Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt 2016

Anis Amri und die Mär vom Einzeltäter

Drei Jahre nach dem Anschlag, bleibt es weiterhin unglaubhaft, dass Anis Amri der typische Einzeltäter war, zu dem ihn die Bundesbehörden gestempelt haben, analysiert unser Korrespondent Peter Gärtner.
18.12.2019, 20:13
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Gärtner
Anis Amri und die Mär vom Einzeltäter

Die Bildkombo zeigt die am 21. Dezember 2016 vom Bundeskriminalamt veröffentlichten Fahndungsfotos des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri. War er wirklich ein Einzeltäter?

DPA

Anis Amri war in Sicherheitskreisen bekannt wie ein bunter Hund. Doch die Einschätzungen über seine Gefährlichkeit und seine tatsächliche Pläne lagen weiter auseinander als sein Geburtsort Tataouine (Tunesien) vom Anschlagsort Berlin. Seit seiner Einreise in die EU im Jahr 2011 stand der spätere Attentäter im Fokus der Behörden. Ob in Italien, in Frankreich, in Nordrhein-Westfalen, in Berlin oder Baden-Württemberg – überall sammelten Geheimdienste, Verfassungsschutz, Landes- und Bundeskriminalämter Informationen über Amri.

Hinzu kamen Terrorwarnungen aus Tunesien und Marokko. Während er von manchen Ermittlern als „gewaltbereiter Gefährder“ eingestuft wurde, in Nordrhein-Westfalen als gut in der Islamisten-Szene vernetzt galt und durch viele Fahrten quer durch Deutschland auffiel, stellte das Berliner Landeskriminalamt (LKA) nach kurzer Zeit die Observation ein – weil er in der Hauptstadt vor allem als Drogendealer in Erscheinung trat.

Inzwischen haben die verschiedenen Untersuchungsausschüsse ein Bild herausgearbeitet, das so gar nicht den früheren Einschätzungen entspricht: Amri, der mit 14 verschiedenen Identitäten unterwegs war, konnte sich auf ein länderübergreifendes islamistisches Netzwerk stützen. Er hatte intensive Kontakte zum Hassprediger Abu Walaa in Hildesheim und zu französischen Islamisten, ging in der Berliner Fussilet-Moschee ein und aus, wurde von einem „Mentor“ der Terrormiliz Islamischer Staat regelmäßig per Chat angeleitet. Amri plante zwischenzeitlich mit Gesinnungsgenossen parallele Attentate in Berlin, Brüssel und Paris. Dafür wollte er Kalaschnikows kaufen.

Drei Jahre nach dem schwersten salafistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik ist es immer unglaubhafter, dass Amri der typische Einzeltäter war, zu dem ihn die Bundesbehörden gestempelt haben. Mit seinem engen Freund Bilel Ben Ammar ging er noch einen Abend vor dem Attentat Hähnchen essen. Obwohl der Tunesier als potenzieller Mitwisser gilt, wurde er nur sechs Wochen nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz in sein Heimatland abgeschoben. Abgeordnete würden ihn heute gern befragen. Denn Ammar hatte – wie man inzwischen weiß – die Lage in der Berliner City-West ausgekundschaftet, mit dem Handy Fotos von dem Weihnachtsmarkt gemacht, auf den dann Amri am Abend des 19. Dezember 2016 mit dem gekaperten Lastwagen in die Menschenmenge raste. Dabei ermordete er zwölf Menschen und verletzte mehr als 60 Besucher zum Teil sehr schwer.

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Für die Opfer und Hinterbliebenen sind die zahlreichen Widersprüche, kleingeredeten Warnhinweise und nicht weitergeleiteten Informationen kaum zu ertragen. „Wir haben das Gefühl, dass uns nicht die Wahrheit gesagt wird“, erklärte jetzt Astrid Passin in Interviews zum dritten Jahrestag des Anschlags, bei dem sie ihren Vater verloren hat. Die Sprecherin der Angehörigen der Opfer wirft der Bundesregierung und den Sicherheitsbehörden Blockaden und Hinhaltetaktik vor. Durch die zahlreichen Details und widersprüchlichen Darstellungen, die nur scheibchenweise öffentlich werden, seien die Hinterbliebenen immer wieder mit dem Trauma konfrontiert.

Schon der vom Land Berlin eingesetzte frühere Sonderermittler und Ex-Bundesanwalt Bruno Jost attestierte den Landeskriminalämtern Behördenversagen. In fast allen Bereichen habe es „Fehler, Versäumnisse, Unregelmäßigkeiten oder organisatorische und strukturelle Mängel“ gegeben. Wörtlich bilanzierte Jost: „Da wurde alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“ Bis heute gibt es zahlreiche ungeklärte Fragen. So führte das LKA im Umfeld des zentralen Treffpunkts radikaler Salafisten – der 2017 verbotenen Fussilet-Moschee im Stadtteil Moabit – mehrere V-Männer, die Kontakt zu Amri hatten. Es ist weiterhin unklar, warum sie wirkungslos blieben.

Im Gegensatz zu der offiziellen These, der Tunesier sei ein introvertierter Eigenbrötler gewesen, stehen auch die engen Kontakte, die er zu anderen – überwiegend als Gefährder eingestuften – Islamisten im Moscheeverein unterhielt. Auch ob der damals 24-jährige Amri bei seiner Flucht am Abend des 19. Dezember 2016 Komplizen hatte, ist nicht bekannt. Ihm half aber zumindest die – wie es im polizeiinternen Bericht heißt - „ungeübte“ Reaktion der Sicherheitsbehörden auf den Terroranschlag. Der Polizeiführer stufte das Attentat zunächst als „Verdacht Amoklage“ ein. Drei Stunden vergingen, bis diese Einschätzung korrigiert und eine umfassende Fahndung ausgelöst wurde. Vier Tage später wurde Amri nahe Mailand von der Polizei erschossen.

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