Alternativer Pflanzenschutz

Schädlingsbekämpfung: Bremer Rhododendronpark setzt auf natürliche Mittel

Eine kleine Wanze verursacht im Rhododendronpark massive Schäden. Doch statt auf Pestizide zu setzen, wird mit Würmern und Orangenöl experimentiert.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Simon Wilke

Wenn man Birte Evers zuhört, könnte man meinen, jeder Baum habe seinen ganz persönlichen Erzfeind. Fragt man die Leiterin des Bremer Pflanzenschutzdienstes nach Eichen, antwortet sie mit: Eichenprozessionsspinner; nach Platane: Massaria-Pilz; Ahorn: Rußrindenkrankheit, ebenfalls durch Pilzbefall. Doch man hört auch heraus, dass es für den Schutz der Pflanzen nicht immer ein chemisches Pestizid braucht, das jedes Tier vergiftet, egal, ob es an der Wurzel nagt oder an den Blüten saugt. Für jeden Schädling findet sich anscheinend auch einen passender natürlicher Gegenspieler. Man muss nur lange genug suchen; und er muss wohlüberlegt eingesetzt werden.

Wanze aus Japan

So gesehen, ist die Andromeda-Netzwanze eigentlich nichts besonderes. Höchstens so groß wie eine kleine Ameise, mit langen Fühlern, durchsichtigen Flügeln und einem Saugrüssel. Mit ihm pikst sie Blattzellen an und saugt das Chlorophyll, den Blattfarbstoff, heraus. Die Blätter sterben ab. Das eigentliche Problem ist aber: Die Wanze ist aus Japan eingetragen worden, und ihr Gegenspieler ist dort geblieben. Hier in Bremen hat sie keine natürlichen Feinde, aber stattdessen ein wahres Futter-Paradies vorgefunden, vor allem im Rhododendronpark. Wer sich bei einem Spaziergang über gelbe Blätter wundert, die irgendwann zu Boden fallen – die Wanze ist schuld. Und weil gelbe Rhododendren kein Publikumsmagnet sind, haben sich Birte Evers und die Parkleitung auf die Suche nach einem neuen Schädlings-Schädling für die Wanze gemacht.

Doch Pflanzenschutz ist eine komplizierte Angelegenheit, und er beginnt nicht erst mit der Wahl zwischen Chemie und natürlicher Alternative, „um beispielsweise einem Pilzbefall wirksam zu begegnen“, sagt Parkleiter Hartwig Schepker. Auch besonders anfällige Rhododendron-Sorten auszusortieren, könne eine Möglichkeit sein, die übrigen zu schützen. Verantwortlich für die Gesundheit der Pflanzen sind Schepker und sein Kollege Cord Jürgens. Birte Evers berät die beiden seit Jahren in Sachen alternativer Schädlingsbekämpfung. Doch klar ist auch: Wer es umweltverträglich versucht, muss gleichzeitig lernen, mit dem Problem zu leben. „Nur mit ausreichend Zeit und Personal kann so ein starker Befall natürlich behandelt werden“, sagt Schepker. „Und das erfordert nicht eine Maßnahme, sondern ein ganzes Paket.“ Und Evers ergänzt: „Am Ende ist das Ziel, die Verbreitung der Wanze in einem tolerablen Rahmen zu halten.“

Soll heißen: Ein paar der Tiere kann der Park verkraften, aber das Gleichgewicht muss stimmen. Und um das herzustellen, haben Schepker, Jürgens und Evers schon einiges versucht. Zuerst Fadenwürmer, sogenannte Nematoden, die in Pulverform gelagert und mit Wasser angerührt werden. Sie befallen die Larven der Wanze und bringen sie letztendlich zum Absterben. Doch die Würmer brauchen einen Film aus Feuchtigkeit, um sich fortbewegen zu können. Die Wanzen jedoch sitzen auf der Blattunterseite. Also wurden einzelne Pflanzen zwar mühevoll von unten mit der Wurmlösung besprüht, aber trotz des gewünschten Ergebnisses war der Wurm letztendlich nicht praktikabel einsetzbar. Zu mühsam das Ausbringen, zu trocken der Blattrücken. Ähnlich verliefen die Tests mit einem Pilz, dem Beauvaria. Auch er befällt und tötet die Schädlingsinsekten. Auch er musste von unten an die Blattrücken gespritzt werden. „Das Prinzip funktioniert, aber der Aufwand und die Arbeitsbedingungen sind anspruchsvoll“, sagt Schepker.

Umgang mit Pflanzenschutzmitteln benötigt Fachwissen

Was ein wenig nach Herumexperimentieren klingt, ist in Wirklichkeit streng reglementiert. Jeder Feldversuch bedarf einer Ausnahmegenehmigung durch den Pflanzenschutzdienst, denn die Arbeit mit Pflanzenschutzmitteln, auch mit natürlichen, braucht Fachwissen. Welche Art soll bekämpft werden? Welcher Zeitpunkt ist dafür der beste? Welcher Gegenspieler kann genutzt werden, ohne dass er selbst Kollateralschäden verursacht? Evers tauscht sich dafür regelmäßig mit internationalen Kolleginnen und Kollegen aus, im Arbeitskreis Biologischer Pflanzenschutz, der 2018 auch in der Botanika in Bremen tagte.

Bald steht der nächste Feldversuch im Kampf gegen die Wanze an. Das Mittel der Wahl ist dieses Mal ein Abfallprodukt aus der Saftindustrie, erklärt Cord Jürgens: Orangenöl. Für den ökologischen Gartenbau ist das Öl als Insektizid bereits zugelassen. Doch auch seine Anwendung bringt Herausforderungen mit sich, das wissen sie schon heute. Vor allem die Witterung muss im Auge behalten werden. Das Citrusöl – kombiniert mit der UV-Strahlung der Sonne – kann dazu führen, dass das Blatt verbrennt. Regnet es, bleibt das Öl womöglich nicht dort, wo es hin soll. Doch im Rhododendronpark erhofft man sich deutliche Erfolge bei der Bekämpfung der Netzwanzen-Population. Vor allem im kommenden Frühjahr, wenn agiert werden soll, statt zu reagieren. Denn: „Es ist wichtig, möglichst schon die erste Generation der Wanzen stark zurückzudrängen“, sagt Birte Evers. „Wir wollen möglichst früh handeln“, betont Hartwig Schepker.

Chemische Pestizide sind das letzte Mittel

Zeitgemäßer Pflanzenschutz ist so ökologisch, wie es nur geht. Die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben lassen sich unter dem Label „Integrierter Pflanzenschutz“ zusammenfassen. In ihnen ist klar festgelegt: Chemische Pestizide sind das letzte Mittel, egal ob bei der Schädlingsbekämpfung oder der Unkrautvernichtung. Die Praxis freilich, sieht oftmals anders aus. Aber: „Vorher sollte man unbedingt alle alternativen Möglichkeiten ausprobiert haben“, mahnt Evers. „Man weiß nie, welche schädlichen Wirkungen erst nach langer Zeit festgestellt werden.“ Beispiel Glyphosat: Das Pflanzenschutzmittel wurde jahrelang bedenkenlos und großflächig eingesetzt, nicht nur in der industriellen Landwirtschaft, auch in privaten Gärten. Erst seit wenigen Jahren und aufgrund neuer Erkenntnisse wird der Einsatz kontrovers diskutiert. Evers, die sich selbst als „ein bisschen öko“ bezeichnet, wünscht sich deshalb, dass auf diese Art von Pestiziden möglichst verzichtet wird. Im Rhododendronpark ist ein Anfang gemacht.

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Zur Sache

Bremens Unkraut darf auch mal wachsen

Mit heißem Wasser ist Thomas Lauk auf Bremens Straßen und Wegen unterwegs, um Verkehrsflächen freizuhalten. Statt Chemie nutzt er im Auftrag des Amts für Straßen und Verkehr die sogenannte Heatweed-Technologie, bei der Unkraut mittels eines Heißwasserstrahls verkocht wird. Sensoren an seinem Fahrzeug registrieren, wo das Unkraut wächst, ein Umlauferhitzer bringt das Wasser aus dem Tank auf eine Temperatur von 95 bis 100 Grad. Kostensparend sei das, sagt Lauk, und weniger belastend für die Umwelt. Für die Pflege der städtischen Grünanlagen ist der Umweltbetrieb Bremen zuständig. Chemische Unkrautvernichter werden hier prinzipiell nicht eingesetzt. „Das Entfernen von Unkraut erfolgt bei uns mechanisch“, sagt Pressesprecherin Kerstin Doty. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: per Rechen, mit einer Unkrautbürste auf einem Fahrzeug oder auch mit Hand und Schaufel. Letzteres vor allem dort, wo der Pflegeaufwand besonders hoch ist, zum Beispiel bei anspruchsvolleren Flächen, wie den Wallanlagen. Ansonsten gilt der Grundsatz: Unkraut darf auch mal wachsen. „Schließlich bieten die Pflanzen einen Lebensraum für zahlreiche Insekten“, sagt Doty.

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