Tropenforschung Bremen

Aquakultur gegen Ökologie

Fisch gezüchtet in Aquakultur. Das ist kein Freifahrtsschein für nachhaltige gesundheitsbewusste Ernährung. Darüber klärte ein Vortrag bei Wissen um 11 im Haus der Wissenschaft auf.
07.11.2018, 17:51
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Von Martin Ulrich
Aquakultur gegen Ökologie

50 Prozent des heutigen Fischangebotes kommt aus Aquakulturen. Das ist nicht unproblematisch, weil das Futter, das die Tiere nicht fressen, zusammen mit dem Kot auf den Meeresboden sinkt und vergammelt. Die Folgen sind giftige Algenblüten, Sauerstoffmangel und schließlich ein Fischsterben.

Christian Kosak

Altstadt. Fisch ist ein wichtiges Lebensmittel. Er ist Eiweißquelle, bietet essenzielle Fettsäuren und zahlreiche Spurenelemente. Heute kommt rund 50 Prozent des gesamten Fischangebots aus Aquakulturen. Dieser Anteil wird sich in absehbarer Zeit auf 75 Prozent erhöhen. Grund genug also, sich über die ökologische Komponente der Massenfischhaltung klar zu werden. Christiane Hassenrück gehört zu einem Forschungsteam des Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT), das vor diesem Hintergrund gemeinsam mit einer lokalen Universität die Situation auf den Philippinen analysiert hat. Sie berichtet über diese Untersuchungen in der Vortragsreihe Wissen um 11 im Haus der Wissenschaft.

Auf den Philippinen wird vor allem sogenannter Milchfisch im großen Stil in Fischkäfigen gemästet. Das heringsähnliche Tier zählt zu den 15 wichtigsten Fischarten, die weltweit in Aquakulturen produziert werden. Gehalten werden sie zumeist in runde Käfigen, die einen Durchmesser zwischen 15 und 20 Metern haben und etwa zehn Meter tief reichen. Bis zu 60 000 Fische werden in so einem Käfig gehalten. Mehrere Zentner Futter in Form von Pellets aus Reis und Soja landen pro Tag ebenfalls darin. Das ist weitaus mehr, als gefressen wird. Ein erheblicher Teil des Futters sinkt darum auf den Meeresboden und bildet dort, zusammen mit dem Fischkot, eine bis zu fünf Meter dicke Schicht organischen Materials, das langsam vor sich hin gammelt. Die Folge wird als Eutrophierung bezeichnet: Es sammeln sich zu viele organische Nährstoffe in einem Ökosystem. Das Ergebnis ist in vielen Fällen eine giftige Algenblüte, Sauerstoffmangel und daraus folgt ein Fischsterben.

Durch Regulierung lässt sich dieses Problem laut Hassenrück zumindest teilweise beheben. „Ein auch nur vorübergehendes Fischzucht-Verbot kann helfen, hat aber gravierende Folgen für die lokale Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Ernährungssicherheit“, berichtet die Wissenschaftlerin. Außerdem ist der Milchfisch der Philippinen ein sehr robuster Fisch, der auch unter schlechten Umständen relativ gut gedeiht. „Aber unter den aktuellen Zuchtbedingungen leidet die Qualität des Fisches natürlich“, betont die Forscherin. Dabei sei eine nachhaltige Fischzucht grundsätzlich möglich. „Sie erfordert aber einen Verzicht auf maximale Gewinne und ein Verständnis für die ökologischen Folgen der intensiven Milchfisch-Aquakultur.“ Häufig fehle einfach das Wissen um die biochemischen und mikrobiologischen Folgen ausufernder Aquakultur.

„Es muss gehandelt werden“

Tatsächlich verringert sich die Wasserqualität in den Weltmeeren bereits erheblich. Schwebstoffe im Wasser verringern die Sichttiefe und der Sauerstoffgehalt in tieferen Wasserschichten nimmt ab. Außerdem findet sich ein erhöhtes Vorkommen von Mikroorganismen auf den Partikeln, die im Wasser schweben. Das sind einzellige Algen und Bakterien. Darunter sind Krankheitserreger, die Fische und Menschen befallen können. Wieweit diese Bakterien zum Fischsterben beitragen, ist noch nicht bekannt. Es gilt aber als wahrscheinlich.„Es muss also gehandelt werden“, resümiert Hassenrück.

Im Einzelnen bedeute das eine Regulierung der Anzahl von Käfigen in den jeweiligen Gebieten, außerdem brauche es differenzierte Futterstrategien, zum Beispiel durch den Einsatz schwimmenden Futters und ganz grundsätzlich ein solides Verständnis für die sozio-ökonomischen Zusammenhänge. Die Probleme, die auf den Philippinen sichtbar werden, gelten so grundsätzlich auch für die Aquakultur von Fisch in anderen Regionen. Etwa im Mittelmeer, in Norwegen oder auch in Deutschland. „Sie lassen sich aber in den Griff bekommen.“

Die Zuhörer wollten natürlich wissen, wie sicher es ist, auch in Bremen Fisch aus Aquakultur zu essen. Dazu konnte die Wissenschaftlerin aber wenig sagen – ihr Forschungsgebiet liegt in den Tropen. Wenn man einen deutschen Fischzüchter beziehungsweise -mäster fragt, wird er behaupten: Jeder Fisch lässt sich sowohl hochwertig als auch nachhaltig in Aquakultur produzieren.

Weitere Informationen

Wissen um 11 ist eine Vortragsreihe im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5. Sie lädt an jedem Sonnabend um 11 Uhr zu einem halbstündigen Vortrag ein. Das aktuelle Programm findet sich im Internet unter www.hausderwissenschaft.de/Veranstaltungen.html.

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