Wegen Körperverletzung und Beleidigung Amtsgericht Bremen verurteilt Gewalttäter zu Geldstrafe

Ein 60-Jähriger ist vom Amtsgericht Bremen wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 4800 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Doch für das Opfer ist das ein schwacher Trost.
29.10.2019, 21:38
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Amtsgericht Bremen verurteilt Gewalttäter zu Geldstrafe
Von Carolin Henkenberens

Am Schluss setzt sich der Rechtsstaat durch. Soeben will die Richterin das Urteil begründen, da fällt ihr der Angeklagte ins Wort. „Falsch“, sagt er. „Stimmt nicht.“ Doch die Richterin stellt klar: „Ich bin jetzt dran.“ Er könne gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen, aber jetzt müsse er zuhören.

Die Richterin trägt vor, was sie als erwiesen ansieht. Nämlich, dass er, ein heute 60 Jahre alter Bremer, im April 2017 einen mittlerweile 37-jährigen Bremer israelischer Herkunft vor dem Bremer Einkaufszentrum Berliner Freiheit mit Faustschlägen traktiert und rassistisch beleidigt hat. Das Amtsgericht hat den Mann deshalb am Dienstag wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 4800 Euro Geldstrafe (120 Tagessätze à 40 Euro) verurteilt. Der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte kündigt vor dem Urteil an, die Entscheidung anfechten zu wollen.

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Das 37-jährige Opfer hatte diesen Tag herbei gesehnt. Er sagt, es habe viel zu lange gedauert, bis ein Strafbefehl gegen den Täter erlassen worden sei. Stattdessen sei kurz nach der Tat zunächst gegen ihn ermittelt worden. An eine Opferberatung sei er nicht vermittelt worden.

Am Dienstag ist es so weit: In Saal 551 des Amtsgerichts Bremen wird in der Sache verhandelt. Der Angeklagte streitet ab, dass es Schläge gegen den 37-Jährigen gegeben hat. Er schildert den Fall so: Er, der Angeklagte, sei am 19. April 2017 mit seiner Frau, seinem Sohn und dem Hund am Einkaufszentrum Berliner Freiheit unterwegs gewesen, als das spätere Opfer „mit einem Affenzahn“ an ihm vorbei ins Parkhaus eingebogen sei. Er habe seine Familie und das Tier schützen wollen und deshalb gepfiffen und gerufen. Der Fahrer habe angehalten, die Scheibe herunter gekurbelt.

Das Opfer wolle ihn fertig machen

Er habe den Mann auf sein Fehlverhalten hingewiesen, sagt der Angeklagte. Der 37-Jährige wiederum habe entgegnet, dass hier kein Zebrastreifen sei und gelacht. Der Angeklagte habe sich daraufhin umgedreht und plötzlich heißen Kaffee in seinem Nacken gespürt. Danach, so ist er überzeugt, hat ihm der 37-Jährige einen Thermo-Becher aus Metall an den Kopf geschlagen. Daraufhin sei er zu Boden gegangen. Sein Sohn und seine Frau bestätigen diese Variante der Geschichte. Auch streitet der Angeklagte ab, das Opfer beleidigt zu haben. „Ich bin kein Rassist“, beteuert er. Er habe sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Das Opfer wolle ihn nur fertig machen.

Doch es gibt ein Video einer Überwachungskamera, das die Schilderung des Angeklagten widerlegt. Es zeigt, sagt die Richterin, wie der Angeklagte sich ins Auto des 37-Jährigen beugt und mehrmals auf ihn einschlägt. Der Sohn des Angeklagten, der als Zeuge aussagt, erklärt mit Blick auf das Video: „Das kann ich gar nicht erkennen“. Er findet, das Video sei manipuliert. Die Ehefrau des Angeklagten sagt mit Blick auf die Schläge: „Daran kann ich mich nicht erinnern.“ Die Richterin und Staatsanwältin werden die Aussagen später als „einstudiert“ werten. Dass die Polizei keinen Metall-Becher findet, erklärt der Angeklagte so: Es hätten sich etwa 20 „ausländische Mitbürger“ am Tatort versammelt. Die seien alle gegen ihn gewesen. Einer habe den Becher verschwinden lassen.

Das Gericht glaubt letztlich, dass es überwiegend so passiert ist, wie es das 37 Jahre alte Opfer und seine Ehefrau darstellen. Der 37-Jährige sagt aus, der mutmaßliche Täter sei zu seinem Auto gekommen, habe mit einer Hand auf ihn eingeschlagen. „So brutal, wie ich das nur aus dem Krieg kenne.“ Er habe nur noch Blitze gesehen und kaum Luft bekommen. Er habe einen Plastikbecher mit Eistee aus der Mittelkonsole genommen und dem Angeklagten das Getränk ins Gesicht geschüttet, damit er von ihm ablasse.

Danach sei er aus dem Auto ausgestiegen. Es sei zu einer Rangelei gekommen. Der Angeklagte habe ihn dabei gebissen. Er – ein Arzt – nimmt seinem Angreifer noch die Brille ab, wie das Video laut Richterin zeigt. Der 37-Jährige sagt, er als Neurologe wisse, wie gefährlich eine Brille werden könne und habe nicht gewollt, dass sich der Mann damit verletzt. Statt zurückzuschlagen, will das Opfer de­eskalieren und umarmt den Angreifer. Er handele so aufgrund seiner Erfahrungen im Militär, erzählt er später. Als beide Männer zu Boden gehen, zieht sich der Angeklagte eine Platzwunde am Kopf zu, der 37-Jährige läuft zu seinem Kofferraum und holt Desinfektionsspray und Tücher. Die Hilfe lehnen der Verletzte und seine Familie ab. Der Sohn behauptet, das Spray hätte ja vergiftet sein können.

Antisemitische Beleidigungen

„Er war so aggressiv“, sagt die Frau des 37-Jährigen aus. Der Angeklagte habe „Wir brennen euch nieder“, „Scheiß Juden“ und weitere rassistische, antisemitische Beleidigungen gerufen. Sie fragt den Angeklagten: „Was haben wir Ihnen angetan? Warum greift man Menschen einfach so an?“ Eine Antwort erhält sie nicht.

„Ich bin davon überzeugt, dass diese Beleidigungen so gefallen sind“, sagt die Richterin. Die Schilderungen seien glaubhaft, die des Angeklagten dagegen nicht. Im Video sei kein Schlag mit einem Becher zu sehen, es habe auch keinen Auflauf an Menschen ausländischer Herkunft gegeben. Das Urteil ist für den 37-Jährigen ein schwacher Trost. Er sagt, er versteht nicht, wieso er zunächst wie der Täter behandelt worden sei. Er fühlt sich ungleich behandelt. Die Tat samt der Beleidigungen habe sein Leben und das seiner Frau „massiv verändert“.

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