Coronavirus und die Folgen

„Angst kann auch ansteckend sein“

Die Bremer Gesundheitspsychologin Sonia Lippke über die Angst vor dem Coronavirus, Erfahrungen aus früheren Ausbrüchen und darüber, warum Menschen in solchen Zeiten anfälliger sind für Verschwörungstheorien.
11.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Angst kann auch ansteckend sein“
Von Sabine Doll
„Angst kann auch ansteckend sein“

Ein fast leeres Regal in einem Pariser Supermarkt: Einige Menschen versuchen, sich für den Ernstfall einzurichten.

Gao Jing /dpa
Frau Lippke, Menschen bevorraten sich mit Lebensmitteln und Toilettenpapier. Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind ausverkauft. Warum ist die Angst so groß vor dem Coronavirus?

Sonia Lippke: Risiken sind für Menschen grundsätzlich immer bedrohlich. Wenn man an andere gesundheitliche Risiken denkt, wie etwa an die Grippe, daran sind wir ein stückweit gewöhnt. Sie kommt jedes Jahr, beginnt im Herbst und ist im März oder April wieder weg, viele Menschen sind betroffen, man kann sich dagegen impfen lassen. Wenn man sich selbst ansteckt, bleibt man zu Hause, kuriert sich aus, und die Erkrankung ist in der Regel nach zwei Wochen überstanden. Insofern ist die Grippe etwas Normales und Beherrschbares. Und das, obwohl auch jedes Jahr Tausende Menschen in Deutschland daran schwer erkranken und leider auch einige daran versterben.

Was ist jetzt anders – abgesehen davon, dass das Coronavirus neu ist?

Die Medienaufmerksamkeit ist viel größer. Es wird viel mehr darüber berichtet, wie groß die Ansteckungsgefahr ist, wie viele Menschen weltweit täglich daran erkranken und auch sterben. Das Virus kommt aus China herübergeschwappt, und es ist nicht gewöhnlich. Das bedeutet: Menschen fühlen sich einer Bedrohung ausgesetzt, die sie als nicht kontrollierbar wahrnehmen und womit sie keine Erfahrung haben.

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Wie war das bei anderen Ausbrüchen, etwa bei Sars vor 17 Jahren?

Wenn man das vergleicht, gibt es sehr viele Ähnlichkeiten. Auch dieses Virus hat sich von Asien aus weltweit ausgebreitet. Ein Unterschied zu damals: Wir sind heute noch viel globaler und vernetzter, und die Mobilität hat deutlich zugenommen. Dementsprechend hat das noch extremere Ausmaße angenommen. Die Welt ist noch kleiner und enger geworden, und damit sind die tatsächliche und auch die gefühlte Bedrohung gewachsen.

Sonia Lippke

Gesundheitspsychologin Sonia Lippke.

Foto: Jonas Ginter /Jacobs University /dpa
Was macht die Angst mit uns, gerade wenn es um unkontrollierbare Bedrohungen geht – insbesondere bei gesundheitlichen Risiken?

Angst ist nicht per se schlecht – im Gegenteil sogar. Sie kann uns mobilisieren, sodass wir uns schützen und Maßnahmen ergreifen, die zum allgemeinen Schutz auch notwendig sind. Um etwa dem Ansteckungsrisiko Einhalt zu gebieten. Das Wichtigste dabei ist aber, dass man das Gefühl der Kontrollierbarkeit und der Zuversicht nicht verliert. Das heißt, dass man Maßnahmen in einem Umfang ergreift, der auch sinnvoll ist.

Beim persönlichen Schutz vor einer Ansteckung ist dies etwa Handhygiene oder dass man sich möglichst nicht ins Gesicht fasst, insbesondere nachdem man eine Türklinke oder Ähnliches angefasst hat. In diesem Fall kann Angst dabei helfen, dass man aufmerksamer ist und entsprechende Maßnahmen durchführt, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. Diese Angst ist zunächst einmal gut und wichtig, sie hat eine Funktion und sollte ernst genommen werden. Aber: Sie sollte nicht zu groß werden.

Wann wird die Angst zur Panik?

Es gibt Menschen, die mit solchen Ängsten generell nicht so gut umgehen können oder möglicherweise grundsätzlich eine extrem hohe Angst haben. Wenn dann so etwas wie die Ausbreitung eines Virus dazu kommt, kann das diese Menschen so sehr beeinträchtigen, dass sie Panik entwickeln, nicht mehr zur Arbeit gehen können. Da ist es wichtig, dass man realisiert: Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, ist rein statistisch gesehen nicht so hoch wie die Infektion mit einem Grippevirus oder sich eine Erkältung einzufangen. Und wenn man Maßnahmen ergreift, die zum Schutz vor Grippe oder Erkältung gut sind, schützt man sich gleichzeitig auch vor dem Coronavirus – und andersherum.

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Im Internet kursieren jede Menge Verschwörungstheorien – sind Menschen in solchen Zeiten anfälliger dafür?

Das Gefühl der Unkontrollierbarkeit kann dazu verleiten, Dinge zu tun und oftmals auch zu glauben, die irrational sind. Dazu kommt auch, dass Angst selbst ansteckend sein kann. Aus Forschungen wissen wir: Menschen, die generell schon die Tendenz haben, sich zurückzuziehen und misstrauisch zu sein, vermuten eher, dass etwas Unausgesprochenes im Gange ist, und glauben auch eher solchen Verschwörungstheorien. Um diesen Menschen Vertrauen zu geben, ist es besonders wichtig, Fakten so verständlich zu vermitteln, dass sie ihnen glauben können, und dass Vertrauen zum Beispiel in Behörden erhalten oder wiederhergestellt werden kann.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wenn es heißt, das Ansteckungsrisiko liegt bei 17 Prozent, ist dies eine abstrakte Zahl, unter der sich viele Menschen schlecht etwas vorstellen können. Man kann das auch anders erklären: In einem Bahnabteil sitzen sechs Menschen, ein siebter Fahrgast kommt dazu. Dieser neue Passagier steckt nur einen der sechs anderen an – rein statistisch gesehen; alle anderen bleiben aber gesund. In Krisenzeiten oder gefühlten Krisenzeiten ist klare und allgemein verständliche Kommunikation besonders wichtig. Gerade wenn mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten Fakten transportiert werden sollen, müssen diese so kommuniziert werden, dass die Allgemeinbevölkerung sie auch gut verstehen kann.

Neben Sars gab es andere Ausbrüche wie BSE oder die Schweinegrippe, die Angst und Panik in der Bevölkerung ausgelöst, ihren Schrecken aber auch bald wieder verloren haben. Wird es beim Coronavirus ähnlich sein?

Angst und teilweise auch Panik werden sich aller Voraussicht nach nicht über einen sehr langen Zeitraum auf hohem Niveau halten können. Das liegt auch daran, dass man die statistischen Wahrscheinlichkeiten besser zuordnen kann und außerdem eine Art Gewöhnungseffekt eintritt. Dies haben wir vor 20 Jahren auch selbst am Beispiel BSE und Rindfleischkonsum untersucht: Viele Menschen haben damals gesagt, dass sie nie wieder Rindfleisch essen werden, das hatte sich bei vielen später wieder erledigt. Menschen kommen relativ schnell zur Normalität zurück. Dieses Vergessen ist aber auch eine gesunde Reaktion, die für das Wohlbefinden und die langfristige seelische Gesundheit sinnvoll ist.

Kann die Angst vor dem Coronavirus auch langfristig etwas Positives bewirken? Immerhin wird so intensiv wie selten zuvor über Handhygiene und andere Schutzmaßnahmen geworben.

Handdesinfektion, vor allem auch bei medizinischem und Gesundheitsfachpersonal, ist ein extrem wichtiges Thema. Infektionen stellen in Kliniken ein sehr großes Problem dar – unabhängig von dem Coronavirus. Wenn das Personal sich nicht an die Empfehlungen zur Handdesinfektion hält, wie sie wissenschaftlich begründet umgesetzt werden sollten und könnten, kann das die Patientensicherheit erheblich gefährden. Wir führen derzeit eine Studie mit Krankenhauspersonal zu regelmäßigen Handhygienemaßnahmen durch.

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Was sind die Ergebnisse?

Als die Untersuchung einige Zeit vor dem Coronavirus-Ausbruch gestartet ist, lag die Quote unter 50 Prozent. Also nur einer von zwei beobachteten Mitarbeitern hat seine Hände so sauber gehalten wie empfohlen – und das entspricht auch internationalen Beobachtungen mit circa zwei von fünf Pflegekräften und einem von drei Ärzten. Jetzt sind es nahezu 100 Prozent, also fast alle Klinikmitarbeiter, die sich wirklich an die Empfehlungen halten. Das scheint schon dem Bewusstsein um den Coronavirus-Ausbruch und dem, was wir alle machen sollten, um uns und andere zu schützen, zu entspringen.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Sonia Lippke (45) ist Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University Bremen. Seit 2011 arbeitet sie an der Bremer Privatuniversität.

Info

Zur Sache

Online-Befragung zur Handhygiene

Im Rahmen eines Forschungsprojekts führen die Bremer Gesundheitspsychologin und ihr Team auch Online-Befragungen durch. Wer sein eigenes Verhalten überprüfen möchte oder einfach Interesse an dieser Forschung hat, kann an der Umfrage zu Handhygiene teilzunehmen. Für alle, die in den letzten zehn Jahren Patienten oder als Begleitpersonen in einem Krankenhaus waren, gilt dieser Link: https://www.unipark.de/uc/Lippke/6a4a/. Für Beschäftigte im Gesundheitswesen: https://www.unipark.de/uc/handhygieneMA.

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