Hervé Maillet leitet Kinderkunstprojekt an / Bremenweite Beteiligung an Schau in der Weserburg Anders leben und anders sehen

Steintor/Neustadt. Hervé Maillet mag als Profifotograf beides: stundenlang puzzeln, bis die Getränkedose optimal ausgeleuchtet ist, und genau den richtigen Moment festhalten, in dem ein Lächeln durch keinen Schatten getrübt wird. Da kam ihm eine ganz andere Herausforderung recht.
21.11.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Steintor/Neustadt. Hervé Maillet mag als Profifotograf beides: stundenlang puzzeln, bis die Getränkedose optimal ausgeleuchtet ist, und genau den richtigen Moment festhalten, in dem ein Lächeln durch keinen Schatten getrübt wird. Da kam ihm eine ganz andere Herausforderung recht. Für „Anders Leben“, eine Ausstellung, die seit dem, 17. November, im Neuen Museum Weserburg auf dem Teerhof zu sehen ist, hat der Künstler aus dem Steintor ein Thema für die Arbeit mit Kindern gesucht. Es ist der aktuellen Ausstellung „Mir ist das Leben lieber“ mit Objekten aus der Sammlung von Reydan Weiss entnommen.

Die Sammlerin ist in Istanbul geboren, in Jordanien aufgewachsen, in Jerusalem zur Schule gegangen und als junge Erwachsene nach Deutschland gekommen. Ihr Zugang zu unterschiedlichen Kulturkreisen waren der Grund für die Weserburg, diese den Horizont erweiternde Ausstellung zu gestalten. Ob afrikanische und arabische Masken, ob ozeanische, japanische oder lateinamerikanische Malerei nebeneinander, oder die Nackte in Bronze, die keinem Schönheitsideal entspricht – vieles liegt abseits des Gewohnten. Aus einer solch intensiven Anregung durch das Betrachten der Bilder, Skulpturen und Videos über Leben und Tod, über Rollen in der Gesellschaft und zur eigenen Positionierung, ist das bremenweite Projekt „Anders Leben“ für Kinder entstanden, das bis zum 8. Januar in der Weserburg ausgestellt wird. Der Künstler Rainer Will hat die Ausstellung geordnet. Andrea Siamis von der Quartier gGmbH hat das Ganze initiiert. „Zu Beginn dachte ich an die Bremer Stadtmusikanten, die einen neuen Standpunkt für ihr Leben finden mussten“, sagt sie. „Einen Standpunkt zu finden, reicht aber nicht aus, es geht auch um die Anerkennung in der vorhandenen Umwelt.“

Beteiligt haben sich gut 40 Künstlerinnen und Künstler, die mit über 600 Kindern zwischen drei und 18 Jahren die Ausstellung angesehen, Konzepte erarbeitet und mit einer Kindergruppe gearbeitet haben. Wie Delia Nordhaus in Tene­ver mit einer heilpädagogischen Tagesgruppe der St. Petri Kinder- und Jugendhilfe oder Fotograf Hervé Maillet im Spielhaus in der Friesenstraße. In Tenever, Hemelingen, Mitte und der Östlichen Vorstadt, Kattenturm und Huckelriede, Huchting und der Neuen Vahr, Woltmershausen, Neustadt, Grohn und Blumenthal – überall sind Werke entstanden, inspiriert von „Mir ist das Leben ­lieber“.

Das honorieren auch Stadtteilbeiräte, der Soziokultur-Fonds, die Senatorin für Kultur, die Stadt Bremen, die SWB-Bildungsinitiative, Wohnen in Nachbarschaft, die Gewoba, Start (Jugendkunststiftung Bremen) und weitere Einrichtungen. Sie fördern „Anders Leben“ nicht nur finanziell, sondern bringen sich auch bei der Logistik ein. Allein mit 35 Jugendeinrichtungen und den dort betreuten Kindern wurden Termine vereinbart, es wurden Eltern einbezogen, Begleitungen für Ausflüge organisiert, und Essen und Getränke bereitgestellt. Hervé Maillet wählte als Thema „Religionen“, und er fand im Spielhaus Friesenstraße sieben Jungen, die sich damit beschäftigen wollten. „Ich musste meine Erwartungen reduzieren. Die Kinder sind zu jung, um mit ihnen tiefer über unterschiedliche Religionen sprechen zu können, aber wir haben Kirchen und Moscheen fotografiert“, sagt Maillet.

Wie ist die Atmosphäre in der Kirche? Was ist zu sehen? Was ist interessant? So bereiteten sie sich auf Besichtigungen vor. Das Erste, das Maillet auffiel: „Sie sind sehr unterschiedlich. Es ist gar nicht wie eine Schulklasse. Es ist schon schwierig, gemeinsame Termine zu finden.“ Der Fotograf musste mit drei unterschiedlichen Schlusszeiten von Schulen zurechtkommen. Die Kinder, die mitmachen, sind zwischen sieben und zehn Jahren alt, Christen und Muslime. Sie standen bei ihrer ersten katholischen Kirche vor verschlossenen Türen und lernten sich anzumelden. Sie besuchten den Dom, die Kulturkirche St. Stephani und Unser Lieben Frauen, St. Godehard, aber auch die Fatih Moschee. Und überall haben sie Fotos gemacht. Die Kirchenfenster von St. Stephani fanden sie schön, die Atmosphäre in Unser Lieben Frauen war die angenehmste, Leonard gefiel der Dom am besten. Und dass sich die Betenden in der Fatih Moschee beim Hinknien am Teppichmuster orientieren, erstaunte einige Jungs genauso wie ein enger Beichtstuhl mit Kniebank in einer katholischen Kirche.

Leonard, Orhan und Arya sind die Ersten beim Treffen und dürfen sich ein Fotoalbum in ihrer Lieblingsfarbe nehmen. „Ich lebe als Fotograf vom Licht“, sagt Hervé Maillet und denkt an die wunderschönen Manessier-Fenster in Unser Lieben Frauen, aber auch an einige in St. Stephani, die kaum Farbe haben und längeres Betrachten erfordern. Was werden die Jungen einkleben? Fußbänke, Kreuze, Nischen zum Beten, gewiss die dekorativ ausgemalte riesige Kuppel der Moschee, auch die Grabplatten im Dom oder jahrhundertealte Malerei in Unser Lieben Frauen? Was unterscheidet die Gotteshäuser, und was ist ähnlich oder gleich? Eines wissen die Jungen jetzt. Gebetet wird immer gen Osten, in Richtung der aufgehenden Sonne.

Weitere Beiträge aus den Stadtteilen Mitte und Östliche Vorstadt sind: „Heute Schamanin – morgen Schamane“, Schule St. Johann, Udo Steinmann, „Afrika Maskenwesen“, Übersee-Museum, Sylvia Dierks, „Das Leben der anderen“, Gesamtschule Mitte, Amir Omerovic. Auskunft unter 59 83 90.
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