„In transit“: Umeswaran Arunagirinathan schildert seinen Lebensweg / Akondoh Ali hat eine politische Botschaft Angekommen

Ostertor. „Sagt Ihnen, dass die Wahrheit sich nicht in einen Käfig sperren lässt. Und dass Denken nicht mit einem Gewehr zerstört werden kann“, lautet eine Zeile aus dem Gedicht „Sagt Ihnen“, das der Togoer Akondoh Ali im Noon im Theater am Goetheplatz vorgetragen hat.
16.03.2015, 00:00
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Von Joshua Hartmann

„Sagt Ihnen, dass die Wahrheit sich nicht in einen Käfig sperren lässt. Und dass Denken nicht mit einem Gewehr zerstört werden kann“, lautet eine Zeile aus dem Gedicht „Sagt Ihnen“, das der Togoer Akondoh Ali im Noon im Theater am Goetheplatz vorgetragen hat. In der Kooperation „In Transit“ zwischen dem Theater und Amnesty werden Aspekte der aktuellen Flüchtlingsproblematik beleuchtet. Als zweiter Gast war der Arzt und Autor Umeswaran Arunagirinathan aus Hamburg eingeladen. Beide Männer berichteten von ihrem langen Weg nach Deutschland.

„In Sri Lanka nannte man mich den schwarzen Jungen. Weil ich dunklere Haut als alle anderen hatte“, erzählt Umeswaran Arunagirinathan. Als der Bürgerkrieg ausbrach, floh er aus seinem Heimatland. Zwölf Jahre alt war er damals. „Ich hätte nie gedacht, dass es einen Menschen gibt, der dunklere Haut hat als ich. Und als ich nach Togo kam, da habe ich mich gefreut! Wirklich, das war toll!“ Nach acht Monaten unbegleiteter Flucht kam er in Frankfurt an. Heute ist der gebürtige Tamile Arzt und Autor und lebt in Hamburg.

Sein Akzent ist kaum zu hören, die Zuhörer begrüßt er locker mit: „Moin, ich bin Umeswaran.“ Sein Buch trägt den Titel„Allein auf der Flucht: Wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“. Bevor Umeswaran Arunagirinathan 1991 in Frankfurt ankam, war er in Dubai, Togo, Nigeria, Spanien und Singapur gewesen. Seine Mutter habe monatelang einen Schlepper, also einen professionellen Fluchthelfer, gesucht. „Das ist nicht einfach, wissen Sie. Das kann man nicht einfach googlen“, scherzt er. Umeswaran Arunagirinathan versteht es, die Zuhörer nicht zu erdrücken. Zwischen traurigen Etappen seiner Reise streut er humorvolle Szenen ein – und verschafft seinem Publikum die Möglichkeit, kurz durchzuatmen.

Auch seine Geschwister konnten fliehen, sind jetzt in den USA, in Kanada. Aber nicht alle Angehörigen haben es geschafft, das Land zu verlassen. „Meine Mutter blieb in Sri Lanka. Eine Flucht kostete damals umgerechnet 15 000 Mark. Für eine Gymnasiallehrerin, die ungefähr 50 Mark im Monat verdient, ist das schon sehr viel Geld.“

Den größten Teil seines bisherigen Lebens hat Umeswaran Arunagirinatha in Deutschland verbracht. Er ist mit deutscher Kultur aufgewachsen. Als er seine Mutter besuchte, trug der damalige Student löchrige Hosen, und er hatte sich Streifen in die Haare rasiert. „Das war damals im Trend“, sagt er. „Ich habe meiner Mutter in die Augen gesehen. Da war Trauer und Freude gleichzeitig.“ Um ihre Kinder vor dem Krieg zu beschützen, habe sie Trauer und Einsamkeit auf sich genommen. „Das hat Spuren hinterlassen“, erzählt der Sohn. „Außerdem hat sie nicht verstanden, wieso ich mir neue Hosen kaufe, die Löcher haben“, fügt er lächelnd hinzu.

Anhand den Erzählungen von Umeswaran Arunagirinathan erleben die Zuschauer die Angst eines zwölfjährigen Jungen mit. Er charakterisiert den „Oberboss“, einen der Schlepper-Bosse in Togo. „Er hatte unser Geld, unsere Papiere. Er hatte Macht über uns. Alle hatten Angst vor ihm.“ Ihn habe er nicht geschlagen, weil er ein Kind gewesen sei. Doch auch einem ihm fremden Mann die Füße zu massieren, kostete ihn große Überwindung. „Wenn mein Vater völlig fertig vom Feld nach Hause kam, hab ich ihm auch mal den Rücken massiert. Das kannst du schon mal machen. Aber nicht für einen fremden Menschen. In Sri Lanka ist mir das nie passiert. Aber im Angesicht eines Menschen, der alle Macht über dich hat, am ganzen Körper vor Angst zitternd, da machst du das.“

Akondoh Ali kämpft dafür, dass sich die Zustände in Togo verändern. Wegen seiner Kritik an dem diktatorischen Regime ist der Schriftsteller mehrfach verhört, gefoltert und 1993 inhaftiert worden. Seit 1995 lebt er mit seiner Familie in Bremen und genießt politisches Asyl. Die Moderatorin Anna Igho Priester bittet ihn, die zeitlichen Vorgaben des Abends zu ignorieren. „Für die Gedichte von Akondoh braucht man Zeit“, erklärt sie. Seine Gedichte sind nicht lustig. Sie klagen an, sind schwermütig.

„Sagt Ihnen, dass man weder mit Waffengewalt über das Volk herrschen kann / noch mit Lügen / Noch mit Geldscheinen / All diese unpassenden Mittel werden eines Tages ihren Preis kosten.“ Er prangert die Katastrophe von Lampedusa an, dreht sich im Kreis und ruft Namen der Ertrunkenen in den Raum. „Lampedusa – eine Lösung bist du nicht. Du bist eine Frage, ohne jegliche Antwort an die Pforten Europas geheftet.“

Günter Pape von Amnesty Bremen macht auf die Petition aufmerksam, die im „Noon“ im Foyer des Kleinen Hauses ausliegt. Die Bittschrift richtet sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel und fordert Veränderungen in der europäischen Flüchtlingspolitik. Unterschrieben ist sie mit „SOS Europa – Erst Menschen, dann Grenzen schützen“. In der Reihe „in transit?“ geht es darum, Antworten zu finden. Antworten im Sinne der in Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“ formulierte Forderung „Bitte bemühen Sie sich ein wenig, zu erfahren, was Sie niemals wissen können, bitte.“

Weitere Informationen zu „in transit“ unter www.theaterbremen.de. Die ausliegende Petition kann auch online eingesehen und ausgefüllt werden unter www.amnesty.de/sos-europa.

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