Bürgerinitiative „Leben im Viertel“ Alteingesessene wehren sich gegen zunehmende Verwahrlosung des Viertels

In der Initiative „Leben im Viertel“ (LIV) wollen Alteingesessene etwas dazu beitragen, dass die Lebensqualität im Ostertor und im Steintor nicht abnimmt und Behörden ihrer Mitverantwortung gerecht werden.
01.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Liane Janz

In der Initiative „Leben im Viertel“ (LIV) wollen Alteingesessene etwas dazu beitragen, dass die Lebensqualität im Ostertor und im Steintor nicht abnimmt und Behörden ihrer Mitverantwortung gerecht werden.

Alteingesessene wehren sich gegen eine zunehmende Verwahrlosung ihres Wohnquartiers: In der Initiative „Leben im Viertel“ (LIV) wollen sie etwas dazu beitragen, dass die Lebensqualität im Ostertor und im Steintor nicht abnimmt, dass Menschen aufeinander zugehen und die Behörden ihrer Mitverantwortung gerecht werden. Eine Planungskonferenz wäre aus ihrer Sicht ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Christine Plagemann, die 1973 ins Viertel gezogen ist, Werner Scharf, seit 1976 im Viertel wohnhaft, Stefan Schafheitlin, seit 1981 Bewohner des Viertels, und Peter Altvater, dessen Frau zumindest schon seit 40 Jahren im Viertel lebt, engagieren sich in der Bürgerinitiative „Leben im Viertel“. Aufklärung ist eines ihrer Anliegen.

Manche Probleme sind neueren Datums. Bis vor etwa 14 Jahren galt eine Konzessionssperre im Viertel, die verhindern sollte, dass Gaststätten den Einzelhandel verdrängen. Im Juni 2003 hob die Baudeputation die Sperre auf, weil entlang der Straße Vor dem Steintor etliche Geschäfte leer standen. Durch die Aufhebung der Sperre erhofften sich die Deputierten und auch eine Arbeitsgruppe im Viertel eine Wiederbelebung des Straßenzugs.

Kioske sind ein Dorn im Auge

Eine Vervierfachung der Gastronomiebetriebe haben die LIV-Aktiven seitdem gezählt. „Ein Spezialpunkt sind die vielen Kioske“, sagt Werner Scharf. Alkohol ist dort billiger als in den Kneipen und Restaurants, weshalb viele Viertelgänger dort ihr Bier kaufen und das dann auf der Straße trinken. Entsprechend groß ist der Lärm und entsprechend viele Glasscherben liegen auf der Straße. Manche aus dem Partyvolk urinieren in Vorgärten der Seitenstraßen. Die Kioske und ihre günstigen Waren hätten inzwischen eine Quantität erreicht, die zu Problemen führe, sagt Werner Scharf.

Außerdem scheint einzutreten, was durch die Konzessionssperre verhindert werden sollte. Immer mehr Gastronomiebetriebe treten an die Stelle von früheren Einzelhandelsgeschäften. Jüngstes Beispiel ist der Honigdachs im Steintor, dort wo über viele Jahre die Videothek Stern war. Nicht weit davon entsteht ein weiterer Gastronomiebetrieb. Und im vorderen Bereich der Galerie Onil in der Lüneburger, Ecke Hamburger Straße zieht demnächst eine Baguetterie ein.

Was aus den zwei leer stehenden Geschäften am Ulrichsplatz rechts und links von Beverly Boyer wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die engagierten Anwohnerinnen und Anwohner hoffen, dass dort nicht auch noch Kneipen, Kioske oder Dönerläden aufmachen. Wenn für einen Ladeninhaber allein die Miete zu hoch ist, sollte mehr über temporäre Nutzungskonzepte nachgedacht werden, fordern sie.

Weiterer Einschnitt in die Viertelruhe

So wie es beispielsweise Wichmann, Schaleur und Raum in beiden Ortsteilen machen: Im Sommer gibt es Erdbeeren und Spargel, im Winter Keramik und Strickwaren.

Einen weiteren Einschnitt in die Viertelruhe hat die Änderung des Flächennutzungsplans mit sich gebracht. 2014 hat die Stadt aus allgemeinen Wohngebieten, beispielsweise an Dobben und Sielwall, Mischgebiete gemacht, in denen mehr Lärm erlaubt ist.

Im Winter trete das Problem nicht ganz so offen zutage, sagen die Anwohner. Im Sommer habe er schon erlebt, dass beispielsweise am Bermuda-Dreieck an der Humboldtstraße/Ecke Fehrfeld die Gastronomen ihre komplette Ladenfront öffnen und den Platz davor mit Musik beschallen, erzählt Peter Altvater. Er habe in der Nacht die Polizei gerufen. Die komme aber auch nicht immer, sondern koordiniere ihre Einsätze nach der Dringlichkeit und Schwere der eingehenden Meldungen. „Es kann nicht angehen, dass man die Polizei wegen jedem Stuhl anruft, der im Weg steht“, stellt Christine Plagemann klar. Es müsse ein Konzept her fürs Wohnen, Feiern und Kultur im Viertel, ergänzt Peter Altvater.

Der Auftakt für das Erarbeiten eines solchen Konzeptes könnte eine Planungskonferenz sein. Laut dem Ortsgesetz für Beiräte und Ortsämter sind solche Konferenzen Pflicht. „Eine Planungskonferenz soll mindestens einmal im Jahr erfolgen“, heißt es in Paragraf 8. In Mitte gibt es bisher keine solchen Konferenzen, in der Östlichen Vorstadt gab es lediglich eine zum Thema „Bildung“.

Personalaufstockung nötig

Auch Behörden können sich vor solchen Konferenzen nicht drücken. „Die zuständigen Stellen sind zur Teilnahme verpflichtet“, lautet die Vorgabe im Gesetz. Und weiter: „Für mehrere Beiratsbereiche können gemeinsame Planungskonferenzen durchgeführt werden.“ Auf solch einer Konferenz bestehen die Anwohner. Daraus könnte ein Runder Tisch entstehen, der an einem ganzheitlichen Viertel-Konzept weiterstrickt. Auch zur geplanten Umstrukturierung des Stadtamtes und der Einrichtung eines städtischen Ordnungsdienstes haben die Viertelbewohner Wünsche. „Ein Problem ist die Zersplitterung der Zuständigkeiten“, sagt Scharf. Prüfung, Genehmigung, Kontrolle – das alles sollte nach seiner Meinung weiterhin im Innenressort angesiedelt sein.

Eine ordentliche Personalaufstockung sei dafür nötig. „Zur Zeit gibt es im Stadtamt für diese Aufgaben anderthalb Stellen. Zum Vergleich: Die Stadt Frankfurt hat für diese Aufgaben mehr als 40 MitarbeiterInnen. Analog bedeutet das für Bremen eine Größenordnung von 25 bis 30 MitarbeiterInnen“, schreiben die LIV-Aktivisten in einer Stellungnahme. Diese Mitarbeiter müssten auch am Abend und an den Wochenenden, wenn im Viertel richtig was los sei, präsent sein und Verstöße gegen Genehmigungen und Lärmrichtlinien sofort ahnden.

„Gegen die Veränderung des urbanen Wohnviertels können wir uns nicht wehren. Das wollen wir auch gar nicht“, sagt Christine Plagemann. Sie wollten nur nicht, dass es ausufert.

Die Gruppe „Leben im Viertel“ trifft sich an jedem ersten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Wiener Hofcafé in der Weberstraße 25. Neue Gesichter sind gern gesehen.

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