Diebstähle in Bremen

Antanz-Opfer sprechen über ihre Erlebnisse

Sogenannte Antanzdiebstähle sorgen seit Monaten auch in Bremen für Schlagzeilen. Der WESER-KURIER greift das Thema mit einer Serie auf. Heute berichten Opfer über ihre Erlebnisse.
24.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Antanz-Opfer sprechen über ihre Erlebnisse
Von Ralf Michel

Sogenannte Antanzdiebstähle sorgen seit Monaten auch in Bremen für Schlagzeilen. Der WESER-KURIER greift das Thema mit einer dreiteiligen Serie auf. Zum Auftakt zeichnen wir die Erlebnisse von vier jungen Bremern im Alter zwischen 20 und 25 Jahren nach: Lea, Max, Arne und Tim* – sie alle wurden Opfer von Antänzern.

Tim und Arne können für sich verbuchen, wohl unter den ersten Geschädigten von Antänzern in Bremen gewesen zu sein. Etwa zwei Jahre ist das her, das Antanzen war damals kaum bekannt, der ganze Vorfall noch vergleichsweise harmlos. „Wir waren abends im Viertel unterwegs, da kamen zwei junge Männer auf uns zu“, erinnert sich Tim. „Sie sagten, dass sie Touristen aus Spanien seien und haben sich nach dem Weg zu mehreren Zielen erkundigt, unter anderem zum Hauptbahnhof.“

Soweit alles ganz normal, bis dann einer der beiden ihn umarmte und auf Englisch zum Tanzen aufforderte. Er habe den Mann zwar weggeschoben, erzählt Tim, aber immer noch keinen Verdacht geschöpft. Plötzlich allerdings hätte es das Duo auffällig eilig gehabt, zu verschwinden. Den Grund bemerkte er, als er nach seinem Handy greifen wollte, vorne rechts in der Hosentasche seiner Jeans. Das Telefon war weg. „Ich hatte überhaupt nichts gemerkt, obwohl das da ja ganz eng am Bein anliegt. Das ging unheimlich schnell.“

Zum zweiten Mal Opfer

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Die Geschichte endete trotzdem glimpflich. Tim und Arne, beide von eher kräftiger Statur, nahmen die Verfolgung auf und stellten die beiden angeblichen Spanier. „Die sind dann zwar wie blöde weg, aber das Handy haben wir ein paar Meter weiter auf dem Boden gefunden.“

Angezeigt haben die beiden den Vorfall nicht. Aber sie haben ihn auch nicht vergessen, was sich vor Kurzem als nützlich erweisen sollte. Im Herbst, zur Freimarktzeit, hatten beide die nächste Begegnung mit Antänzern. Nach einer Feier im Bayernzelt, habe man sich gegen zwei Uhr nachts zu dritt auf den Heimweg gemacht, erzählt Tim. Und ja, „wir hatten ganz schön was getrunken.“ An der Haltestelle Herdentor hätten fünf junge Männer gesessen. „Einer ist sofort auf uns zu, wollte uns Fußballtricks zeigen.“ Durch den Vorfall vor zwei Jahren gewarnt, habe man aber sofort gewusst, was Sache ist. „Wir haben die weggeschubst und laut angebrüllt. Dadurch sind auch andere Passanten aufmerksam geworden, und die fünf sind verschwunden.“

Angriff von beiden Seiten

Ebenfalls im Herbst: Max und Lea sind nachts um eins auf dem Weg vom Viertel zu seiner Wohnung am Rembertikreisel. In der engen Gasse Auf den Höfen bemerkten sie Schritte hinter sich, die schnell näher kamen. Plötzlich habe ihn ein Jugendlicher von der rechten Seite aus angesprochen, erzählt Max. „Ob ich Feuer hätte.“ Er habe das verneint, „aber der hat keine Ruhe gegeben.“ Zugleich habe ein zweiter Mann von der anderen Seite her seine Freundin angesprochen – „du bist aber eine schöne Frau“ – und dann sofort in ihre Jackentasche gegriffen. „Zugleich merkte ich, wir mir der erste an der linken Gesäßtasche herumfingerte.“

Auch das Pärchen schrie die Täter an und schubste sie energisch weg. „Wir sind dann schnell weitergegangen, und sie sind nicht hinterhergekommen, sondern haben uns nur wüst beschimpft. Wahrscheinlich haben sie gemerkt, dass wir nicht so betrunken waren, wie sie dachten.“ Beim Weggehen habe er weiter hinten noch einen dritten Jugendlichen gesehen, erzählt Max. „Vielleicht sollten an den unsere Sachen weitergereicht werden.“

Arne berichtet von einer Episode am Hauptbahnhof. „Da hat mich einer erst gefragt, ob ich Kleingeld habe, dann wollte er von meiner Freundin wissen, wie alt sie ist.“ Die beiden waren in einer Gruppe unterwegs. „Wir haben den ohne Mühe verscheucht. Aber ein paar Meter weiter hat er die nächste nach ihrem Alter gefragt.“

„Und eine Freundin von mir ist in der Schlange vor der Garderobe in einem Club von einem Typen um Geld angebettelt worden“, erzählt Lea. Sie habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er sie in Ruhe lassen solle, doch er sei ihr gefolgt und habe sich an der Haltestelle – wieder am Herdentor – direkt neben sie gesetzt. „Zum Glück standen gegenüber Leute, die das mitgekriegt haben. Die haben den verjagt.“

Alle Täter, die das Quartett beschrieben hat, passen zu dem Täterprofil, von dem inzwischen auch die Polizei offen spricht, wenn es um Antanzdelikte geht: Jugendliche oder junge Männer aus Nordafrika. Lea macht das zu schaffen. Im September war sie 14 Tage im Urlaub in Marokko. „Ich habe da unglaublich herzliche und offene Menschen kennengelernt.“ Und hier in Bremen? „Mach’ ich einen Bogen um jede Gruppe Nordafrikaner.“ Eigentlich will sie nicht so denken, sagt die junge Frau. „Aber wenn ich abends oder nachts unterwegs bin, meide ich kleine, dunkle Gassen und achte drauf, was hinter mir ist. Oder ich nehme mir ein Taxi.“

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Bestimmte Straßen auf dem Weg nach Hause sind tabu, sagt auch Arne. „Und wenn ich länger feiere, pass’ ich auf, dass ich zumindest die letzte Bahn noch kriege. Oder ich steck mir ’nen Zehner extra für ein Taxi ein.“ Kuriosität am Rande: Ausgerechnet auf der berüchtigten Diskomeile fühlen sich alle Vier relativ sicher. „Da sind immer ’ne Menge Leute unterwegs. Gefährlich wird es erst kurz dahinter, wenn man in die kleineren Straßen abbiegt.“

Forderung nach mehr Schutz

Lea hat sich ein zweites Portemonnaie zugelegt, in dem sie nur wenig Bargeld und keine Papiere mit sich trägt. Arne macht das wütend. Sicher, das funktioniere. „Aber das kann doch keine Lösung sein. Hier geht es doch auch um das Prinzip.“ Die Frage, ob sie Angst hätten, abends in Bremen loszuziehen, verneinen die Vier trotz der negativen Erlebnisse. „Aber man macht sich halt so seine Gedanken“, sagt Lea. „Früher habe ich mir nie solche Sorgen gemacht.“ Genau das sei ja so ärgerlich, findet ihre Mutter. „Dass die jungen Leute heute nicht mehr alleine unterwegs sein können, dass sie sich Gedanken über Busse oder Taxis machen müssen... “ Fassungslos mache sie diese Entwicklung. „Weil wir doch eigentlich frei leben.“ Und sie sieht darin auch eine besondere Gefahr: „Es wird immer schwieriger, Solidarität und Hilfe für Flüchtlinge zu fordern.“

Noch ein Punkt, der die Mutter stört, ist ihr Eindruck, dass weder Politik noch Polizei wirklich etwas gegen die Antänzer unternehmen würden. „Die Täter und auch die Tatorte sind doch jedem bekannt. Warum also schützt die Polizei die jungen Leute nicht besser?“ *Namen geändert

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