Alternativer Antrieb

Wasserstoff-Müllwagen wird in Bremen getestet

Seit einigen Tagen fährt ein besonderer Müllwagen durch Bremen: Er wird mit Wasserstoff angetrieben, ist emissionsarm und extrem leise. Künftig könnte es mehr davon geben.
14.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wasserstoff-Müllwagen wird in Bremen getestet
Von Stefan Lakeband
Wasserstoff-Müllwagen wird in Bremen getestet

Zum ersten Mal wird deutschlandweit ein Müllwagen mit Wasserstoffantrieb im Alltag getestet.

Frank Thomas Koch

Es sind besondere Zeiten im Sommer 2020. Wo früher Politiker Kinder gedrückt und Senioren geherzt haben, steht nun etwas anderes im Mittelpunkt: ein Müllwagen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat ihn schon besucht und auch dessen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) hat sich schon mit dem Gefährt ablichten lassen. Am Donnerstag folgte nun die nächste Politprominenz: Bremens Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne).

Zugegeben: Dieser Müllwagen ist besonders. Von außen sieht er relativ normal aus: ein Fahrerhäuschen, eine Trommel für den Müll und Trittbretter für die Müllwerker, die hinten mitfahren. Das Besondere verbirgt sich wie so oft im Inneren. Das Fahrzeug wird mit Wasserstoff betrieben. Damit ist es ein Novum – nicht nur in Bremen, sondern deutschlandweit.

In der Hansestadt wird das Entsorgungsfahrzeug erstmals unter realen Bedingungen getestet. Am Mittwoch hat es schon für die Abfall Logistik Bremen (ALB) den Biomüll der Bremer eingesammelt, etliche weitere Runden sollen folgen. Dabei werde es ganz genau getestet, sagt ALB-Geschäftsführer Volker Ernst. Wie reagieren die Bauteile unter der Belastung des Alltags? Ist es störungsfrei? Bringt es die gewünschte Leistung?

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Fragen, deren Beantwortung auch Patrick Hermanspann interessieren. Er ist Chef der Firma Faun aus Osterholz-Scharmbeck. Sie hat den Wasserstoff-Müllwagen entwickelt und gebaut. „Wir brauchen Wasserstoff im Kampf gegen den Klimawandel“, sagt Hermanspann. Besonders bei Nutzfahrzeugen sei der Energieträger eine gute Lösung für einen alternativen Antrieb. Denn anders als bei Dieselmotoren, die bislang genutzt werden, stoßen diese Fahrzeuge weder Kohlenstoffdioxid noch Stickstoffoxide aus. Zudem sind sie extrem leise.

Dementsprechend erfreut ist auch Schaefer: „Ich in überzeugt, dass Wasserstoff der Treibstoff der Zukunft ist.“ Das „Blue Power“ genannte Fahrzeug bette sich gut in die Wasserstoffstrategie des Landes Bremen ein. Und durch das Projekt Hyways for Future, das von den Energieversorger EWE, SWB und Partnern getragen wird, sollen rund 90 Millionen Euro in Wasserstoffprojekte im Nordwesten fließen.

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Diesen Plan unterstützt auch die ALB. „Wir wollen Wasserstofffahrzeuge im Realbetrieb einsetzen“, sagt ALB-Chef Ernst. Realistisch seien dafür die Jahre 2021 oder 2022. Dann könnten dauerhaft ein bis zwei Fahrzeuge in der Flotte der Entsorger fahren. Dafür braucht die ALB aber nicht nur die entsprechenden Wagen, sondern auch die Infrastruktur.

An der mangelt es aktuell noch: Die nächste Wasserstofftankstelle ist 15 Kilometer vom Betriebshof entfernt, sagt Ernst. Außerdem müsse der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien erzeugt werden, um einen positiven Effekt auf das Klima zu haben. Immerhin: Mit einigen Windrädern und der Müllverbrennungsanlage der SWB in direkter Nachbarschaft sei viel nachhaltige Energie vorhanden.

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Auch für Hersteller Faun ist der Feldversuch mit den Bremer Entsorgern nun etwas Besonderes. Zwar wurde das Fahrzeug im Werk ausgiebig getestet – der tägliche Einsatz in Bremen sei aber etwas ganz anderes. Hermanspann ist überzeugt, dass der Wasserstoff-Müllwagen ihn übersteht. Der Mittelständler aus Osterholz-Scharmbeck baut schließlich auf 175 Jahre Erfahrung; heute zählt er zu den Weltmarktführern wenn es um Abfallsammelfahrzeuge geht.

Dementsprechend groß ist das Interesse an Blue Power. „Uns erreichen Anfragen aus China, Australien, dem arabischen Raum und aus ganz Europa“, sagt der Faun-Chef. Noch in diesem Jahr werde man 20 solcher Fahrzeuge produzieren, 2021 sollen es schon hundert sein. Davon sind die ersten auch schon verkauft: zwei gehen in die Schweiz, sechs nach Berlin, weitere ins Ruhrgebiet. Der Preis für so ein Müllfahrzeug liegt – je nach Ausstattung – bei rund 750 000 Euro. Ein Wagen mit herkömmlichen Antrieb kostet in etwa ein Drittel dessen.

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