Ritterstraße soll trotz vieler Proteste nun doch asphaltiert werden / Initiative will sich weiter zur Wehr setzen Anwohner fühlen sich verschaukelt

Steintor. Ende August wird der Abwasserkanal in der Ritter- und westlich in der Schweizer Straße erneuert. „Damit bietet sich uns die einmalige Gelegenheit, die Straße neu zu gestalten“, hatten sich die Mitglieder der Anwohnerinitiative Ritterstraße bei Bekanntwerden der Baumaßnahmen noch gefreut.
15.08.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Christian Markwort

Steintor. Ende August wird der Abwasserkanal in der Ritter- und westlich in der Schweizer Straße erneuert. „Damit bietet sich uns die einmalige Gelegenheit, die Straße neu zu gestalten“, hatten sich die Mitglieder der Anwohnerinitiative Ritterstraße bei Bekanntwerden der Baumaßnahmen noch gefreut. Doch aus Freude ist Ärger geworden. Mittlerweile schäumt die Wut beinahe über. Deutlich wurde dies innerhalb einer Anwohnerversammlung im Alten Fundamt, zu der das Ortsamt eingeladen hatte. Pflaster oder Asphalt – das ist die Streitfrage. Die Entscheidung ist gefallen, gegen Pflaster. Aber die Asphaltgegner geben die Hoffnung noch nicht auf.

Die Ritterstraße ist vor geraumer Zeit in eine Einbahnstraße verwandelt worden, und die Stadt hat fünf große, schwere Pflanzkübel aufstellen lassen, abwechselnd am linken und rechten Straßenrand. Gepflegt werden die Pflanzen von den Anwohnern. Der Verkehr in der Straße hat sich beruhigt. Nun sollen zwei Baumnasen die Kübel ersetzen, zwei neue Bäume in der Straße gepflanzt werden. Das alles finden die Sprecher der Initiative gut. Aber dass Asphalt kommen soll statt des Großpflasters aus Granit, bringt die Anwohner in Rage. „Die Stadt will die Ritterstraße nun asphaltieren und schafft damit einen Präzedenzfall“, beklagt Robin Quaas, einer von drei Sprechern der Initiative. Mit Ausnahme der Helenenstraße sei keine der Seitenstraßen der Straße Vor dem Steintor asphaltiert. „Wir befürchten einen sukzessiven Rückbau der Viertel- und Altstadt-Atmosphäre.“

Seit über 100 Jahren präge Kopfsteinpflaster das Straßenbild im Viertel, auch die Ritterstraße mit ihren stuckverzierten Häuserfronten ist gepflastert. „Dieses historische Pflaster bildet optisch eine dritte Ebene zwischen beiden Straßenseiten und verbindet sie zu einem harmonischen Ganzen“, sagt Robin Quaas. Eine reine Asphaltdecke würde die Straßenseiten seiner Ansicht nach voneinander trennen, auch die Authentizität der Straße würde unter einer Asphaltdecke leiden, davon ist Quaas überzeugt. „Das vorhandene Großpflaster und die vorhandenen historischen Straßenlaternen wirken identitätsbildend“, betont auch Anwohnerin Elsa Laue. „Wir wollen dieses historisch gewachsene Straßenbild noch für die folgenden Generationen erhalten, unsere Kinder sollen sich noch an dieser ganz besonderen Atmosphäre erfreuen.“

Meike Jäckel und Heike Reiche vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV) bekamen auf der Versammlung starken Gegenwind. Die beiden Verkehrsplanerinnen mussten den etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörern im Saal erklären, warum die Ritterstraße asphaltiert und nicht gepflastert werden solle. „Die Straße ist zum einen nicht im Bremer Pflaster-Kataster, weil sie bereits asphaltiert ist“, erklärte Jäckel, „zum anderen reicht das vorhandene Budget lediglich für den günstigeren Asphalt und eben nicht für das teure Granitpflaster.“ Für das Amt bedeute dieser Umstand, „dass wir uns hier an der Quadratur des Kreises versuchen“, fügte Heike Reiche hinzu. Das ASV sei den Anwohnern „zu 80 Prozent“ (Jäckel) entgegengekommen. Die Fahrbahn sei verschwenkt und der Wunsch nach Begrünung „mit großem Wohlwollen“ aufgegriffen worden. „Mehr können wir nicht tun“, sagte Meike Jäckel – und löste einen Sturm der Entrüstung aus. „Wie kann es sein?“, erkundigte sich Anwohnerin Irene Schott-Seidenschwanz, „dass eine vom ASV abgenommene, nach Sanierungsmaßnahmen neu hergestellte Großpflasterstraße eine derart schlechte Qualität hat, dass sie für Fahrradfahrer, Menschen mit Rollator, oder Eltern mit Kinderwagen nicht befahrbar ist?“

Auch die Frage, welcher Belag letztlich günstiger und langlebiger sei, blieb nach Ansicht der Anwohner unbeantwortet: „Leider konnte das Amt keinerlei verlässliche Daten oder Fakten zur Beantwortung der Frage liefern“, sagte Irene Schott-Seidenschwanz, und Robin Quaas fügte hinzu, „dass durch diese voreilig und ohne Anwohnerbeteiligung durchgeführte Auftragsvergabe an den Bauunternehmer die Bürger übergangen und kaltgestellt werden“.

„Die Anwohnerversammlung erst nach schon erfolgter Festlegung der Materialität ist reine Augenwischerei“, beschwerte sich Robin Quaas beim Podium – und der Großteil der Anwesenden teilte offensichtlich ­seine Meinung. „Wir haben im Viertel ein historisches Kleinod, das es zu bewahren gilt“, betonte Anwohner Fritz Jetzek, „wir wollen es nicht als Bier- und Drogenmeile verlieren.“

Björn Ritschewald von Hansewasser, dem Auftraggeber der Sanierungsmaßnahmen in der Ritter- und Schweizerstraße, schätzte die Mehrkosten, die durch das Verlegen des Pflasters gegenüber der Asphaltierung entstünden, auf etwa 60 000 Euro, was den sachkundigen Bürger im Beirat Östliche Vorstadt, Rainer Stadtwald, auf den Plan rief. „Diese Zahlen stimmen hinten und vorne nicht“, erboste sich Stadtwald, „ich bin fassungslos, wie die Bürgerinnen und Bürger vom ASV belogen werden!“

Diese Form des Protestes rief den Beiratssprecher Steffen Eilers auf den Plan, der seinen Parteifreund harsch maßregeln musste. „Auf diese Weise trittst du die langjährige tolle Arbeit der Anwohnerinitiative mit ­Füßen“, grollte Eilers, „solch ein Absolutismus in der Argumentation hilft in dieser Phase niemandem weiter.“

Auch Ortsamtsleiterin Hellena Harttung beeilte sich, die emotionalen Wogen wieder einigermaßen zu glätten: „Nehmen Sie diese Anregungen mit“, empfahl sie den beiden Verkehrsplanerinnen, und den Mitgliedern der Anwohnerinitiative riet sie, sich über die bisher erzielten Erfolge zu freuen: „Sie haben besonders in den vergangenen drei Jahren sehr viel für Ihre Straße erreicht. Zeigen Sie weiterhin Ihre Bereitschaft zu Kompromissen, dann werden Sie auch in Zukunft einiges erreichen können.“ Robin Quaas gibt nicht auf. „Wir, die Bürgerinitiative Ritterstraße und die deutliche Mehrheit der Anwohner, wollen die Asphaltierung und Schaffung eines Präzedenzfalles unbedingt verhindern“, erklärte er wohl auch im Namen der 20 Mitstreiterinnen und Mitstreiter und kündigte an, sich das Lager mit den Pflastersteinen an der Senator-Apelt-Straße anzuschauen: „Die von der Bürgerinitiative Ritterstraße durchgeführte Umfrage nach Befürwortung einer Pflasterung hat ergeben, dass sich 88,1 Prozent der Anwohner der betroffenen Straßenabschnitte in der Ritter- und der Schweizer Straße für die Forderung nach einer Pflasterung der Ritter- und Schweizer Straße ausgesprochen haben – bei einer beeindruckenden Wahlbeteiligung von 71,2 Prozent.“

Die Unterschriftenkarten könnten jederzeit auf Wunsch eingesehen werden. Die Abstimmung sei „ein eindeutiges Ergebnis und ein nicht zu ignorierendes Anwohnervotum für die Wiederherstellung der Ritter- und der Schweizer Straße in Großpflastersteinen mit einem Angebotsstreifen für Radfahrer in der Straßenmitte“. Und noch eins schob die Initiative am Freitag in einem Schreiben an Beiratsmitglieder und Ortsamtsleiterin nach: „Wir sind jederzeit bemüht und stellen sicher, dass alle Anwohner-Stimmen, alle Anwohner-Belange und alle Anwohner-Einwände in den Prozess einfließen. So haben wir jederzeit für Transparenz gesorgt. Wir bitten Sie nochmals, uns – die Anwohner der Ritterstraße und der vorderen Schweizer Straße – bei unserer Forderung nach Wiederherstellung in Großpflasterstein mit Angebotstreifen zu unterstützen.“

„Die Stadt schafft einen Präzedenzfall.“ Robin Quaas, Anwohneriniative
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