Neues Konzept bringt zusätzliche Kurse für rund 60 000 Betroffene Analphabetismus wirksam bekämpfen

Bremen. In Bremen gibt es mehr als 60000 Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Im Kampf gegen den Analaphabetismus wurde ein neues Konzeptberarbeitet – und hat bereits erste Auswirkungen.
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Analphabetismus wirksam bekämpfen
Von Matthias Lüdecke

Bremen. In Bremen gibt es statistisch gesehen mehr als 60000 Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die Politik wollte etwas dagegen tun und beschloss die Erarbeitung eines ressortübergreifenden Konzeptes. Dieses Konzept liegt nun vor – und hat bereits erste Auswirkungen.

Bremen. Am Ende hat es nur vier Monate gedauert. Auf der Tagesordnung der Sitzung der Bildungsdeputation am vergangenen Freitag stand auch das "Bremer Konzept für Alphabetisierung und Grundbildung". Erarbeitet hatte dieses Konzept eine Arbeitsgruppe, die sich aus Vertretern mehrerer Senatsressorts, von Jobcenter und Arbeitsagentur sowie aus verschiedenen Bildungseinrichtungen zusammensetzte. Gegründet wurde sie im Februar. Neue Dynamik erhielt sie im Frühjahr.

Denn im April schockte eine Zahl die Politik: 60700. So viele sogenannte funktionale Analphabeten gibt es statistisch gesehen in Bremen – Menschen, die nur einzelne Sätze lesen und schreiben können und keine zusammenhängenden Texte. Die Bildungsbehörde hatte zuvor für die Antwort auf eine Große Anfrage der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Universität Hamburg auf Bremen heruntergerechnet. "Leo" heißt diese im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums. Ergebnis: 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten – 14,5 Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren.

Dagegen wollte die Politik etwas tun. Einstimmig fasste die Bürgerschaft im Juni den Beschluss, dass bis Ende dieses Jahres ein ressortübergreifendens Konzept erarbeitet werden soll. Und eben dieses Konzept, ein Ergebnis der Arbeitsgemeinschaft, wurde jetzt vorgestellt. Im Oktober, vier Monate nach dem Beschluss der Bürgerschaft stand es. Im September wurde zudem öffentlichkeitswirksam ein "Bremer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung aus der Taufe gehoben". Über 20 Institutionen haben schon unterzeichnet.

"Man hat das Gefühl, dass jeder einen Beitrag leisten will", sagt Monika Wagener-Drecoll. Sie leitet unter anderem den Fachbereich Grundbildung bei der Bremer Volkshochschule, dem größten Anbieter von Alphabetisierungskursen in der Stadt. Wagener-Drecoll saß von Anfang an in der Arbeitsgemeinschaft – und dass die AG so schnell ein Konzept ausarbeitet konnte, habe maßgeblich an der Mitarbeit von Anke Grotlüschen gelegen, sagt sie. Die Hamburger Professorin ist die Autorin der "Leo"-Studie, und in Bremen moderierte sie einen Workshop der AG. Einen Workshop, der ein erster Schritt war für das nun vorliegende Konzept.

Und dieses Konzept hat jetzt schon positive Auswirkungen, wie Wagener-Drecoll berichtet. Am Anfang habe die Erkenntnis gestanden, dass es in Bremen schon viele Angebote für Analphabeten gebe, sagt sie, dass man zehn Prozent der Betroffenen schon erreiche – ein guter Wert, den man aber noch steigern wolle. Erste Schritte in diese Richtung seien unternommen worden. So habe die Volkshochschule sich gezielt an Menschen wenden können, die keinen Platz an der Erwachsenenschule erhalten hätten, weil sie nicht gut genug lesen und schreiben konnten. Auch mit dem Jobcenter arbeite man verstärkt zusammen.

Und eine weitere positive Nachricht gibt es: Die Volkshochschule konnte zusätzliche Kursusplätze schaffen – mit 48000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds. Ein Kursus mit zwölf Teilnehmern ist bereits gestartet. Zwei weitere sollen Anfang 2013 folgen. Im Frühjahr war die Einrichtung noch an der Grenze dessen, was sie finanzieren konnte. "Dieses Problem haben wir zumindest kurzfristig lösen können", sagt Wagener-Drecoll und hofft auf weiteres EU-Geld in der Förderperiode ab 2014. Denn die zusätzlichen Werbemaßnahmen zeigten langfristig noch größere Wirkung, sagt sie. "Viele Betroffene brauchen eine gewisse Zeit, um sich zu einer Entscheidung durchzuringen." Das Konzept der AG sieht für die Finanzierung vor, dass künftig diejenigen die Kosten der Kurse übernehmen sollen, die davon profitieren. "Bis wir so weit sind, ist es aber noch ein langer Weg", sagt Wagener-Drecoll.

Das Jahr 2013 steht bei der Arbeitsgemeinschaft aber erst einmal im Zeichen weiterer Planung. Ein systematisches Programm zur Grundbildung soll erarbeitet werden. Alphabetisierung und Sprache stehen dabei am Anfang und könnten mittelfristig ergänzt werden um Kurse zum Thema Gesundheit oder Umgang mit Medien. Durch die Bündelung – so hofft die AG – könnten noch mehr Menschen angesprochen und erreicht werden. "Und wenn uns eine solche Systematik gelingt, wären wir in Bremen deutschlandweit Vorreiter", sagt Wagener-Drecoll, "so wie wir es im Bereich der Alphabetisierung vor 30 Jahren gewesen sind."

Interessierte können unter Telefon 361 36 75 einen Termin bei der Volkshochschule vereinbaren.

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