„Bremische Stammbücher des 17. bis 20. Jahrhunderts“ im Foyer der Staats- und Universitätsbibliothek zu sehen Als Empfehlung und zur Erinnerung

Horn-Lehe. Man kennt sie aus der eigenen Schulzeit: die kleinen Alben, in die man die besten Freundinnen hat schreiben lassen. Mit einem hübschen Spruch, mal witzig und mal nachdenklich, die Seiten mit Oblaten oder eigenen Gemälden verziert, bekam man es zurück.
04.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KRISTINA BELLACH

Man kennt sie aus der eigenen Schulzeit: die kleinen Alben, in die man die besten Freundinnen hat schreiben lassen. Mit einem hübschen Spruch, mal witzig und mal nachdenklich, die Seiten mit Oblaten oder eigenen Gemälden verziert, bekam man es zurück. Die Tradition dessen, was heute noch in Poesiealben und Gästebüchern weiterlebt, reicht Jahrhunderte zurück.

Einen kleinen Einblick in die Entwicklung und Bedeutung dieser Alben zeigt die Ausstellung „Bremische Stammbücher des 17. bis 20. Jahrhunderts“, die im Foyer der Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) zu sehen ist. Die 25 präsentierten Stammbücher stammen aus Nachlässen, die die Bibliothek aufbewahrt, und sind Leihgaben aus Museen.

400 Jahre ist das älteste und aufwendigste Stammbuch, das in der von der SuUB und dem Freundeskreis der Bibliothek organisierten Schau zu sehen ist. Von 1617 bis 1625 zeigt es Einträge wichtiger Personen, denen der Bremer Student Thielemann Regenstorf auf seinem Weg von Aurich über Hamburg und Kassel bis nach Marburg begegnet ist. Ein Tafelwerk, das ein Ritterspiel und eine militärische Szene darstellt, schmückt mehrere Seiten. Ein Spruch auf Latein zur Freundschaft sowie die Figur eines Gelehrten machen deutlich, worum es in den ersten Stammbüchern ging: „Die Intention war, Netzwerke zu schaffen. Studenten haben ihre Professoren gebeten, sich einzutragen. Sie dienten als Empfehlungsschreiben und der eigenen Erinnerung“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Maria Hermes-Wladarsch.

Goethe soll in verschiedenen Universitätsstädten sein Stammbuch benutzt haben, um sich als namhafte Person auszuweisen. „Das waren Nachweise der Gelehrsamkeit, der moralischen Integrität der Person“, erläutert Maria Elisabeth Müller, Direktorin der SuUB.

Die Stammbücher seien ein bisschen das „Who‘s Who“ der Bremer Prominenz, sagt Müller, schließlich seien sie nicht nur Indikator dafür, wer wen kannte, sondern auch dafür, wie die Verbindungen gelagert waren. Um einen Eintrag ins Stammbuch zu erhalten, einen besonders prunkvollen dazu, musste der Besitzer dessen würdig sein. Fälschungen bewiesen, wie bedeutend diese Bücher waren.

Geschmückt waren die frühen Alben oft mit Zitaten antiker Autoren auf Latein oder Griechisch, Versen der Bibel oder Wappen. Letzteres lässt die adeligen Wappenbücher als Wurzel erkennen, die nun in den historischen Stammbücher ihr bürgerlich-humanitäres Pendant gefunden haben.

Dazu seien sie eine „kulturhistorisch ernst zu nehmende Quelle“, betont Kulturwissenschaftlerin Maria Hermes-Wladarsch. Im Stammbuch des Theologen Johannes Coccejus, der im 17. Jahrhundert am Bremer Gymnasium Illustre lehrte, erkennen die Experten außer seinen Beziehungen zudem, dass sein Aufenthalt in Hamburg länger dauerte, als von Historikern bisher angenommen.

Im 17. Jahrhundert zog das studentische Leben in die kleinformatigen Alben ein. Sie enthielten häufig mahnende Verse und Trinksprüche und pflegten ein humanistisches Freundschaftsideal. „Die Bücher sind auch ein Stück Mentalitätsgeschichte“, erklärt SuUB-Direktorin Müller. Die Verse zum richtigen oder falschen Verhalten zeigten den Kodex, nach dem die Menschen lebten.

Zu Zeugnissen bürgerlicher Gelehrsamkeit entwickelten die Stammbücher sich im 18. Jahrhundert. Reich illustriert, individuell und typisch klassizistisch kommen sie nun daher. Darin rückt die Person, oft als Scherenschnitt abgebildet, in den Mittelpunkt. Auch eine echte Rarität ist da zu sehen: das Stammbuch des Bremers Gottfried Menken, der in die Bremer Kirchenstreitigkeiten des 19. Jahrhunderts involviert war.

Die ersten Exemplare dessen, was heute noch als Poesiealbum kursiert, kamen im 19. Jahrhundert auf. Nicht nur junge Mädchen, auch Frauen ließen darin ihre Freundinnen sich mit poetisch-moralischen Sprüchen verewigen und die Seiten mit floralen Motiven verzieren. „Da geht es um das Ästhetische. Während der Industrialisierung, einer Zeit, in der die Technik sich immer schneller entwickelt, sind diese Stammbücher ein Gegenpol, der Ruhe und Freundschaft betont“, weiß Maria Hermes-Wladarsch.

Mit Gästebüchern des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Johann Smidt aus dem Haus Contrescarpe 32 oder dem der Buchhandlung in der Böttcherstraße, in das sich Literaten wie Franz Werfel und Alfred Döblin eingetragen haben, schließt die Ausstellung. „Es sind persönliche Zeugnisse von Berühmtheiten, aber auch unbekannten Personen“, resümiert Maria Hermes-Wladarsch. „Oft sind es die einzigen Zeugnisse, die man hat.“

Mit den historischen Stammbüchern, die erste Ausstellung dieser Art, zeige die Staats- und Universitätsbibliothek, was sonst verborgen in den Tresorräumen lagert. „Es sind spannende Hinweise auf bremische Geschichte, etwas, das man bei uns nicht vermutet.“

Die Ausstellung „Bremische Stammbücher des 17. bis 20. Jahrhunderts“ ist bis zum 18. März 2016 im Foyer der Staats- und Universitätsbibliothek, Bibliothekstraße, zu den regulären Öffnungszeiten zu sehen. Gruppenführungen sind auf Anfrage möglich. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos unter www.suub.uni-bremen.de

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