Neue Ausstellung von Friedo Stucke in der Wallerie regt zum kritischen Nachdenken an

Animierende Kunst

Walle. 40 400 Ein-Centstücke sind auf einem kniehohen Holztisch neben dem Eingang der „Wallerie“ aufgebaut. Das entspricht dem derzeitigen Hartz IV Satz: 404 Euro.
23.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Urlbauer
Animierende Kunst

Was es mit diesen Einweckgläsern auf sich hat, können Besucher und Besucherinnen der Ausstellung Friedo Stuckes noch bis zum 12. Februar in der „Wallerie“ erfahren.

Roland Scheitz

Walle. 40 400 Ein-Centstücke sind auf einem kniehohen Holztisch neben dem Eingang der „Wallerie“ aufgebaut. Das entspricht dem derzeitigen Hartz IV Satz: 404 Euro. Sie sind von Hand gestapelt – und nicht geklebt. Daneben steht das Bild einer Flasche Wein, die genauso viel Wert ist. Es ist eine von sechs Installationen des Künstlers Friedo Stucke. Bis Sonnabend, 25. Februar, ist die Ausstellung „ausdemweg“ in der Galerie im Walle-Center zu sehen.

„Ich sehe nicht das Geld und den Tisch, sondern Fragestellungen“, sagt Galeristin Delia Nordhaus. Was bedeutet diese Summe für die Menschen, die sie bekommen? Und für die Menschen, die diesen Wert festgelegt haben? Die Arbeiten Stuckes seien materialgewordene Fragen, Herausforderungen und philosophische Ideen, so Nordhaus.

Fragt man Stucke, wie lange er für das Stapeln der Centstücke gebraucht habe, erklärt er, dass die Arbeitszeit völlig unbedeutend sei – sonst könne man auch fragen, wie lange das Holz gebraucht hat, um zu wachsen. „Ich habe meinen Gedanken materialisiert und anders als Worte verändert sich dieser Gedanke nicht mehr“, sagt der gelernter Dachdecker. „Ich möchte keine Weisheiten verkaufen, sondern nur meine eigenen Ideen und Kritikpunkte darstellen. Jeder hat andere.“

Mit Stuckes Installationen im Raum sind die Wände der „Wallerie“ leerer als sonst. An zwei Wänden allerdings hängen 101 Einbände von Taschenbüchern. „Cover Cut“ heißt diese Installation. „Ich habe als Theatermensch auf das Cover geschaut und überlegt, wie man das Bild in Bewegung bringt.“ Dazu hat er mit einem Cutter-Messer kleine geometrische Formen ausgeritzt – Dreiecke, Striche oder Pfeile. „Jeder wird eine andere Aussage herausholen, eine kleine Szene oder eine Geschichte.“ Die Möglichkeit, eigene „Cover Cuts“ zu erstellen, haben Interessierte am Freitag, 27. Januar, in einem dreistündigen Workshop mit dem Künstler. Am Donnerstag, 9. Februar, liest Stucke im Walle-Center. „Es wird eine Art ‚Infotainment’ zum Thema Wasser“, erklärt der 55-Jährige dazu.

Der gelernte Handwerksmeister lebt in Wanna, Niedersachsen. 13 Jahre lang hat Stucke Theater in Rom und Los Angeles studiert, seit zehn Jahren arbeitet er selbstständig als Regisseur und Schauspieler. „Ich danke Friedo dafür, dass er hinschaut und Leute dazu animiert, hinzuschauen und zu hinterfragen“, sagt Nordhaus. Fragen sind bei der Arbeit Stuckes nicht nur unerlässlich, sie sind die Essenz seiner Werke. Denn welche Bedeutung haben 300 gestapelte Weckgläser? Wieso hängt eine Fleischkeule in einer Ecke der Galerie? Und welche Idee steckt hinter den 101 Taschenbuch-Covern an der Wand? Nicht nur der Künstler selbst, sondern auch Galerie-Besitzerin Nordhaus kann den Besucherinnen und Besuchern weiterhelfen. „Wir hatten schon Kinder in der Galerie, die nach der Bedeutung der Cent-Stücke gefragt haben. Ich habe ihnen die Verhältnismäßigkeit zu der Flasche Wein, die daneben steht, erklärt.“

Stucke interessiert sich für Dualismus, Paradoxes und Synchronität. In seiner Installation „Offen gelegt“ drückt er genau das aus. Es sind Weckgläser, rund 360 Stück, wie eine Pyramide aufeinandergestellt. Als Besucher könnte man meinen, durch sie durchschauen zu können – bis an die dahinterliegende Wand. Und doch ist nicht zu erkennen, welches Objekt Stucke im Inneren eines der Gläser versteckt hat. Verraten möchte er es auch nicht. Ein Sinnbild für die Politik, sagt der Künstler. Antworten von Politikern seien so verklausuliert und in Beamtendeutsch verpackt, dass man nichts von dem Gesagten verstehen kann, auch wenn es offen da liegt. „Ich habe hier auch alles transparent gemacht, und doch sieht man nicht, was hinten drinsteckt.“

Es gehe in der Kunst nicht um Lösungsansätze, sondern um den Austausch, sagt Delia Nordhaus. Mit ihrer „Wallerie“ wolle Nordhaus Kunst wieder zurück zu ihrer eigentlichen Aufgabe bringen, und zwar eine Aussage zu haben und nicht nur schön über dem Sofa zu hängen. Darum hat sie die „Wallerie“ eröffnet. Kunst im niederschwelligen Bereich, für jeden zugänglich und nicht nur für einen ausgewählten Personenkreis. „Ich möchte neue Menschen mit dem, was Kunst sagen und leisten kann, erreichen. Kunst ist Nahrung für den Geist und die Seele.“ Doch wie es ab April mit der Galerie im Walle-Center weitergeht, ist bisher noch unklar, denn dann wechselt das Centermanagement.

Die Installationen von Friedo Stucke sind von Donnerstag, 12. Januar, bis Sonnabend, 25. Februar, in der „Wallerie“, Waller Heerstraße 101, zu sehen. Geöffnet ist die Galerie im Walle-Center immer montags und donnerstags von 9 bis 13 Uhr, freitags von 16 bis 18 Uhr und sonnabends von 10 bis 18 Uhr. Der Workshop „Cover Cut“ findet am Freitag, 27. Januar, von 15 bis 18 Uhr statt und kostet acht Euro. Eine Voranmeldung ist erforderlich. Die Lesung mit Friedo Stucke ist am Donnerstag, 9. Februar, ab 19 Uhr. Informationen gibt es per E-Mail unter info@wallerie.de und Telefon 01 74 - 6 43 21 84.
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