Die Brinkmann-Story

„Alte Gebäude stiften Identität“

Der Architektur-Professor Eberhard Syring ordnet im Interview mit dem WESER-KURIER die bauliche Neuentwicklung des Brinkmann-Geländes in Bremen-Woltmershausen ein.
21.06.2019, 18:01
Lesedauer: 4 Min
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„Alte Gebäude stiften Identität“
Von Jürgen Hinrichs

Herr Syring, seit 20 Jahren verwandelt sich der alte Hafen in Bremen in die Überseestadt. Jetzt steht ein ähnlicher Prozess im sogenannten Tabakquartier in Woltmershausen an. Kann man aus dem einen für das andere lernen?

Eberhard Syring : Bei der Überseestadt war das große Dilemma, dass Wohnen dort aus Rücksicht auf die Hafenwirtschaft zunächst nur als Ausnahme zugelassen wurde. Das war unausgegoren und ist nach ein paar Jahren nachjustiert worden. Man hätte von vornherein größer denken sollen, urbaner und nicht nur in wirtschaftlichen Kategorien.

Für das Tabakquartier wird gerade an einem Masterplan gearbeitet, der diesen breiten Ansatz verfolgt.

Dann machen sie es dort besser als damals im Hafen. Das neue Woltmershausen, ich nenne es mal so, liegt sehr günstig und so nahe am Fluss und der Innenstadt, wie man sich das oft gar nicht klarmacht. Es hapert allerdings an der verkehrlichen Erschließung . . .

. . . das Mauseloch, der Tunnel unter den Bahngleisen.

Genau, und der reicht eben nicht. Wir brauchen weitere Durchstiche, zum Beispiel aus Richtung Hohentorshafen. Am besten in Verbindung mit einer Fahrrad- und Fußgängerbrücke über der Weser zur Überseestadt, wie die Grünen das mal vorgeschlagen haben.

Das Kellogg's-Gelände in der Überseestadt, die Tabakfabrik, das Hulsberg-Quartier oder künftig die Flächen in Hemelingen, wo Coca-Cola war und Könecke. Das ist Innenverdichtung in Form von Konversion. Der richtige Weg?

Im Prinzip ja. Die Stadt will neue Einwohner gewinnen und kann sich nicht endlos ausdehnen. Das Könecke-Areal zum Beispiel ist gut angebunden und sehr wichtig für die Entwicklung von Hemelingen.

Die Gegner der Rennbahn-Bebauung haben genau das bei der für sie erfolgreichen Volksabstimmung ins Feld geführt und darauf verwiesen, dass es im Stadtteil Alternativen gibt.

Das ist sicherlich ein gutes Argument. Andererseits ist die Rennbahn eine große zusammenhängende Fläche, die unkompliziert beplant werden kann, auch deshalb, weil nicht mit mehreren Eigentümern verhandelt werden muss. Ich bin deshalb für die Bebauung. Sie bietet die Chance, im größeren Stil preiswerten Wohnraum zu schaffen. Wie stark der Bedarf ist, sehe ich bei meinen Studenten.

Mit der Rennbahn wird es vorerst nichts. Aber mal grundsätzlich: Wäre die Stadt nicht gut beraten, wenn sie solche Flächen in Eigenregie entwickeln würde, statt sie an Private abzugeben?

Auf jeden Fall. Mit der Bremischen gab es früher ein städtisches Unternehmen, das Stadtentwicklung betrieben hat – beim Fährquartier in Vegesack zum Beispiel und der Sanierung des Ostertors.

Heute gibt es die teilstädtische Gewoba und die mittlerweile wieder komplett bremische Brebau.

Vergessen Sie die Stäwog nicht, sie gehört der Stadt Bremerhaven. Die Wohnungsgesellschaft hat im vergangenen Jahr den renommierten Deutschen Bauherrenpreis gewonnen. Sie hat in vorbildlicher Weise Wohnanlagen aus den 1950er-Jahren erhalten und saniert. Natürlich könnte sie auch stärker ins Neubaugeschäft einsteigen. Gewoba und Brebau könnten und sollten das auch, um städtische Interessen durchzusetzen.

Für eine gelungene Konversion, in dem Fall einer militärischen Fläche, wird gerne das französische Viertel in Tübingen herangezogen. Die Stadt erschloss das Gelände und verkaufte die Grundstücke danach an Baugemeinschaften.

Darum geht es, dass sich mit Steuerung der öffentlichen Hand auch mal solche Konzepte durchsetzen können. So harmonisch das Verhältnis zu manchen privaten Investoren sein mag, letztlich verfolgen sie natürlich primär wirtschaftliche Interessen. Trotzdem kann man auch mit ihnen einen gemeinsamen Weg gehen, indem man städtische Flächen mit der Vorgabe vergibt, bestimmte Ideen beim Bauen und bei der sozialen Mischung der Bewohner zu verfolgen.

Das Tabakquartier wird jetzt von einem privaten Unternehmen entwickelt. Die alte Fabrik bleibt stehen, auch die drei Tabakspeicher. Für die Neubauten gibt es den Masterplan und später einen passgenauen Bebauungsplan. So kann das klappen, oder? Ein Mix aus alt und neu.

Vorbildlich gelungen ist das bereits mit der Jacobs-University in Grohn, auf dem alten Kasernengelände. In der Überseestadt gibt es diese Mischung auch. Im Ergebnis nicht immer optimal, aber manchmal richtig gut. Was Kurt Zech im Umfeld der historischen Speicher und Schuppen gerade am Kopf der Europahafens baut, finde ich überzeugend.

Von einem der Schuppen, Schuppen 3, bleibt nicht mehr viel, seitdem Zech und das Unternehmen Justus Grosse das Projekt übernommen haben.

Wenn wir beim Thema Konversion sind, ist das ein schlechtes Beispiel. Der Schuppen wird mehr oder weniger weggerissen, das müsste nicht sein. Die anderen Beispiele im Hafen bezeugen das. Für den Speicher 1 gab es übrigens ähnliche Abrisspläne, schauen Sie sich ihn heute an, was für ein prächtiges Beispiel alter Industriearchitektur.

Mit tollen Büros, riesigen Lofts, die vor allem in der jungen Kreativszene beliebt sind.

Die Fachleute nennen das Industrial Chic. Die Nachfrage ist derart groß, dass der Stil in Neubauten kopiert wird.

Im Tabakquartier ist die Substanz offenbar so gut, dass viel bewahrt werden kann.

Ein Glück und die richtige Herangehensweise. Ich halte es generell für bedenklich, wenn gar nicht erst darüber nachgedacht wird, ob Gebäude erhalten werden können. Nehmen Sie das Sparkassengelände am Brill, außer der alten Kassenhalle soll dort alles verschwinden, obwohl zum Beispiel der noch relativ junge Glasbau neben der Kassenhalle architektonisch gelungen und baulich in einem guten Zustand ist. Oder das Bundesbankgebäude in der Kohlhökerstraße im Ostertor . . .

. . . nicht schön, ein Trumm.

Der große Baukörper fügt sich zumindest geschickt in den Straßenraum ein. Von architektonischen Geschmacksfragen abgesehen, handelt es sich um einen soliden Bau, mit dem man möglicherweise etwas anfangen könnte. Das wird aber gar nicht erst in Erwägung gezogen. Der Abriss so eines Hauses ist auch unter ökologischen Gesichtspunkten nicht unbedingt die erste Wahl. Es wird unglaublich viel graue Energie verschwendet.

Was ist das?

Eine Energiemenge, die benötigt wird, um etwas herzustellen und irgendwann auch wieder zu entsorgen.

Einstürzende Altbauten sind offenbar ein Horror für Sie.

Nein, natürlich nicht. Man muss nicht jedes Relikt erhalten. Sollte es aber tun, wenn es vernünftig ist. Ob im Tabakquartier oder sonstwo, solche alten, erhaltenswerten Gebäude stiften eine eigene Identität.

Die Fragen stellte Jürgen Hinrichs

Info

Zur Person

Eberhard Syring (68)

lehrt Architekturtheorie und Baugeschichte an der Hochschule Bremen und war von 2003 bis 2018 wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur.

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