Dramatischen Zustände im Jugendamt

Anonymer Hilfeschrei

Von „katastrophalen Zuständen im Jugendamt“, von Mitarbeitern, die „am Rande der Erschöpfung“ arbeiten und „massiven Personallücken“ ist in einer anonymen Mitteilung die Rede, die der WESER-KURIER erhalten hat.
23.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Anonymer Hilfeschrei
Von Kathrin Aldenhoff
Anonymer Hilfeschrei

Das Amt für Soziale Dienste im Volkshaus: eines von sechs Sozialzentren, in denen Casemanager des Jugendamts arbeiten.

Christina Kuhaupt

Von „katastrophalen Zuständen im Jugendamt“, von Mitarbeitern, die „am Rande der Erschöpfung“ arbeiten und „massiven Personallücken“ ist in einer anonymen Mitteilung die Rede, die der WESER-KURIER erhalten hat.

Von „katastrophalen Zuständen im Jugendamt“, von Mitarbeitern, die „am Rande der Erschöpfung“ arbeiten und von „massiven Personallücken“ ist die Rede in einer anonymen Mitteilung, die der WESER-KURIER erhalten hat. Geschrieben, so heißt es in der E-Mail, von Sozialarbeiterinnen aus der Bremer Jugendhilfe, die sich große Sorgen um die Zustände im Jugendamt machen. Ein Satz sticht heraus: „Die Kolleginnen berichten uns, dass es aus ihrer Sicht nur noch eine Frage der Zeit ist, bis wieder etwas passiert.“

Viele sagen, dass im Jugendamt zu viele Stellen unbesetzt sind, dass die Casemanager sehr oft wechseln und telefonisch kaum zu erreichen sind. Offen sagen will es kaum einer. Bernd Schmitt schon. Er ist Geschäftsführer der Diakonischen Jugendhilfe Bremen (Jub), einem großen Jugendhilfe-Träger in Bremen.

Am Ende zulasten der Kinder

„Die Fluktuation bei den Case­managern ist sehr hoch, jede Menge Stellen sind unbesetzt. Der Fachkräftemangel schlägt hier voll durch. Am Ende geht das zulasten der Kinder.“ Denn eine qualitativ gute Jugendhilfe verlange Kontinuität. Seine Mitarbeiter hätten inzwischen die Tricks raus, wie sie die Casemanager im Jugendamt erreichen. „Aber die Familien dürften ein riesengroßes Problem haben, ihre Casemanager zu erreichen.“

Der Fall Kevin ist knapp zehn Jahre her. Damals, im Oktober 2006, hatten Polizisten im Kühlschrank einer Wohnung in Gröpelingen die Leiche eines zwei Jahre alten Jungen gefunden, Kevin. Zu Tode misshandelt von seinem Ziehvater. Der Junge hatte unter der Vormundschaft des Jugendamtes gestanden. Nie wieder sollte so etwas passieren, die Jugendhilfe wurde umgebaut. Auch die Sozialarbeiterinnen, die anonym bleiben wollen, sprechen den Fall Kevin an. Danach habe man in Bremen einen guten Kinderschutz aufgebaut und viel erreicht. Das sehen sie nun in Gefahr. In der anonymen E-Mail heißt es: „Die Verantwortung für den Kinderschutz ist kaum noch tragbar.“

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wieder etwas passiert? Ein Drama, wie der Tod Kevins? Bernd Schmitt sagt: „Es ist reine Spekulation, ob etwas passiert. Ich gehe davon aus, dass die Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. Aber es ist auch bei einer Optimalbesetzung nicht auszuschließen, dass etwas passiert. Und je angespannter die Situation strukturell ist, desto höher ist das Risiko, dass etwas passiert.“ So ähnlich sagt das auch der Personalratsvorsitzende des Amts für soziale Dienste, Marcus Gehlmann. Das Jugendamt ist Teil des Amts für soziale Dienste. Gehlmann sagt: Je weniger Personal man habe, desto größer sei die Gefahr einer Fehlentscheidung. „Der Druck ist da.“

Ist Jugendamt noch handlungsfähig?

„Alle Beteiligten im Kinderschutz sprechen von Glück, dass noch nichts Ernsthaftes passiert ist“, sagt die Linken-Abgeordnete Sofia Leonidakis. Die Fraktion hat Anfang September eine Große Anfrage an den Senat gestellt. Die Kernfrage: „Ist die Handlungsfähigkeit des Jugendamtes noch gewährleistet?“ Sofia Leonidakis hat schon eine Antwort darauf. Sie sagt: „Das Funktionieren des Jugendamtes ist nicht durchgehend gewährleistet.“

„Ein Fall Kevin wird nicht mehr passieren, dafür lege ich meine Hand ins Feuer“, sagt Rolf Diener. Er leitet das Jugendamt seit 2013. Dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis etwas passiert, das weist er zurück. „Den Kinderschutz kriegen wir voll umfänglich gewährleistet.“ Er sagt aber auch: „Man kann nie ausschließen, dass ein Kind zu Tode kommt. Auch wenn man perfekt arbeitet.“ Wichtig sei es im Moment, die Aufgaben zu priorisieren. Reine Beratungsaufgaben würden aufgeschoben, das merkten auch die Träger, weil es manchmal dauere, bis sich die Casemanager zurückmeldeten. Aber über das Nottelefon sei das Jugendamt immer erreichbar.

Die anonyme Mitteilung der Sozialarbeiterinnen hat er gelesen – und sich darüber geärgert. Er sagt, er wolle offen und transparent mit den Herausforderungen im Jugendamt umgehen, im nächsten Jugendhilfeausschuss werde man berichten. Die vergangenen eineinhalb Jahre seien für die Mitarbeiter sehr belastend gewesen. Und er gibt zu: „Wir haben Lücken im Moment.“ Zwischen 10 und 20 Stellen seien nicht besetzt, bei insgesamt 155 Mitarbeitern. Auch, weil 20 Casemanager in den neuen Fachdienst Flüchtlinge und Integration wechselten. Sie fehlen nun, und es werde dauern, bis alle Stellen neu besetzt seien.

Das sei kein Wunder, meint Sofia Leonidakis. Die Casemanager in Hamburg, Bremerhaven und den umliegenden niedersächsischen Gemeinden werden besser bezahlt als die in Bremen. „Das Kindeswohl darf nicht dem Kürzungskurs unterliegen“, sagt Leonidakis. Der Jugendhilfeausschuss hatte Anfang Juni beschlossen, dass eine Höhergruppierung der Fachkräfte dringend erforderlich sei.

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