30 Jahre Mauerfall Als die Trabis durch Bremen rollten

Nach dem Mauerfall kamen viele Besucher aus der DDR nach Bremen. Die Hansestädter empfingen sie herzlich: Sie organisierten Schlafplätze, sorgten für Verpflegung. Doch es kam auch zu unerwarteten Problemen.
08.11.2019, 09:28
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Als die Trabis durch Bremen rollten
Von Olga Gala

Millionen Menschen sitzen am Abend des 9. Novembers 1989 im Osten und Westen vor dem Fernseher. Verfolgen die Nachrichten. Es fällt das berühmte Schabowski-Zitat: „Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.“ Die Menschen können es kaum fassen. Die Mauer ist offen. Unsere Zeitung titelt am Freitag, 10. November 1989: „28 Jahre nach dem Mauerbau: Freie Fahrt in den Westen.“ Millionen DDR-Bürger nutzen die Chance. Auch Bremen empfängt zahlreiche Besucher, viele kommen aus der Partnerstadt Rostock.

In die Freude über die Grenzöffnung mischte sich allerdings auch Sorge. Wo sollen all die Menschen unterkommen? Zusätzliche Notunterkünfte wurden eingerichtet. Die Politik diskutierte darüber, leer stehende Häuser zu beschlagnahmen und ob die Menschen in Bunkern untergebracht werden könnten. „Bremen versucht alles, um die scheußliche Bunkerlösung hinauszuschieben oder zu verhindern“, sagte der damalige Sozialsenator und spätere Bürgermeister Henning Scherf. Kurz nach dem Mauerfall war nämlich unklar, ob die DDR-Bürger nach einem Besuch im Westen auch wieder nach Hause fahren würden. Schließlich bedeutete bislang eine Ausreise aus der DDR, dass die Betroffenen in der Regel nicht mehr zurück konnten. Unsere Zeitung beschrieb am Sonnabend, 11. November, wie Zehntausende Berliner von Ost nach West zogen: „Entgegen vielfacher Erwartungen kehrte aber der weit überwiegende Teil der Ost-West-Besucher in die Heimat zurück.“

Lesen Sie auch

Die Polizei drückt beide Augen zu

In den ersten Tagen nach der Grenzöffnung legte sich die erste Aufregung allmählich. Es wurde klar: Die meisten DDR-Bürger wollten im November 1989 endlich sehen, wie es im Westen zugeht. Aber nicht dauerhaft übersiedeln. So war Bremens Innenstadt am ersten Wochenende nach dem Mauerfall voll mit Besuchern aus dem Osten. Sie kauften ein, trafen alte Freunde oder sogar Familienmitglieder wieder. Überall parkten Trabis, Ladas und Wartburgs, viele auch in Parkverbotszonen.Die Polizei drückte bei den Falschparkern aus dem Osten allerdings beide Augen zu: „Wir können denen doch ihre paar Mark nicht auch noch mit einem Bon abnehmen.“ Und setzte darauf, dass die Situation sich nach dem ersten Ansturm normalisieren werde. Wie viele es genau am ersten Wochenende waren, lässt sich nicht sagen. Der Andrang bei den Postämter war auf jeden Fall sehr groß. Diese gaben nämlich das Begrüßungsgeld von 100 Mark aus. Bis zum späten Abend standen die Menschen an. „Schlangestehen können wir am besten“, hieß es von einigen Wartenden.

Die Bremer freuten sich über die Gäste. In der Rostocker Ostsee-Zeitung wurde sogar zu einem Besuch in Bremen eingeladen: „Dann werden wir Euch unsere Stadt zeigen.“ Die Rostocker ließen nicht lange auf sich warten. Die Stadt rechnete mit einem großen Besucheransturm am zweiten Wochenende nach dem Mauerfall. Ein Aufruf unserer Zeitung an die „hilfsbereiten Hansestädter“ fand großen Anklang. Zahlreiche Bremer stellten Gästebetten und Schlafsofas für die Besucher aus dem Osten bereit. So auch Magda und Bernd Engelmann, die ihre Schlafcouch vorbereiteten. Noch heute erinnert sich die Bremerin an damals. Es war klar, dass sie helfen wollten. Letzten Endes kamen bei Engelmanns aber keine DDR-Besucher unter, „weil sich so viele gemeldet hatten“.

Hilfe für den Trabi

Tankstellen und Autowerkstätten stellten sich auf die DDR-Kundschaft ein. Der ADAC hatte am Sonnabend, 19. November, zu einem Trabi-Treff geladen. Dort gab es fachmännischen Rat zu den Fahrzeugen und sogar eine Zubehör-Tauschbörse. „Unser größtes Problem ist die Ersatzteilbeschaffung“, sagte Bernd Percher vom ADAC damals unserer Zeitung.

Wer nicht mit dem Auto anreiste, nahm die Bahn. Um dem großen Reiseaufkommen gerecht zu werden, wurde ein Sonderzug zwischen Rostock und Bremen eingesetzt. Wegen der hohen Nachfrage mussten an diesen noch weitere Waggons angehängt werden. Auch in der restlichen Bundesrepublik fuhren mehr Züge, die meisten von ihnen völlig überfüllt. Die Zahl der Verbindungen zwischen den beiden Staaten wurde verdoppelt, zwischen Wismar und Lübeck-Travemünde eine Fährverbindung eingerichtet. Ein zusätzlicher Grund für die vielen Besucher in Bremen könnte übrigens das in Rostock einige Tage lang kursierende Gerücht gewesen sein, in der Hansestadt gäbe es statt der üblichen 100 Mark Begrüßungsgeld 200 Mark.

Das Begrüßungsgeld gaben viele der Gäste aus der DDR gleich wieder aus. Sofern sie rechtzeitig in Bremen ankamen. Im Gegensatz zu vielen anderen bundesdeutschen ­Städten durften die Läden in Bremen am Sonnabend nicht länger aufmachen. Um 14 Uhr war Schluss. „Das kurzfristige Aussetzen der Ladenschlusszeiten hätte auch Bremen gut angestanden“, kommentierte Rosemarie Francke im WESER-KURIER. Sonnabends länger öffnen – 1989 bedeutete das, bis 18 Uhr – oder nicht: die Frage wurde in Bremen zwischen Politik, Gewerkschaften, Betriebsräten und Arbeitgeberverbänden heiß diskutiert. Erst knapp zwei Wochen nach dem Mauerfall ließ der Bremer Senat am letzten Novemberwochenende 1989 verlängerte Öffnungszeiten zu. Doch nicht alle Geschäfte zogen mit.

Kultur darf nicht fehlen

Auf dem Marktplatz war an den Wochenenden im November trotzdem viel los. Im Zelt des Deutschen Roten Kreuzes gab es am Sonnabend, 18. November, nicht nur Verpflegung, sondern auch Infos zur Stadt. Die Woche drauf hatten Feuerwehrleute sich freiwillig gemeldet und eine Gulaschkanone aufgebaut, aus der sie Erbsensuppe verteilten, gekocht von der Arbeiterwohlfahrt.

Lesen Sie auch

Auch Gastronomie und kulturelle Einrichtungen begrüßten die DDR-Besucher. So wollten etwa mehrere Restaurants auf Initiative der Kneipe „Rotkäppchen“ Getränke für Ostmark im Kurs 1:1 ausschenken. In der Oberen Rathaushalle gab es ein kostenloses Sinfoniekonzert und jede Stunde Besucherführungen durch das Rathaus. Der Eintritt für alle Theater und Museen des Landes fiel am zweiten Mauerfall-Wochenende weg, genauso wie der für das Kino Cinema Ostertor und den Bremerhavener Zoo am Meer. Und in der Eishalle, damals in der Stadthalle untergebracht, durften die Gäste gratis ihre Runden drehen.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+