Lieferengpässe bei Medikamenten

Apotheker klagen über fehlende Arzneien

In Apotheken sind Medikamente häufig nicht zu haben: Grund sind Lieferengpässe. Das ist ein bundesweites Problem. Apotheker machen Preisdruck und Monopolisierung auf dem Markt dafür verantwortlich.
30.07.2019, 21:52
Lesedauer: 3 Min
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Apotheker klagen über fehlende Arzneien
Von Sabine Doll

„Tut uns leid, Ihr Medikament gibt es gerade nicht“ – diesen Satz bekommen Patienten auch in Bremen und Niedersachsen immer häufiger zu hören, wenn sie ein Rezept in der Apotheke einreichen. Der Grund dafür sind Lieferengpässe bei Medikamenten aus allen möglichen Bereichen. „Schmerzmittel wie Ibuprofen, Blutdrucksenker, Antibiotika, Medikamente zur Krebsbehandlung, Notfallsets für Insektengift-Allergiker und Standardimpfstoffe, das betrifft alles Mögliche“, zählt Klaus Scholz, Präsident der Bremer Apothekerkammer, auf.

Seiner Erkenntnis nach ist noch kein Patient zu Schaden gekommen, die Apotheken suchten oft unter großem Aufwand nach wirkstoffgleichen Alternativen. „Die Situation ist aber angespannt, weil wir es mit einer Vielzahl von Lieferengpässen zu tun haben.“

Die Lieferengpässe sind ein bundesweites Problem, bestätigt das niedersächsische Gesundheitsministerium und verweist auf eine Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Aktuell stehen 225 Medikamente auf der Liste. Zu den Gründen für Lieferengpässe zählten Probleme in den Herstellungsprozessen, daraus resultierende Schwierigkeiten bei Produktion und Lieferung der Arzneimittel sowie rechtzeitig erkannte Qualitätsmängel oder Marktrücknahme durch den Hersteller.

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Die niedersächsische Apothekerkammer macht „allen voran den harten Preisdruck“ auf dem Markt und die Konzentration auf weltweit wenige Hersteller verantwortlich. „Um die Kosten gering zu halten, liegen viele Produktionsstätten außerhalb Europas“, sagt Kammer-Sprecherin Panagiota Fyssa. Die meisten Wirkstoffe würden von wenigen Anbietern in China, Indien und den USA produziert. Schon eine fehlerhafte Charge könne ein weltweites Problem auslösen.

„Als 2016 eine chinesische Fabrik explodierte, die ein bestimmtes Penicillin herstellte, kam es zu einem weltweiten Engpass. Im Sommer 2018 war das Schmerzmittel Ibuprofen 600 wochenlang nicht lieferbar, Grund war der Ausfall bei dem Hersteller in Texas. Ebenso war eine Infusionslösung wochenlang nicht lieferbar, die bei der Notfallbehandlung von Herzinfarkt-Patienten eingesetzt wird“, zählt die Sprecherin als Beispiele auf.

Die Hersteller produzierten außerdem nicht auf Vorrat. Geringe Lagerkapazitäten und die Konzentration auf wenige Zulieferer verschärften das Problem zusätzlich. Die Apotheker machen außerdem die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und den Herstellern für den harten Preiswettbewerb auf dem Pharmamarkt verantwortlich. Die Verträge sollen die Ausgaben für Arzneimittel senken. Das führe zur Monopolisierung und mache das System störanfällig. Was also tun? „Es müsste sichergestellt werden, dass Wirkstoffe auch wieder in Europa hergestellt werden, das gilt vor allem für lebenswichtige Medikamente wie Antibiotika für schwerkranke Menschen“, fordert der Bremer Kammer-Präsident.

Den Druck auf den Markt und Lieferengpässe bei diesen Medikamenten bekommen mittlerweile auch die Krankenhäuser stärker zu spüren, wie der Sprecher des Bremer Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), Rolf Schlüter, bestätigt. „Auf die Patienten und ihre Versorgung hat das keine Auswirkungen. Und zwar deshalb, weil die Krankenhaus-Apotheker sehr geschickt und vorausschauend mit dem Vorrat und mit dem Einsatz wirkstoffgleicher Präparate kalkulieren. Beim Ersatz durch andere Präparate müssen mitunter auch die Dosierungen neu berechnet werden. Das funktioniert, aber die gesamte Situation bereitet uns schon Sorgen – so wie den anderen Kliniken auch.“

Das sieht auch Horst Real von der Bremer Raths-Apotheke so: „Es ist eine furchtbare Situation, dass ständig etwas nicht lieferbar ist. Wir bemühen uns immer, eine schnelle Lösung und ein Ersatzpräparat zu finden.“ Dies bedeute teilweise aber großen Aufwand: Rückfragen beim Arzt etwa, und die Wahl des Ersatzpräparats müsse für die Krankenkasse auf dem Rezept begründet werden. Real: „Wir haben täglich damit zu kämpfen.“ Dazu komme, dass es Patienten schwierig zu erklären sei, warum sie „ihr“ Medikament immer öfter nicht bekommen könnten. „Der Wirkstoff bleibt gleich, nur die Tablette hat vielleicht eine andere Farbe oder Form. Das verunsichert aber viele vor allem ältere Patienten“, sagt der Apotheker.

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