Nach belastender Chemotherapie

"Eigentlich wollte ich jetzt wieder durchstarten"

Fenja Harms ist als Krebspatienten in der Corona-Krise besonders gefährdet. Während einer Chemotherapie musste sie bereits erleben, was soziale Distanz und Isolation bedeuten.
24.04.2020, 05:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Struß
"Eigentlich wollte ich jetzt wieder durchstarten"

Eine Leidenschaft von Fenja Harms ist Mode. In ihrem Blog schreibt die 23-Jährige auch darüber, wie lebenswichtig soziale Distanz für Krebspatienten ist.

Privat

Wie ein Foto oder ein Tagebuch ist auch ein digitaler Blog imstande, ein Gefühl in einem Moment des Lebens festzuhalten. „Die vermutlich schlimmste Zeit meines Lebens rückt immer weiter in die Vergangenheit“, schreibt Fenja Harms am 25. Februar auf ihrer Internetseite fenjaharms.com. „Ich werde immer fitter, sowohl mental als auch körperlich.“ Es sind Zeilen voller neu gewonnener Lebenslust. Die 23-jährige Krebspatientin kann nach einer belastenden Chemotherapie endlich wieder aufatmen. Doch dann erreicht das Coronavirus Norddeutschland. Die gerade wiedergewonnene Freiheit zerplatzt wie eine Seifenblase.

„Eigentlich wollte ich jetzt wieder durchstarten“, sagt die 23-Jährige. Das Schwimmen hatte sie gerade als neues Hobby für sich entdeckt, dann machten die Bäder dicht. Auch im Berufsleben war Harms mit einem Minijob ein Neuanfang gelungen. Zunächst ging es ins Homeoffice, inzwischen ist auch diese Beschäftigung weggefallen. Die Bremerhavenerin verbringt wieder sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Dabei wäre eigentlich viel mehr möglich.

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Schwaches Immunsystem

Doch die junge Frau muss sich ganz besonders vor dem Coronavirus schützen. Die Chemotherapie endete im Dezember und hat den Körper bis heute geschwächt. Auch die Lunge muss sich noch erholen. Das Virus ist deshalb besonders gefährlich. Die 23-Jährige gehört zur Risikogruppe. „Ein Medikament haben die Ärzte vor drei Wochen abgesetzt, weil es das Immunsystem zusätzlich geschwächt hat“, sagt sie. Einmal pro Woche fährt sie von Bremerhaven zum Klinikum Bremen-Mitte, um den Blutkrebs mit einer geringen Dosierung weiter zu bekämpfen. Am 7. Mai sollte sie eigentlich in eine Reha-Klinik gehen. Durch die Corona-Krise ist dies nun auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die drohende Gefahr durch das Virus erkannte die 23-Jährige bereits Anfang März, als sich die Infektionen im Bundesland noch an einer Hand abzählen ließen. „Mein Freund hat seitdem das Einkaufen übernommen“, sagt sie. Es sei ein großes Glück, dass sie nicht allein lebe. „Mir würde sonst die Decke auf den Kopf fallen.“ Der Verzicht auf soziale Kontakte und der Rückzug in die eigene Wohnung sind für die Bremerhavenerin nicht neu. Im vergangenen Jahr hat sie genau dies während der Chemotherapie durchlebt. „Damals hatte ich aber gar nicht den Antrieb, nach draußen zu gehen. Ich war einfach so schwach“, sagt sie. In dieser Phase der Behandlung wäre eine Infektion mit dem Coronavirus für sie noch gefährlicher gewesen.

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Isolation ist nicht neu

Während sich weite Teile der Gesellschaft an den neuen Alltag im Homeoffice gewöhnen müssen, kennt Harms die Situation besser, als ihr lieb ist. „Das ist keine Umstellung für mich, und deshalb ist es auch nicht so schlimm“, sagt sie. Ein täglicher Spaziergang ist erlaubt, außerdem geht die 23-Jährige nun regelmäßig Joggen. „Die ersten Läufe waren furchtbar. Durch die intensive Chemotherapie hatte ich zehn Kilo Muskeln verloren“, sagt sie. Trotzdem tue ihr der Sport sehr gut. Vor vier Monaten fesselten sie die Nebenwirkungen der Therapie noch ans Sofa. Die zurückgewonnene Lebensqualität könne ihr auch die Corona-Krise nicht nehmen.

Durch die Leukämie hat Harms eine Isolation überstanden, die um ein Vielfaches fordernder war, als das Homeoffice. Für Menschen, die sich nicht an die neuen Regeln halten, hat sie kein Verständnis. Am 17. März schreibt die Bloggerin: „Der Egoismus der Menschen kotzt mich an.“ Sie kritisiert Hamsterkäufer oder Menschen, die sich immer noch in Gruppen treffen. Auf vier Bildern guckt sie die Leser skeptisch an. Die Körperhaltung strahlt Selbstbewusstsein aus, von Schwäche durch die Krankheit ist nichts zu sehen. Zu der Kurzhaarfrisur trägt sie demonstrativ einen Mundschutz. „Wie schwer kann es sein, für eine kurze Zeit Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen und nur für das Nötigste sich unter Menschen zu begeben? Man überlebt es. Ich verspreche es!“

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