Exil-Spanier in Bremen über Katalonien

„Am Ende wird es nur Verlierer geben“

Für die Exil-Spanier in Bremen ist die aktuelle Entwicklung um die von Katalonien angestrebte Unabhängigkeit in ihrem Heimatland seit Wochen ein großes Thema. Ein Besuch beim spanischen Stammtisch.
07.10.2017, 18:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Timo Thalmann
„Am Ende wird es nur Verlierer geben“

Die spanische Band „Tuna“ gastierte am Sonnabend in der Markthalle 8. Bei den Besuchern war die katalanische Unabhängigkeitsbewegung Gesprächsthema Nummer eins.

Sebi Berens

Zusammen Musik zu machen ist noch problemlos möglich. Seit gut zwei Monaten ist die spanische Gruppe Tuna bereits im Wohnmobil quer durch Europa unterwegs. Am Wochenende war Bremen die vierte Deutschland-Station der fünf Musiker aus Valencia und der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Gleich zum Auftakt füllte der 70er-Jahre Schlager „Y Viva España“ („Lang lebe Spanien“) die Markthalle Acht, wo die Taperia La Piconera der kleinen Folklore-Truppe eine Auftrittsmöglichkeit bot. Das Loblied auf Spanien ist aber kein Problem für den Katalanen David Tello. „Rund die Hälfte der Katalanen wollen die Unabhängigkeit gar nicht, die sind nur nicht so lautstark“, meint der Sänger. Und außerdem hätten viele Katalanen auch Verwandte und damit Verbindungen in andere Teile Spaniens. „Mein Vater stammt zum Beispiel aus Aragon.“ Die aktuelle Entwicklung verfolgt er daher mit gemischten Gefühlen. „Ich hoffe, dass auf beiden Seiten noch die Vernunft einsetzt und man zu wirklichen Gesprächen findet.“

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Tello und seine Mitmusiker bereicherten am Sonnabend mit ihrem Auftritt das regelmäßige monatliche Treffen zahlreicher in Bremen lebender Spanier in der Markthalle. Für die aus unterschiedlichen Regionen des Landes stammenden Exil-Spanier ist die aktuelle Entwicklung um die von Katalonien angestrebte Unabhängigkeit in ihrem Heimatland natürlich auch seit Wochen ein großes Thema.

Taperia la Piconera

Diskutierte in der Markthalle Acht über Spaniens politische Zukunft: Koldo aus dem Baskenland.

Foto: Sebi Berens

Parallelen mit Deutschland

So groß, dass Leticia Villalba schon genervt abwinkt. „Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören“, sagt die 33-Jährige, die seit rund fünf Jahren in Deutschland lebt und vor einem Jahr aus beruflichen Gründen von Bayern nach Bremen umgezogen ist. „Alle Arbeitskollegen und Bekannten aus Deutschland fragen mich immerzu nach meiner Einschätzung, als ob ich die Lösung wüsste.“ Sie stammt ursprünglich aus Kastilien und hat zum Spanien-Stammtisch wie selbstverständlich eine kastilianische Flagge mitgebracht. „Die Identifikation mit den Regionen ist überall in Spanien hoch“, berichtet die Ingenieurin. Dabei sieht sie durchaus Parallelen mit Deutschland. „Als ich nach München kam, wurde mir auch erklärt, ich sei jetzt nicht in Deutschland, sondern in Bayern.“ Von einer katalanischen Unabhängigkeit hält sie dennoch nicht viel. „Das Problem ist dabei eigentlich die Zentralregierung“, meint sie. Die sei durch und durch korrupt und die Katalanen haben dabei das Gefühl, als wirtschaftlich stärkste Region den Schaden bezahlen zu müssen. „Da denken sie, die Unabhängigkeit ist die Lösung.“

Mit der Ansicht, dass die Regierung in Madrid einen großen Anteil an der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung hat, steht sie nicht allein da. Auch Koldo aus dem Baskenland sieht das so. Der 34-jährige Biochemiker ist seit einem Jahr in Bremen und verweist auf die Unterschiede im Staatsaufbau. „Die deutschen Bundesländer haben einerseits weniger Rechte, als die spanischen Regionen, sind andererseits aber unabhängiger von der Zentralregierung“, hat er gelernt. So könnten die spanischen Regionalparlamente zwar eigene Steuergesetze erlassen, aber jedes Gesetz muss von der Zentralregierung in Madrid bestätigt werden. „Spanien wird viel zentraler regiert, als es von Außen aussieht“, schlussfolgert er und könnte sich vorstellen, dass die Katalanen oder auch seine eigene Region mit mehr echter Autonomie die nie ganz verschwundenen Unabhängigkeitsbestrebungen aufgeben. „Im Baskenland wurde lange mit Gewalt darum gekämpft“, erinnert er an den bis zum Jahr 2010 andauernden Terror der ETA (Euskadi Ta Askatasuna; baskisch für:„Baskenland und Freiheit“). Sachlich sieht er allerdings keinen Grund für eine Unabhängigkeit Kataloniens. „Mir scheint es so, dass dort viele ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht sind.“ Auch zweifelt er an einer echten Mehrheit für die Unabhängigkeit. „Ein vernünftig organisiertes, legales Referendum könnte wie 2014 in Schottland ausgehen“, glaubt er. Insofern sieht der 34-Jährige den Schwarzen Peter aber auch bei der Zentralregierung. „Die Gewalt rund um die jetzige Abstimmung war völlig überzogen.“

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Die Kritik an der Regierung in Madrid teilt auch Luis Oliver, der in Andalusien aufgewachsen ist. „Bei der ganzen Entwicklung werden am Ende alle nur Verlierer sein“, meint er. Die Katalanen tun sich nach seiner Ansicht keinen Gefallen mit der Unabhängigkeit. „Man sieht ja jetzt schon, dass große Unternehmen ihren Hauptsitz vorsichtshalber in andere Regionen verlegen.“ Der seit Anfang 2016 als Netzwerkadministrator in Bremen beschäftigte 37-Jährige weiß aber auch keine Lösung. „Wenn die Beteiligten nicht miteinander reden wollen, wird es schwierig.“ Das sei wie bei seiner Arbeit: Wenn die Teile in einem Computernetzwerk keine gemeinsame Sprache haben, funktioniert eben gar nichts.

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