1968 - Revolution in Bremen Als die "Räuber" das Theater eroberten

Bremer Kultur im Wandel: Vor einem halben Jahrhundert ging vom Theater am Goetheplatz ein Auf­bruchs­si­g­nal durch das Land. Warum der 6. März 1966 ein so wichtiges Datum für die 68er-Bewegung ist.
19.08.2018, 20:23
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Von Iris Hetscher

Das Jahr 1968 beginnt in Bremen am 6. März 1966. Jedenfalls, wenn man 1968 als Mythos versteht und weniger als bloße Jahreszahl. Protest, Veränderung, alle Fenster auf und frische Luft hereinlassen. Das ist auch in den deutschen Theatern dringend notwendig, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwar wieder alles spielen dürfen, was sie wollen. Die Ästhetik allerdings verharrt in den 1950ern und frühen 1960ern im Althergebrachten. Es wird immer noch gerne deklamiert. Doch dann kommt der 6. März 1966 in Bremen.

An diesem Tag, an dem auch meteorologisch noch Winter ist, aber der Frühling irgendwie auch schon zu ahnen, findet in dem ehrwürdigen Gebäude am Goetheplatz eine Premiere statt, die bundesweit für Aufsehen sorgt. Gleichzeitig soll sie ein wichtiges Auf­bruchs­si­g­nal werden für das, was in den kommenden Jahren und Jahrzehnten an den Theater passieren wird. Um zwei Uhr morgens (!) beginnt die Aufführung von Friedrich Schillers „Die Räuber“, Regie: Peter Zadek, ­Bühnenbild: Wilfried Minks. Intendant Kurt ­Hübner lässt die Premiere für Abonnenten ­sperren, denn es handele sich um „eine sehr extrem erscheinende formale Verwirklichung des Stückes“.

In der Tat: Ein überdimensionaler Comic im Stil Roy Lichtensteins illustriert das Geschehen, das grotesk überdreht ist und an dem spätere Stars wie Edith Clever und Bruno Ganz (als riesige Meerkatze kostümiert) beteiligt sind. In Bremen, so schreibt später der Kritiker und Theaterhistoriker Günther Rühle, sei eben kein politisches Thesentheater fabriziert worden, wie es an anderen Theatern der Republik langsam in Mode kam. Die Aufführungen und ihr aktueller Bezug würden konsequent aus der Dramaturgie der Stücke entwickelt. Doch die „Räuber“, die so viele Besucher in den Nachtvorstellungen gar nicht gesehen haben können, geraten zum Skandal. Hübner arbeitet zwar weiter, hat aber zunehmend mit Gegenwind zu kämpfen. 1972 wird ihm von Kultursenator Moritz Thape gekündigt.

Dabei hätte man wissen können, was kommt. Erste Vorboten kündigen sich bereits 1962 an, als Hübner bei seinem Amtsantritt die Leitung eines Theaters ein „lebensgefährliches Risiko“ nennt und nach und nach viele junge Talente bündelt. Der Spielplan oszilliert zwischen Seichtem und formalen Experimenten, Hübner lässt zudem viel englische zeitgenössische Dramatik spielen. Die Atmosphäre sei wie in einem Labor, resümiert Günther Rühle: „Eine Werkstatt für neues Sehen und Teilnehmen“.

Regisseur Peter Zadek, Hübners Oberspielleiter, bringt 1965 Frank Wedekinds spät-expressionistisches Drama „Frühlings Erwachen“ auf die Bühne, das er ungewohnt sachlich angeht. Wilfried Minks denkt sich dazu ein reduziert wirkendes Bühnenbild aus. Die Kritiker mögen’s, doch dann kommen „Die Räuber“, und an denen scheiden sich die Geister. Hübner muss mit massiven Abonnementskündigungen und schließlich dem Abgang seines wichtigen Mitstreiters Zadek leben. Trotzdem sieht man in Bremen auch weiterhin aufregendes Theater: Peter Stein, Klaus-Michael Grüber und Rainer Werner Fassbinder inszenieren in den Jahren bis 1972. Die Atmosphäre zwischen Politik, Publikum und den Kreativen bleibt aber angespannt.

Skandal-Auf­füh­rung von Schillers "Räuber"

Als Hübner geht, ist das Theater Bremen aus den überregionalen Schlagzeilen raus, es herrscht wieder Ruhe im Bundesland. Woanders wird der Bremer Stil weitergeführt. Peter Zadek zieht es ans Schauspielhaus Bochum, das in den kommenden Jahren genauso eine Adresse für die Weiterentwicklung des Bremer Stils zum modernen ­Regietheater wird wie beispielsweise die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Hierher verschlägt es einen großen Teil des Ensembles, das zuvor in Bremen gewirkt hat: Bruno Ganz, Edith Clever, Friedhelm Ptok, Vadim Glowna, Jutta Lampe. Aber auch in anderen großen Städten, in Stuttgart, München oder Hamburg, muss das Publikum sich auf einiges gefasst machen.

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In den 1970ern kommt die 68er-Generation an den Bühnen an, außer Peter Zadek sind beispielsweise zu nennen: Dieter Dorn, Jürgen Flimm, Hans-Günther Heyme, Hans Neuenfels, Frank-Patrick Steckel, Luc Bondy. Und natürlich der gebürtige Bremer Claus Peymann. Der ruft als Intendant in Stuttgart dazu auf, für eine Zahnbehandlung der in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zu spenden. Nur mit Mühe kann der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel verhindern, dass Peymann geschasst wird. 1979 übernimmt Claus Peymann die Intendanz von Peter Zadek in Bochum und profiliert sich endgültig als einer der wichtigsten Regisseure der Republik.

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Mit den Nachfolgern der Nachkriegs-Generation Karl-Heinz Stroux und Gustaf Gründgens wird das deutsche Stadt- oder Staatstheater direkter, luftiger, befreiter und frecher in Form und Inhalt. Kritik an gesellschaftlichen (Fehl-)Entwicklungen ist nicht in allen, aber vielen Inszenierungen an der Tagesordnung. Die Aura des Plüschigen, Unnahbaren verschwindet, auch wenn einige Regisseure sich nicht ganz vom Deklamatorischen abwenden. Spannende Zeiten an den Bühnen ‒ das liegt nicht nur an den unterschiedlichen ästhetischen Konzepten, sondern auch an der drohenden Gefahr, das Neue auf dem Theater zu überreizen und es so einer Sehnsucht nach dem soeben Verworfenen preiszugeben.

Denn: Wenn ein Trend überhand nimmt, läuft er Gefahr, sich selbst zu parodieren, und, noch schlimmer, das Publikum zu ermüden und nach vermeintlich guten alten Zeiten rufen zu lassen. Der zeitweilige Hang, in gefühlt jeder zweiten Inszenierung eine Anspielung auf die Zeit des Nationalsozialismus oder den Vietnamkrieg unterzubringen oder das im Parkett sitzende Bildungsbürgertum als saturiert und moralisch verkorkst zu brandmarken, droht Masche zu werden. Die neue Regisseursgarde hat sich an den Fleischtöpfen des subventionierten Stadttheaters zudem gut eingerichtet, teilweise bis heute.

Günther Rühle bilanziert: „Die Etablierten-Stürmer von einst zeigen sich entschlossen, ihre errungenen Positionen zu behaupten. Auch im Theater geht es um die Durchsetzung von eigenen Vorstellungen, wie und was Theater sein soll“. Das hat Rühle 1982 geschrieben, es klingt aber wie ein Kommentar zu den schrill tönenden Schlussakkorden, mit denen Frank Castorf und Claus Peymann sich 2017 von der Volksbühne Berlin beziehungsweise dem Berliner Ensemble verabschiedet haben. Da hieß es Vorhang auf für zwei alte Recken, die nicht loslassen können und Nachfolger in peinlicher Weise diskreditieren.

Freie Szene als belebendes Element

Doch zurück in die 1970er-Jahre, in denen sich auch ein Theaterleben abseits der subventionierten Häuser und der parallel existierenden kommerziell ausgerichteten Boulevardbühnen entwickelt. Der rebellische Geist der 68er und der Einfluss der US-amerikanischen Off-Theaterszene übersetzt sich in den Wunsch nach alternativen Organisations- und Inszenierungsformen. Freie Theatergruppen spielen ohne eigenes Haus, ohne feste Ensembles, experimentieren mit Einflüssen aus Clownstheater, Pantomime, Tanz, audio-visuellen Erzählkonzepten oder mit Zuschauerbeteiligung.

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Ganz ohne staatliche ­Zuschüsse kommen die meisten auf lange Sicht nicht aus, einige etablieren sich als feste Größe, wie die Bremer Shakespeare Company, die 1983 von sieben Schauspielern gegründet wird. Das Stadttheater hat mittlerweile von den freien Gruppen viele ästhetische Elemente über­nommen und erfindet sich ständig neu. Die ­kreative Unruhe von 1968 hat sich in vielen Häusern als Grundrauschen gehalten, dort sind inzwischen die Nach-Nachfolger der Regie-Rebellen aktiv. Bremen ist unter der Intendanz von Michael Börgerding inzwischen wieder eins dieser Theater.

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