum Bergsteigen kam.
01.11.2020, 04:57
Lesedauer: 4 Min
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Hoch hinaus, weit entfernt
Von Felix Wendler

Mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger umkrallt Dieter Mörks rechte Hand den kleinen Griff aus weißem Kunststoff. Seine Füße tasten etwas weiter unten nach Halt. Langsam arbeitet er sich die Wand hinauf, bis es irgendwann nicht mehr weitergeht. Dann fällt er, hängt kurz in der Luft, bevor sein Seilpartner ihn zu Boden lässt. Die 16 Meter hohe Decke des Kletterzentrums hat Mörk nicht erreicht, aber für Bremer Verhältnisse dennoch viele Höhenmeter gesammelt. Als Vorsitzender des Alpenvereins sind Höhenmeter für ihn quasi Ehrensache.

Seit September steht der 64-Jährige an der Spitze der Bremer Sektion, die mittlerweile über 5000 Mitglieder hat. Für ein Bundesland, dessen höchste natürliche Erhebung 32 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist das ein beachtlicher Wert. Von den Alpen könnte Bremen kaum weiter weg sein, aber wenn die Berge rufen, hört Dieter Mörk das auch in großer Entfernung. Erst vor zwei Wochen war er mit seiner Frau in Italien, nicht in den Alpen, sondern in Arco. „Felsklettern mit Blick auf den Gardasee. Das hatte was“, sagt Mörk.

Man könnte ja meinen, an der Spitze des Bremer Alpenvereins stünde ein Zugezogener, der den Flachländern die Richtung vorgibt. Und so war es tatsächlich, bis Manfred Gangkofer, gebürtiger Münchner, vor einigen Wochen seinen Platz an vorderster Front räumte. Mit Mörk folgt ein gebürtiger Bremer, der zwar schon seit vielen Jahren außerhalb der Landesgrenze wohnt, aber steile Berge – anders als es der Name vermuten ließe – auch in Grasberg eher selten zu Gesicht bekommt. Zum Klettern hat er erst spät gefunden, aber irgendwie ist es dann trotzdem logisch, dass er heute regelmäßig an der Wand hängt und den Alpenverein Bremen leitet.

Auf einer Bank vor dem Kletterzentrum nimmt Mörk Platz. Er trägt jetzt eine dieser wind- und wasserdichten Funktionsjacken in hellblau, dazu Jeans und Sportuhr am linken Handgelenk. Sportlicher Typ, sportliche Vita. Mörk war umtriebig, ohne Frage. Er hat Fußball gespielt, ist gelaufen, dann kam der Triathlon dazu, lange bevor die Sportart so richtig populär geworden ist. Im bayerischen Roth, erzählt Mörk, habe er die Langdistanz bewältigt – 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen. Die Challenge Roth ist der weltweit größte Wettkampf dieser Art, aber wiedergekommen ist Mörk nicht. „Irgendwann dachte ich mir, es ist mal wieder Zeit für etwas Neues“, sagt der 64-Jährige. Schon immer sei er gerne mit seiner Frau und den beiden Söhnen – die heute auch aktive Kletterer und Boulderer sind – in den Alpen gewandert. Vor zehn Jahren habe er dann das Bergsteigen probiert, Gefallen daran und bald danach zum Alpenverein gefunden. Seit 2015 engagiert er sich dort im Vorstand.

Leute wie Dieter Mörk sind es, die viele Vereine händeringend suchen. Der sagt, er habe sich schon immer gerne eingebracht. Viele Jahre war Mörk Jugendtrainer im Fußballverein, hat im Vorstand mitgearbeitet. Vor allem aber bringt er überaus brauchbare Fertigkeiten mit. Mörk ist Verwaltungsleiter bei der Bremer Lebenshilfe, Zahlen und Bilanzen sind sein tägliches Geschäft. „Gerade in größeren Vereinen ist das eine wichtige Aufgabe“, sagt Mörk, der im Alpenverein lange als Schatzmeister tätig war. Und ein großer Verein sind die Alpenfreunde allemal – sogar einer der größten in Bremen mittlerweile. „Bergsteigen, Wandern und Klettern werden immer beliebter“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Natürlich steige mit dem Interesse auch der Organisationsaufwand. Bis zu 20 Stunden in der Woche habe er zuletzt mit Vereinsangelegenheiten verbracht, sagt Mörk und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. „Mein Vorgänger konnte auch nur so viel Zeit investieren, weil er schon in Rente ist.“ Auch Mörk befindet sich auf dem besten Weg dahin, ist bereits in der Freistellungsphase. Mehr Zeit für das Hobby also. Vor allem das Kletterzentrum, seit 2015 der ganze Stolz des Alpenvereins, erfordere viel Arbeit. Die Kletterkurse kämen gut an, aber finanziell habe man erst kürzlich die Kosten für den Bau wieder reingeholt. Nach der ersten coronabedingten Schließung im Frühjahr würde ein erneuter Ausfall den Verein jetzt hart treffen, sagt Dieter Mörk. Nur einen Tag später die Gewissheit: Das Kletterzentrum muss im November geschlossen bleiben.

Corona hat Mörk und seinem Verein auch den ohnehin schwierigen Kontakt zu den Alpen erschwert. „Klar, wir sind eine der alpenfernsten Sektionen, aber wir organisieren trotzdem jährlich 30 bis 40 Touren. In diesem Jahr waren es natürlich nicht so viele“, sagt Mörk. Er selbst versuche jedes Jahr im Sommer drei oder vier Wochen am Stück in den Bergen zu verbringen. „Normalerweise in den Alpen, aber wir dachten uns dieses Mal schon, dass es dort ziemlich voll werden könnte“, sagt Mörk. Also ging es zum Klettern, Bergsteigen und Schwimmen in die Pyrenäen.

Mörk ist kein Extremsportler, aber Abenteuer und Abwechslung sucht er regelmäßig: „Meine Frau und ich sind vor ein paar Jahren auf Korsika von einem Ende der Insel zum anderen gewandert. Das war im Herbst und manchmal gar nicht so leicht, einen Schlafplatz zu finden.“ Die ganz hohen Berge seien nie sein Ziel gewesen, obwohl der Alpenverein Bremen auch Expeditionen nach Nepal organisiere, erzählt Mörk. Er bewegt sich etwas niedriger, auf den Gipfeln der Alpen, vor allem Gletscherrouten haben es ihm angetan. „Beim Bergsteigen ist man ganz weit weg von allem, konzentriert sich nur auf den nächsten Schritt. Das gefällt mir.“ Heikle Situationen habe er noch nicht erlebt. „Zum Glück“, sagt Mörk, der weiß, dass bei aller Vorsicht immer ein gewisses Restrisiko bleibt. „Im vergangenen Jahr ist ein Freund von mir tödlich am Berg verunglückt.“ Nur eine Woche zuvor, sagt Dieter Mörk, seien sie noch zusammen unterwegs gewesen.

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