Bremer Arzt arbeitet in Ruanda

Angst um die Zukunft der Patienten

Bremen. Der Bremer Arzt Dr. Andreas Kiefer arbeitet in einem Krankenhaus in Ruanda. In dem afrikanischen Land ist er einer von insgesamt fünf Unfallchirurgen - wenn sein Einsatz im kommenden Jahr beendet wird, gibt es keinen Nachfolger.
22.10.2010, 17:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Angst um die Zukunft der Patienten
Von Iris Hetscher
Angst um die Zukunft der Patienten

In dem Krankenhaus in Butare, in dem Dr. Andreas Kiefer arbeitet, muss oft improvisiert werden.

Kiefer

Bremen. Der Bremer Arzt Dr. Andreas Kiefer arbeitet in einem Krankenhaus in Ruanda. In dem afrikanischen Land ist er einer von insgesamt fünf Unfallchirurgen - wenn sein Einsatz im kommenden Jahr beendet wird, gibt es keinen Nachfolger.

Bremen. In die Entwicklungsarbeit wollte Andreas Kiefer schon immer. „Als ich beschlossen habe, Medizin zu studieren, war diese Möglichkeit die Hauptantriebsfeder“, erzählt der Unfallchirurg. Dafür nahm der Bremer sogar einen langen Umweg in Kauf – weil er den erforderlichen Notenschnitt für sein Lieblingsstudienfach nicht erreicht hatte, machte er zunächst eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Während des Medizinstudiums war er eine Zeitlang an einem Krankenhaus in Uganda beschäftigt. Während dieser Zeit stellte er fest, dass er gerne auch weiterhin in Afrika als Arzt arbeiten wollte.

Doch das war nicht so einfach wie gedacht. Es dauerte einige Jahre, bis Kiefer vom Deutschen Entwicklungsdienst (DED) nach Butare im Süden Ruandas geschickt wurde. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass sich das so langwierig gestalten würde“, sagt Kiefer. Der Hintergrund: Ein Paradigmenwechsel in der Entwicklungsarbeit. Denn die Zeit, in der händeringend Ärzte gesucht wurden, um an Krankenhäusern in Ländern der Dritten Welt zu arbeiten, ist vorbei.

Ruanda will mehr einheimische Ärzte

Auch Ruanda möchte lieber eine höhere finanzielle Unterstützung der deutschen Bundesregierung, um seinen Gesundheitsbereich mit einheimischen Medizinern auszubauen. „Es werden mittlerweile erheblich weniger europäische Ärzte für den Entwicklungsdienst gesucht, und wenn, dann geht es fast immer um beratende Tätigkeiten, beispielsweise als Lehrkräfte an Universitäten“, erklärt Andreas Kiefer. Die ruandische Regierung befürchte zudem, bei zu vielen europäischen Ärzten im Land wanderten die einheimischen Mediziner ab in die Nachbarländer.

Was auf den ersten Blick wie die mustergültige Umsetzung der strapazierten Maxime „Hilfe zur Selbsthilfe“ klingt, ist nach den Erfahrungen Andreas Kiefers zu kurz gedacht. Denn derzeit gebe es noch gar nicht genug einheimische Mediziner, die die europäischen Gastärzte ersetzen könnten.

Kiefer ist seit einem Jahr an dem 500-Betten-Haus beschäftigt, als einer von 17 Fachärzten. In der Chirurgie arbeiten außer ihm noch zwei Ärzte aus Uganda und einer aus Ruanda, es stehen 110 Betten zur Verfügung. Im ganzen Land ist Kiefer einer von fünf Unfallchirurgen – und das in einem der am dichtesten besiedelten Länder Afrikas. In Ruanda leben elf Millionen Menschen, einen Quadratkilometer teilen sich durchschnittlich 314 Einwohner.

Dieser Mangel prägt die Arbeit Kiefers in Ruanda. „Pro Tag haben wir vier bis sechs neue Patienten in der Chirurgie, aber längst nicht die Möglichkeit, alle schnell zu versorgen“, beklagt der Arzt.

Mehrere Wochen Wartezeit

Höchstens zehn Mal steht er pro Woche am Operationstisch, für mehr Termine fehlt es an qualifiziertem Personal und ausreichend Material. Das bedeutet, dass Kiefer eine Liste erstellen muss mit Patienten, die dringend behandelt werden müssen und solchen, die warten können. Vieles wird zunächst notdürftig verbunden und geschient, die Wartefrist für Patienten kann mehrere Wochen betragen. Bei manchen Brüchen ist der Knochen dann schon verheilt. „Der Patient muss sich damit abfinden, dass der Arm nicht mehr so beweglich ist oder das Bein steif bleibt“, erzählt Andreas Kiefer.

Dieser Mangel auf allen Ebenen zwingt zum Improvisieren, denn wenn Kiefer Material bestellt, dann dauert es mitunter vier bis sechs Monate, ehe neue Klemmen, Schrauben, Metall-Einmal-Instrumente oder Platten geliefert werden. Bürokratie gibt es auch in Afrika. Kiefer bemüht sich daher bei seinen Besuchen in Deutschland – seine Ehefrau lebt mit den zwei Kindern nach wie vor in Bremen – darum, Spenden zu sammeln. Auch das gestaltet sich häufig als Abenteuer.

50 Kilogramm Material hat er kürzlich von seinen ehemaligen Kollegen eines Krankenhauses in Bünde gestiftet bekommen, den Transport wollte sein Arbeitgeber, der Deutsche Entwicklungsdienst, aber nicht übernehmen. Die Schrauben und Tupfer sind trotzdem in Butare angekommen: „Ich habe verschiedene Kollegen, die nach Afrika geflogen sind, gebeten, das in ihren Koffern zu verstauen.“ Kiefer ist am 22. Oktober zurück nach Ruanda geflogen – und dieses Mal bestand sein komplettes Gepäck aus medizinischem Material.

Trotz dieser Widrigkeiten würde der Chirurg gerne weiterhin in Ruanda arbeiten. Sein Vertrag läuft im Oktober 2011 aus, eine Verlängerung ist nicht geplant. „Der Abschied wird mir sehr schwer fallen“, sagt Andreas Kiefer. Er hat sich inzwischen an die für deutsche Verhältnisse unkonventionelle Arbeitsweise gewöhnt: „Wenn man soviel improvisieren muss, lernt man, mit allen Unwägbarkeiten klarzukommen, man wächst mit seinen Aufgaben.“

Vor allem aber hat er Angst um seine Patienten. Die Lücke zwischen den politischen Vorgaben, nur noch einheimische Ärzte einzusetzen und der Realität, in der diese Mediziner nicht annähernd in ausreichender Zahl in Sicht sind, sei eklatant. Andreas Kiefer ärgert diese sture Haltung: „Mit ist unbegreiflich, warum das nicht gesehen wird.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+