Mehr als 10.000 Besucher in Bremerhaven

Ansturm auf Forschungsschiff "Polarstern"

Dieses Schiff ist für 50 Grad Minus gerüstet und bahnt sich seinen Weg durch gefrorene Meere: Die Polarstern hat am Wochenende in Bremerhaven ihre Luken geöffnet und Tausende Besucher angelockt.
23.04.2017, 18:21
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ansturm auf Forschungsschiff
Von Sara Sundermann
Ansturm auf Forschungsschiff "Polarstern"

Am Sonnabend kamen nicht alle Interessierten aufs Schiff: Manche Besucher stellten sich deshalb am Sonntag schon sehr früh an.

Christina Kuhaupt

Dieses Schiff ist für 50 Grad Minus gerüstet und bahnt sich seinen Weg durch gefrorene Meere: Die Polarstern hat am Wochenende in Bremerhaven ihre Luken geöffnet und Tausende Besucher angelockt.

Schwer zu glauben, dass dieses mächtige Schiff neben manchen gigantischen Eisbergen fast aussieht wie ein kleiner Krabbenkutter: Die Polarstern ist 118 Meter lang, die Besucherschlange zum Schiff ein Vielfaches länger. Der Forschungs-Eisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts hat in Bremerhaven zwei Tage lang die Luken geöffnet und für einen Besucheransturm gesorgt.

7000 Menschen kamen am Sonnabend, um das größte deutsche Forschungsschiff von innen zu sehen. Am Sonntag wurden allein innerhalb der ersten zwei Stunden 3500 Besucher eingelassen. Die Ersten kamen trotz frostigen Seewinds schon am Sonntagmorgen um 8.30 Uhr. Anderthalb Stunden vor der Öffnung postierten sich einige vor dem Eingang, Bremer und Bremerhavener, aber auch Besucher aus verschiedenen Regionen in ganz Deutschland.

Einmal das Schiff von innen sehen, das durch Arktis und Antarktis kreuzt und in dem Forscher den Klimawandel kartieren – die AWI-Wissenschaftler erforschen, wie sich die Gletscher, die Ozeane und das Leben im Meer verändern. An Bord arbeiten verschiedene Experten zusammen: Biologen und Geologen, Ozeanographie-Forscher, Meteorologen, Walforscher und Chemiker. Dabei richtet sich ihr Blick besonders auf das Plankton, die kleinsten Meereslebewesen und Basis der Nahrungskette. Wasserproben werden entnommen, deren lebender Inhalt von Kameras dokumentiert und von Menschen analysiert wird.

70 Millionen Jahre alte Sedimentproben

Wichtig sind auch die Sedimentproben, die aus dem Meeresboden herausgestanzt werden. Die Sedimentproben sind auch das Arbeitsfeld des Geologen Thomas Ronge, der im Februar und März anderthalb Monate auf der Polarstern in der Antarktis unterwegs war. „Das Besondere ist, dass man in einer Region unterwegs ist, in der es mehr als 1000 Kilometer im Umkreis keine menschlichen Siedlungen gibt – in der Westantarktis, wo wir unterwegs waren, gibt es auch keine Forschungsstationen im Eis“, erzählt Ronge.

Lesen Sie auch

Es war für den 31-Jährigen bereits die dritte Expedition auf dem Polarschiff. Diesmal brachten die Forscher besonders alte Sedimentproben mit: Bodenschichten, die 70 Millionen Jahre alt sind, Proben aus einer Zeit, in der die Antarktis noch nicht vereist war. Diese alten Erdschichten wurden durch Bewegungen der tektonischen Platten nach oben gedrückt, erklärt Folke Mehrtens vom AWI. Um die uralten Sedimente zu finden, müsse man sehr genau wissen, an welcher Stelle man die Probe entnehmen muss.

Das Fachgebiet von Thomas Ronge sind die sogenannten Foraminiferen, mikroskopisch kleine Einzeller, die Kalkschalen aufbauen: „Diese Kalkschalen sind für uns interessant, denn sie sagen etwas über die Zusammensetzung des Meerwassers aus, in dem die Einzeller leben.“ Ein besonderes Erlebnis war es für ihn, in einem der zwei Hubschrauber an Bord des Schiffs auf die Jagd nach Schmelzwasserproben zu gehen. Pilot und Forscher landeten dafür auf Eisschollen und Gletschern. „In der Westantarktis spürt man den Klimawandel besonders, dort schmelzen die Gletscher sehr schnell“, sagt der Geologe.

Notoperationen an Bord möglich

55 Wissenschaftler und 43 Besatzungsmitglieder finden Platz an Bord. Ein internationales Team – die Arbeitssprache ist Englisch. Leben auf dem Schiff heißt Leben auf begrenztem Raum: Im Inneren teilen sich jeweils zwei Forscher eine Kammer von 10 Quadratmetern und ein winziges Badezimmer. Im Aufenthaltsraum „Roter Salon“ kann man etwas trinken oder fernsehen, im Speisesaal gibt es dreimal am Tag eine warme Mahlzeit. An Bord gibt es ein Fitnessstudio, ein Solarium, eine Sauna, eine Tischtennisplatte und ein Schwimmbad. Die Wissenschaftler sind meist vier bis sechs Wochen an Bord, die Besatzung drei Monate.

Lesen Sie auch

Der Eisbrecher ist für Notfälle gerüstet: An Bord gibt es nicht nur ein Krankenzimmer und eine Isolierstation, sondern auch einen kleinen Operationssaal. Dort wurde auch schon eine Blinddarm-Operation durchgeführt. Für Operationen besteht heute eine Kooperation mit einem Krankenhaus in Deutschland. Der Arzt an Bord kann dann über Bildschirme in Echtzeit von Mediziner-Kollegen an Land unterstützt werden.

Nächste Expedition im Mai

Die Polarstern dient auch als fahrende Wetterstation für unbesiedelte Regionen, sie versorgt die Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis, und von ihrem Arbeitsdeck aus kann man Unterwasser-Roboter ins Meer hinablassen, die von Bord des Schiffs aus per Joystick gesteuert werden.

Das konnten Besucher am Wochenende am Liegeplatz der Polarstern auf dem Gelände der Lloyd-Werf in einem Experiment selbst ausprobieren und einen Tauchroboter in einem Aquarium lenken. Solche Roboter erkunden zum Beispiel die Unterseite einer großen Eisscholle, erklärt Folke Mehrtens: „Der Roboter misst das Licht unter dem Eis, denn die Dicke der Eisschicht bestimmt, wieviel Leben es darunter gibt.“

Der Eisbrecher hat nun nach dem Besucheransturm fürs Erste seine Luken wieder geschlossen – im Mai bricht er auf zu einer neuen Expedition. Im Sommer geht es für Forscher und Besatzung zum anderen Ende der Erde: Richtung Nordpol, in die Arktis.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+