Interview mit Bürgerschaftspräsidentin

Antje Grotheer: „Ich will rausgehen und mit den Menschen reden“

Antje Grotheer ist die neue Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft. Im Interview erklärt sie, welche Ziele sie für die ersten Wochen im Amt hat und wie sie das Erbe Christian Webers würdig antreten will.
27.03.2019, 19:31
Lesedauer: 3 Min
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Antje Grotheer: „Ich will rausgehen und mit den Menschen reden“
Von Lisa-Maria Röhling
Antje Grotheer: „Ich will rausgehen und mit den Menschen reden“

Antje Grotheer (SPD) ist am Mittwoch zur Bürgerschaftspräsidentin gewählt worden.

Carmen Jaspersen/dpa

Frau Grotheer, Sie haben in Ihrer Antrittsrede als Bürgerschaftspräsidentin betont, sich verstärkt für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen. Welche Pläne haben Sie?

Antje Grotheer: Alleine, dass ich als Frau in diesem Amt bin, ist ein wichtiges Signal. Frauen in Führungspositionen finden viel Öffentlichkeit. Genau das will ich auch nutzen: Mir ist wichtig, dass Frauen nicht nur wahrgenommen, sondern auch angesprochen werden. Wir müssen beispielsweise von der Vorstellung weg, dass alle Frauen in der Medizin Krankenschwestern und alle Männer Ärzte sind. Da macht die Sprache viel aus, auch wenn Männer darüber oft lächeln: Pauschal immer nur von Ärzten zu sprechen, genügt mir nicht. Zusätzlich will ich den Fokus auf klassische Frauenberufe lenken und mich um vernünftige Gehälter und Arbeitsbedingungen kümmern. Denn dort muss sich die Gleichberechtigung von Frauen zeigen und nicht an den zwei oder drei Prozent, die es in die Führungsetagen geschafft haben.

Als Präsidentin dürfen Sie allerdings nicht in die Landtagsdebatten eingreifen.

Wie alle Präsidentinnen und Präsidenten kann ich den Platz auch vorübergehend verlassen und im Parlament mit debattieren. Die Chance werde ich auch nutzen.

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Sie haben sehr deutlich gemacht, mit welcher Ehrfurcht Sie das Erbe Christian Webers antreten und dass Sie dieses auch weiterführen wollen. Wie sieht das in der Praxis aus?

Christian Weber hat dieses Haus der Bürgerschaft für viele Menschen geöffnet, die normalerweise nicht hierher gekommen wären. Das muss man erst mal schaffen, die Bürgerinnen und Bürger herzulocken und sie neugierig zu machen. Er hat ihnen gezeigt, was Politik für sie leistet und dass wir nicht aus reinem Selbstzweck einen Diskussionsklub betreiben. Das will ich weiterführen.

Christian Weber hat immer darauf bestanden, dass das Hohe Haus eine gewisse Würde wahrt, beispielsweise in Sachen Kleiderordnung. Auch ein Erbe, das Sie fortsetzen werden?

Wenn wir als Politikerinnen und Politiker wollen, dass uns Respekt entgegengebracht wird, sollten wir das auch ausstrahlen. Ich werde sicher nicht kontrollieren, ob die Schuhe der Abgeordneten geputzt sind oder nicht. Aber ich habe natürlich ein Interesse daran, dass die Politik nicht zum Theater verkommt.

Als erste weibliche Amtsträgerin in dieser Position bringen Sie automatisch Modernität mit. Wie werden Sie ganz persönlich Ihre Rolle gestalten?

Das werden die kommenden Wochen zeigen. Als erstes werden wir eine Kampagne in den sozialen Medien starten, um die Menschen aufzufordern, wählen zu gehen. Da gibt es schon einige konkrete Ideen, die wir bald im Vorstand beschließen.

Wie wollen Sie die Bürgerinnen und Bürger konkret davon überzeugen, am 26. Mai zur Wahl zu gehen?

Wir haben wenige Wochen Zeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Stimme zählt. Dafür werde ich alles tun: Ich will rausgehen und mit den Menschen reden, notfalls klappere ich auch über Wochenmärkte und spreche dort die Menschen an. Um zu zeigen, dass jede Stimme zählt, spreche ich gerne jeden Einzelnen an.

Wie machen Sie den Menschen deutlich, dass Politik für Sie einsteht?

Die Menschen, die uns wählen sollen, müssen auch erleben, dass etwas passiert. Und Politik bringt Ergebnisse. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Parlamentsdebatten verfolgen, können sehen, woher die Ideen kommen, wie sie in Anträge umgewandelt und dann in praktische Politik umgesetzt werden. Das klingt schwerfällig und hat sehr viel mit reden zutun. Politik heißt nicht, Häuser oder Straßen selbst zu bauen. Politik ist, Häuser- und Straßenbau zu planen und dafür zu sorgen, dass es überhaupt gebaut wird.

Was dürfen die Bürgerinnen und Bürger in den kommenden Wochen noch von Ihnen erwarten?

Ich will jeden und jede einladen, so oft wie möglich zu uns zu kommen und zu verfolgen, was wir Politikerinnen und Politiker hier treiben. Außerdem wollen wir, bevor wir das Haus der Bürgerschaft in diesem Sommer verlassen müssen (Anmerkung der Redaktion: wegen einer umfangreichen Renovierung des Gebäudes), eine große Party feiern. Damit möchten wir besonders junge Menschen ins Haus holen. Meine jüngsten Töchter sind 19 Jahre alt, genau diese Altersklasse will ich erreichen. Die Menschen sind manchmal etwas abgeschreckt, dieses Parlamentsgebäude zu betreten. Das Wichtigste ist, über die Schwelle zu treten.

Die Fragen stellte Lisa-Maria Röhling.

Info

Zur Person

Antje Grotheer (52) ist seit diesem Mittwoch Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft und damit die erste Frau in diesem Amt. Die SPD-Politikerin ist seit 2011 Mitglied der Bürgerschaft und hatte seit 2015 das Amt der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden ihrer Partei inne.

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