Schlichtwohnungen in Walle

Angst vor dem Abriss

Bremen braucht bezahlbaren Wohnraum und dennoch sollen die Schlichtwohnungen in Walle größtenteils abgerissen werden. Bewohner, Aktionsbündnis und Diakonie fordern die Stadt daher zum Handeln auf.
04.08.2016, 00:00
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Angst vor dem Abriss
Von Sabine Doll
Angst vor dem Abriss

In der Siedlung Holsteiner Straße in Walle gibt es 35 Wohnungen, ein Teil der Schlichtwohnungen steht seit vielen Jahren leer.

Frank Thomas Koch

Bremen braucht bezahlbaren Wohnraum und dennoch sollen die Schlichtwohnungen in Walle größtenteils abgerissen werden. Bewohner, Aktionsbündnis und Diakonie fordern die Stadt daher zum Handeln auf.

Hasan Hacikerimoglu weiß genau, was er will. „Ich möchte mit meiner Familie in unserer Wohnung bleiben. Außerdem haben wir in der Nachbarschaft solch einen Zusammenhalt, wie es ihn selten gibt.“ Hasan Hacikerimoglu lebt mit drei Generationen in einer sogenannten Schlichtwohnung in der Holsteiner Straße. Er wehrt sich gegen die Abrisspläne des Eigentümers, der Vonovia AG.

Nur etwa 18 der insgesamt 35 Wohnungen in der Siedlung im Stadtteil Walle sind überhaupt noch belegt, der Rest steht leer, teilweise schon seit Jahren. So, wie in den zwei weiteren Quartieren mit Schlichtwohnungen: Das sind die Reihersiedlung in Oslebshausen mit rund 50 und die Siedlung Am Sacksdamm in Sebaldsbrück mit knapp 100 Wohnungen. Alle sind im Besitz der Vonovia, sie will die Schlichtwohnungen größtenteils abreißen und dafür neue Wohnungen bauen.

„Wir fordern den Erhalt aller Schlichtwohnungen in der Stadt. Und wir fordern, dass die etwa 100 leer stehenden Wohnungen instand gesetzt werden. Das ist mit einfachen Mitteln möglich. Bremen braucht dringend und unverzüglich bezahlbare Wohnungen“, sagt Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“.

Druck auf die Stadt

Gemeinsam mit dem Diakonischen Werk will das Bündnis Druck auf die Stadt ausüben, „endlich etwas für den Erhalt der Schlichtwohnungen zu tun, und damit den unter Druck stehenden Markt für bezahlbaren Wohnraum in Bremen entlasten“, wie Barloschky betont. Damit Bewohner wie die Familie Hacikerimoglu in ihrem Zuhause bleiben und um Menschen ein Dach über dem Kopf bieten zu können, die keines hätten.

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In Bremen lebten derzeit mindestens 600 Obdachlose, die zunehmend Schwierigkeiten hätten, einen Schlafplatz zu finden. „Viele Plätze sind einfach geräumt worden, ohne dass die Frauen und Männer auf der Straße darüber in Kenntnis gesetzt wurden“, sagt Landesdiakoniepastor Manfred Meyer. Ihnen könnte ein Teil der leer stehenden Wohnungen angeboten werden. Obdachlose dürften aber seit Jahren nicht mehr in die leer stehenden Schlichtwohnungen vermittelt werden. Darüber hinaus gebe es immer mehr Menschen in der Stadt, die aus ihren Vierteln regelrecht vertrieben würden, weil sie sich die steigenden Wohnkosten nicht mehr leisten könnten.

Meyer fordert den Senat und ganz explizit die Baubehörde auf, ihre „soziale Verantwortung“ wahrzunehmen. Sie habe mehrere Möglichkeiten, auf die Abriss- und Neubaupläne des Wohnungsbaukonzerns Einfluss zu nehmen: „Zum Beispiel über bau- und planungsrechtliche Schritte. Die Genehmigung von Bauprojekten könnte etwa an bestimmte Voraussetzungen gebunden werden. Werden diese Vorgaben nicht eingehalten, wird das Projekt nicht genehmigt.“ Die Stadt könnte die Schlichtwohnungen auch ankaufen, um sie zu erhalten.

Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis.

Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis.

Foto: Frank Thomas Koch

Kaufverträge sind bereits ausgearbeitet

In der Baubehörde befasst sich nach Angaben ihres Sprechers, Jens Tittmann, eine Arbeitsgruppe mit der Zukunft der drei Schlichtwohnungsquartiere. Erste Ergebnisse gebe es bereits: „Die Siedlung Am Sacksdamm ist unstrittig. Wegen des Zustands hat es keinen Zweck, sie zu retten.“ Bei der Reihersiedlung sei die Vonovia bereit, sie an den Verein Wohnungshilfe Bremen zu übergeben. Die Kaufverträge seien ausgearbeitet und lägen dem Verein vor. Tittmann: „Die Siedlung an der Holsteiner Straße will die Vonovia auch abreißen, da möchte die Stadt aber noch prüfen, was möglich ist.“

Gleichzeitig gebe es erste Gespräche mit der Wohnungsgesellschaft Gewoba, was einen zukünftigen Betrieb und die Instandsetzung betreffe. Die Schlichtwohnungen wurden in den 1920er und 1950er Jahren auf die Schnelle für Menschen in Notsituationen gebaut und waren nicht für die Ewigkeit gedacht. Bis heute werden sie mit Öfen geheizt, teilweise gibt es kein Warmwasser. „Allein die baurechtliche Prüfung ist eine sehr komplexe Materie. Daher ist es höchst unglücklich, wenn jetzt schon wieder Kritik kommt, obwohl die Gruppe schnell und gründlich ihre Arbeit macht“, so der Behördensprecher.

Die Bewohner sind in jedem Fall fest entschlossen, für ihr Zuhause und gegen einen Abriss der Schlichtwohnungen zu kämpfen. So wie Simone Helber, die mit ihrer Familie Am Sacksdamm lebt: „Wenn alle Stricke reißen, fahren wir Bewohner eben nach Bochum zur Konzernzentrale der Vonovia und protestieren dort.“

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