Corona-Ambulanz in Bremen Anlaufstelle für Coronavirus-Verdachtsfälle in Bremen eröffnet

Vier Ärzte zunächst, dazu vier Pfleger, vorbereitet auf 200 Patienten pro Tag: Am Montag hat am Klinikum Mitte die erste Corona-Ambulanz in Bremen eröffnet. Das Testzentrum soll vor allem Arztpraxen entlasten.
09.03.2020, 20:17
Lesedauer: 4 Min
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Anlaufstelle für Coronavirus-Verdachtsfälle in Bremen eröffnet
Von Nico Schnurr

Weiße Schilder kleben an der Fassade des Klinikums Bremen-Mitte, darauf gelbe Pfeile. Sie weisen vorbei am Haupteingang des Krankenhauses, etwas geradeaus, dann links ab, schon steht man vor einem sandfarbenen Flachdachbau. Gebäude 99, Station für Chirurgie und Innere Medizin. Und seit diesem Montag auch Bremens erste Corona-Ambulanz.

Vier Ärzte zunächst, dazu vier Pfleger, alle angestellt am Klinikum Mitte. Sie sollen sich um Patienten kümmern, die sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben könnten. Und sie haben gleich an ihrem ersten Tag gut zu tun: Etwa 50 Patienten bis zum Mittag, wahrscheinlich noch mal so viele, die in den Stunden darauf durch die Eingangstür des sandfarbenen Gebäudes gehuscht sind. „Ein Ansturm“, sagt Judith Gal, die das Testzentrum leitet. Aber kein Problem. Man sei vorbereitet auf 200 Patienten pro Tag.

Montagmittag, 14 Uhr: Pressetermin am Klinikum. Die Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) steht vor der Tür der neuen Einrichtung, neben ihr die Ärztin Gal im weißen Kittel. Vor ihnen hat sich ein Pulk aus Kameras aufgebaut, großes Interesse, ziemlicher Andrang. Bernhard spricht ein paar Dankesworte in die Mikrofone, Lob für die Mitarbeiter der Klinik, „die hier in wenigen Tagen eine Ambulanz aus dem Boden gestampft haben“.

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Dann möchte die Senatorin kurz darauf hinweisen, dass die neue Corona-Ambulanz keine Anlaufstelle für alle sei. „Nach wie vor gilt, dass nicht jeder hier getestet wird“, sagt Bernhard. Die Patienten müssten nicht nur Symptome aufweisen, sondern auch aus einem Risikogebiet kommen, China etwa oder Norditalien. Oder sie müssten Kontakt mit einer infizierten Person gehabt haben. Und vor allem müssten sie mit ihrem Hausarzt telefoniert haben. Ohne Überweisung geht nichts. Etwa hundert solcher Scheine sind am ersten Tag im Gebäude 99 des Klinikums Mitte eingegangen. „Eine Welle von Urlaubern ist gerade aus Südtirol zurückgekehrt“, sagt Gal, „davon kommen jetzt einige zu uns.“

Wer von seinem Hausarzt zur Anlaufstelle geschickt wird, bekommt dort einen Mundschutz und muss die Hände desinfizieren. Dann wird erst mal beraten. Die Patienten schildern kurz, was los ist, vorher findet kein Test statt. Auch um Material zu sparen. Nicht nur die Schutzkleidung, auch die Stäbchen, mit denen den Patienten der Abstrich entnommen wird, seien überall knapp. Zumindest für die nächsten Tage sei das Testzentrum aber versorgt, sagt Gal, so lange dürften die Vorräte an Schutzkleidung und Stäbchen ausreichen. Wie es danach weitergehe, sei ohnehin noch nicht absehbar. Klar sei, sagt Bernhard, dass die Stelle bis mindestens Ende April geöffnet habe. Und dass es nicht bei vier Ärzten bleiben werde. Kräfte anderer Krankenhäuser würden das Testzentrum bald unterstützen, das habe die Kassenärztliche Vereinigung in Bremen zugesichert. Ob dann noch eine zweite Anlaufstelle eröffnet? Erst mal abwarten, sagt Bernhard.

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Das Testzentrum soll vor allem den niedergelassenen Ärzten helfen. Viele Praxen sind überlastet, die Schutzkleidung wird knapp, weil sich reihenweise Patienten bei ihnen aufs Virus testen lassen. Vor einer Woche forderte die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) deshalb die Hilfe der Politik. „Die Lage ist dramatisch“, sagte KVHB-Sprecher Christoph Fox, „wenn sich nichts an der Situation ändert, können bald keine Coronaverdachtsfälle mehr in Bremer Praxen behandelt werden.“

Um die Arztpraxen zu entlasten, sind in einigen Städten Testzentren entstanden. In Berlin hat die Charité eine Anlaufstelle eingerichtet, der landeseigene Klinikkonzern Vivantes hat zwei weitere eröffnet. Auch kleinere Orte ziehen nach, dort entstehen sogenannte Drive-in-Testzentren. Patienten sollen auf telefonischen Rat ihres Hausarztes mit dem Auto vorfahren und direkt im Fahrzeug den Abstrich entnehmen lassen können. Das Risiko, die Infektion weiterzutragen, ist so deutlich geringer als bei einem Test in einer Hausarztpraxis, der nun auch in Bremen vermieden werden soll. „Es ist wichtig, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen“, sagt Bernhard, „wir wollen mit der Corona-Ambulanz Zeit gewinnen und Ruhe.“

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Zur Sache

Bremer Unternehmen reagieren auf Corona

Mehrere größere Bremer Unternehmen setzen in Zeiten des Coronavirus auf Präventionsmaßnahmen. Das berichtet Caroline Strothmann von der Bremer Handelskammer: „Meetings ab zehn Personen finden zum Teil nicht mehr statt, nicht lebensnotwendige Dienstreisen werden abgesagt.“ Firmen würden verstärkt auf ­Homeoffice setzen. „Und wenn jemand sich nicht gut fühlt, raten einige Unternehmen ihren Mitarbeitern jetzt eher, zuhause zu bleiben“, so Strothmann. Um welche Unternehmen es sich handelt, dazu machte sie keine Angaben.

Indes stellt die Kassenärztliche Vereinigung Bremen klar, dass grundsätzlich die Möglichkeit besteht, sich als Patient mit Grippe telefonisch krankschreiben zu lassen. Das sei auch schon vor dem Ausbruch des Coronavirus so gewesen. Einzige Bedingung dafür sei, dass der Hausarzt die erkrankte Person kenne und ihm eine ­Patientenakte vorliege. Aktuell seien Hausarztpraxen der virologisch gesehen gefährlichste Ort überhaupt. Deswegen sei davon auszugehen, dass sich derzeit verständlicherweise mehr Leute telefonisch krankschreiben ließen.

Unterdessen fordert die Bremer CDU wirtschaftliche Hilfen für Firmen. „Hysterie scheint mir als Unternehmer im Moment die ansteckendste Bedrohung zu sein“, sagt Carsten Meyer-Heder, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Die Politik müsse jetzt Unternehmen helfen, die besonders unter unterbrochenen Lieferketten und Stornierungen infolge der Corona-Krise litten. Aufgabe des Senats sei es jetzt, vorhandene Förderprogramme von Wirtschaftsförderung und Bremer Aufbau-Bank schnell verfügbar machen.

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