Bremer Beitrag zur Aufarbeitung der NSU-Morde „Am Ende wird es keine Gerechtigkeit geben“

Zehn Menschen sollen vom NSU getötet worden sein. Auf Einladung der Uni kommt nun der Bruder eines der Opfer nach Bremen. Im Interview erzählt er vorab, wie er den Umgang mit dem Mord erlebt hat.
14.01.2018, 08:00
Lesedauer: 5 Min
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„Am Ende wird es keine Gerechtigkeit geben“
Von Sara Sundermann

Herr Tașköprü, 2001 wurde ihr Bruder ermordet. Noch immer läuft der Prozess, ein Mammutverfahren mit bisher mehr als 400 Tagen. Wie nehmen Sie den Prozess wahr – und waren Sie bei Gerichtsterminen in München?

Osman Tașköprü : Das meiste verfolge ich über Nachrichten und im Fernsehen. Es zieht mich zu sehr runter, vor Gericht dabei zu sein. Ich würde wütend werden und das möchte ich nicht. Aber ich war im Gericht, als mein Vater dort als Zeuge seine Aussage gemacht hat. Er war ja derjenige, der meinen Bruder in unserem Obst- und Gemüseladen gefunden hat. Mein Vater war unterwegs, um Oliven zu kaufen, und als er zurückkam, fand er meinen Bruder in einer Blutlache. Er hat erst gedacht, das ist nicht Blut, das ist vielleicht Wein. Im ersten Moment hat er gar nicht verstanden, was los war.

Wie haben Sie von dem Mord an Ihrem Bruder erfahren?

Ich war in Hamburg und bei der Arbeit, damals hatte ich einen Job als Hausmeister. Zuvor hatte ich den Gemüseladen mit meiner Mutter geführt, 2001 hat mein Bruder den Laden dann übernommen. Ein Kioskbesitzer aus unserer Straße hat mich dann angerufen und gesagt, dass bei uns etwas passiert ist. Als ich beim Laden ankam, standen dort Polizei und Krankenwagen. Und mein Vater war dort, er hatte überall Blut von meinem Bruder. Die Ärzte haben versucht, meinen Bruder zu reanimieren, aber ein paar Minuten später kam der Arzt aus dem Laden und hat seinen Tod fest gestellt. Mein Bruder ist in seinem Laden auf dem Boden gestorben. Für mich ist in dem Moment eine Welt zusammen gebrochen. Ich kam nicht klar, es war ein Schockzustand.

Ihr Vater hat direkt nach der Tat der Polizei gesagt, er habe zwei deutsche Männer im Alter von 25 und 30 Jahren vom Tatort weggehen sehen. Heute wird vermutet, dass dies wahrscheinlich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren...

Ja, mein Vater hat vor der Tür des Ladens in Altona zwei deutsch aussehende Männer gesehen, als er zurückkam. Die beiden Männer hatten eine Tüte in der Hand und sie haben gelacht. Diesem Hinweis sind die Ermittler damals aber nicht richtig nachgegangen.

Wie verlief der Kontakt mit der Polizei?

Wir wurden direkt am Tag des Tods meines Bruders auf dem Polizeipräsidium vernommen, auch später immer wieder, zum Teil extrem lang. Manche Vernehmungen haben zehn Stunden gedauert. Das war für uns alle als Familie nicht leicht. Dein Bruder oder Sohn ist gestorben und du wirst als Verdächtiger oder Beschuldigter behandelt.

Es wurden riesige Ermittlerteams eingesetzt, um die Mordserie aufzuklären. Dass Ausländerfeindlichkeit das Motiv sein könnte, wurde aber immer wieder zurückgewiesen. Statt dessen ermittelte man im Umfeld der Opfer, es hieß, sie könnten Teil einer Drogenmafia sein oder hätten Wettschulden gehabt. Wie haben Sie das erlebt?

Auch bei meinem Bruder ging es darum, ob er Kontakte ins Rotlichtmilieu oder mit Drogenhandel zu tun hatte. Ein Beamter hat mir zum Beispiel gesagt: „Ihr Bruder ist ja auch ein schlimmer Finger gewesen.“ Da bin ich durchgedreht. So redet er über meinen Bruder, der ermordet wurde. Einige Bekannte und manche Freunde haben sich von uns abgewandt und den Kontakt abgebrochen. Und immer wieder wurde man von Leuten angesprochen, die gesagt haben: „Wer auf so eine Art stirbt, wie dein Bruder, der muss ja irgendetwas gemacht haben.“ Das war das Belastende für die Familie. Meine Schwester ist dadurch krank geworden, ich war auch drei Jahre lang komplett von der Rolle, mir war alles egal. Ab 2007 habe ich wieder ins Leben zurückgefunden, auch durch meinen Sohn.

Später haben Sie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen...

Ja, 2013 war ich zusammen mit anderen Opfer-Angehörigen im Kanzleramt eingeladen. Angela Merkel ist von Tisch zu Tisch gegangen und hat sich mit jedem von uns unterhalten, auch mit mir. Sie hat uns damals versprochen, dass es eine lückenlose Aufdeckung der Taten des NSU geben soll, dass auch die Hintermänner aufgedeckt werden. Leider ist dieses Versprechen nicht eingehalten worden.

Weshalb glauben Sie das?

Bei dem Prozess in München wird es am Ende keine Gerechtigkeit geben, das ist meine Meinung. Es wird so dargestellt, dass im Grunde nur die drei Mitglieder des NSU-Trios allein für die Taten verantwortlich gewesen sind. Aber es müssen mehr Leute daran beteiligt gewesen sein. Die NSU-Mitglieder können sich zum Beispiel nicht ohne mehr Unterstützer über Jahre versteckt haben. Auch die Beteiligung von Mitarbeitern des Verfassungsschutzes müsste mehr vor Gericht aufgeklärt werden. Und es müssten Polizeibeamte zur Verantwortung gezogen werden, die ihre Arbeit nicht richtig gemacht haben.

Was für eine Form von Gedenken an die Opfer des NSU, an Ihren Bruder wünschen Sie sich als Angehöriger?

Wichtig wäre für mich, dass man die Opfer nicht vergisst. Es wird viel über die Täter gesprochen, viel mehr als über die Opfer. Jeder weiß über Beate Zschäpe Bescheid, darüber, wie sie aussieht, was sie anhat, was sie macht. Aber keiner weiß über die Opfer Bescheid. Das ist das Schlimme daran: Dass vor allem die Täter dargestellt werden, ist für uns als Angehörige nochmal ein Schlag ins Gesicht.

In Hamburg-Altona wurde eine Straße nach Ihrem Bruder Süleyman benannt. Wie finden Sie das?

Ja, es ist eine Nebenstraße, ein 300 Meter langes Stück der Kohlentwiete wurde nach ihm benannt. Ich war dagegen, aber mein Vater war einverstanden, deshalb kam es letztlich so. Ich finde, dass eigentlich die Schützenstraße nach meinem Bruder benannt werden müsste, denn in dieser Straße wurde er umgebracht. Aber die Schützenstraße ist eine sehr lange Straße. Die Stadt hat gesagt, die Schützenstraße könne sie nicht umbenennen, das sei zu teuer. Viele Anwohner der Straße waren gegen eine Umbenennung, einige fanden den Namen Tașköprü zu lang und schwer auszusprechen.

Wie war es für Sie, als durch das Bekennervideo des NSU klar wurde, dass Ihr Bruder von einer rechten Terrorgruppe ermordet wurde?

Ich habe davon im Radio gehört, ich habe damals als Kurierfahrer gearbeitet und war gerade unterwegs auf einer Fahrt. Die Nachricht war ein erneuter Schock, ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Täter tatsächlich Nazis gewesen sind. Obwohl ich früher schon darüber nachgedacht habe, dass sich die Morde gegen Ausländer richten könnten – es war ja immer dieselbe Tatwaffe und die meisten Opfer sind türkischer Herkunft. Andere Opferfamilien haben schon ganz zu Anfang gesagt, dass es ausländerfeindliche Tötungen sein könnten. Dem sind die Ermittler aber in vielen Städten nicht nachgegangen. Nach allem, was man heute weiß, muss man sagen: Vielleicht ist man einigen Spuren bewusst nicht nachgegangen.

Hat das Wissen darum, wer die Täter waren, für Sie und Ihre Familie im persönlichen Umfeld etwas verändert?

Einige Bekannte sind auf uns zu gekommen und haben sich dafür entschuldigt, wie sie uns vorher behandelt haben. Aber ich habe die meisten Entschuldigungen nicht angenommen. Wissen Sie, ich bin hier in Hamburg-Altona aufgewachsen, ich bin hier zur Schule gegangen, habe hier meine Lehre gemacht und habe hier zwölf Jahre lang Fußball gespielt. Ich bin großer Bayern-München-Fan und mein Bruder Süleyman war Fan des 1. FC Köln. Und dann war da lange diese Ungewissheit nach dem Mord und die Verdächtigungen. Dann drehen Leute im Stadtteil das Gesicht weg oder wechseln die Straßenseite, wenn sie dich sehen. So etwas brauche ich nicht. Ich denke, man sollte niemanden verurteilen, solange seine Schuld nicht bewiesen ist. Ich denke jeden Tag an meinen Bruder, ich habe seinen Tod jeden Tag vor Augen.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

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