"Hoteloffice" im Achat-Hotel Bremen

Arbeiten, wo andere Urlaub machten

Seit Mitte März darf das Bremer Achat-Hotel coronabedingt keine privat reisenden Gäste mehr empfangen. Jetzt vermietet das Haus seine 163 Räume als Büros. Zu Besuch im Office mit Zimmerservice.
06.04.2020, 10:16
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Arbeiten, wo andere Urlaub machten
Von Katharina Frohne
Arbeiten, wo andere Urlaub machten

Christian Schmitt ist einer der ersten "Hotel Office"-Nutzer.

Christina Kuhaupt

Eigentlich passt sie gut, die Stille. Im Foyer des Bremer Achat-Hotels, gelegen zwischen Hauptbahnhof und Wallanlagen, plätschert ein Zimmerbrunnen, aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt leise Musik. Sonst: kein Ton. Das ganze Haus – fünf Etagen, 163 Zimmer – sei nach dem Feng-Shui-Prinzip eingerichtet, sagt Direktorin Lena Jendrny. Alles hier soll Entspannung ausstrahlen, von den sonnenfarbenen Sofas bis zum vertikalen Garten, von den Loungesesseln bis zur Birkenwald-Tapete.

Für Jendrny ist die Stille aber vor allem eines: schwer zu ertragen. Seit gut zwei Wochen darf sie keine Touristen mehr empfangen, auch Geschäftsreisende kommen kaum noch. Normalerweise, sagt Jendrny, seien März und April „eine super Zeit“, normalerweise würde jetzt das Telefon klingeln, „von morgens bis abends durch“. Normalerweise – das heißt, was es dieser Tage meistens heißt: vor Corona.

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„Übernachtungen nur zu notwendigen und ausdrücklich nicht touristischen Zwecken“ heißt es in der Bremer „Allgemeinverfügung über das Verbot von Veranstaltungen und Menschenansammlungen“. Als die am 16. März herausgegeben wurde, saß Jendrny, 35, gerade an ihrem Schreibtisch. „Klar kam das nicht absolut unerwartet“, sagt sie, „trotzdem war es erst mal erschreckend.“ Wenige Tage und Hunderte Stornierungen und Umbuchungen später hat das Hotel „eine Handvoll“ Business-Gäste, Jendrny musste 21 von 28 Mitarbeitern in Kurzarbeit schicken.

20 Personen dürfen zeitgleich bewirtet werden

Donnerstagmorgen, kurz vor halb elf. Jendrny steht im Frühstücksraum, an der Decke hängen Papiervögel, das Licht ist gedimmt, „aus Kostengründen“. Wäre alles wie immer, sagt Jendrny, würde jetzt das Buffet abgebaut werden, ein Staubsauger würde brummen, die Gäste würden noch ein wenig sitzenbleiben, reden, lesen, arbeiten. Heute ist der Raum leer, die Tische stehen seltsam weit auseinander. Vorsichtsmaßnahme. Maximal 20 Personen darf das Hotel derzeit auf einmal bewirten, so wollen es die Auflagen.

Jendrny versteht das alles. Die Sicherheitsvorkehrungen, die besonderen Hygiene-Vorschriften, die Reisesperre. Trotzdem verlangt die Situation ihr einiges ab. „Das Haus so zu sehen – “, sagt sie, dann versagt ihr kurz die Stimme. „Das macht mich schon emotional.“ Es sei seltsam ohne die Kollegen, vor allem ohne Gäste. „Wie im Winterschlaf“, sagt sie. Nur, dass längst Frühling ist, dass bald die Osterferien kämen, die Jazzahead, all das, viele Menschen.

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Die kommen jetzt vielleicht trotzdem. Nur aus anderen Gründen: zum Arbeiten. Seit vergangener Woche stellt die Mannheimer Achat-Hotel-Gruppe, zu der auch das Bremer Haus in der Birkenstraße zählt, ihre Hotelzimmer als Büros zur Verfügung. „Viele Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter derzeit (...) ins Homeoffice. Wer jedoch zu Hause nicht den Platz, die nötige Ruhe oder Wlan hat (...), braucht eine Alternative“, heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung. Ab 39 Euro pro Tag gibt es die Business- und Superior-Zimmer und die Junior Suite, Obstkorb, Wasser und Kaffee inklusive.

Hotelzimmer als Büros

Das Angebot komme gut an, sagt Jendrny. Mehr als zehn Anfragen seien bei ihr bereits eingegangen, in anderen Städten hätten Firmen ganze Etagen gemietet. Jendrny nimmt den Fahrstuhl in den ersten Stock, geht einen langen Flur entlang. An der Wand stehen „Lobby“ und „Wellness-Bereich“ über Richtungspfeilen, an der Decke blinken grüne Notausgang-Schilder. Irgendwann bleibt Jendrny stehen, klopft, wartet. Drückt vorsichtig die Tür auf.

Hier, in Zimmer 120, zwischen Fenster und Kingsize-Bett, hockt Christian Schmitt auf einem blauen Sessel. Kabelsalat unterm Couchtisch, darauf Laptop, Handy, Tablet, daneben eine Schale mit Äpfeln, Bananen, Trauben. Schmitt, Hornbrille, karierte Stoffhose, ist heute zum ersten Mal da. In den eigenen vier Wänden arbeiten, für ihn auf Dauer schwierig, sagt er. Schon vor drei Wochen musste er ins Homeoffice wechseln. Für ihn heißt das: Ein-Zimmer-Wohnung im Mietshaus, 26 Quadratmeter, drumherum Nachbarn, „und alle zu Hause“. „Irgendwann drehst du da durch“, sagt Schmitt.

Am meisten aber störe es ihn, Job und Freizeit nicht trennen zu können. „Ich arbeite in meinem Schlafzimmer oder schlafe in meinem Arbeitszimmer, je nachdem – beides ist komisch“, sagt er. Hier, in der Junior Suite, 35 Quadratmeter, habe er seine Ruhe, könne sich zum ersten Mal seit Wochen richtig konzentrieren. Das Zimmer leistet Schmitt sich selbst. Jeden Tag, sagt er, werde er nicht kommen können, aber sicher ab und zu; dann eben, wenn er sicher sein wolle, ungestört arbeiten zu können.

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„Menschen, die mehrere Tage bleiben, bekommen natürlich Rabatt“, sagt Jendrny auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss. "Wer will, darf auch übernachten – es handelt sich schließlich um einen geschäftlichen Besuch.“ Die Zimmer umzurüsten, erzählt sie, sei ein geringer Aufwand gewesen: „Eigentlich sehen die aus wie immer, ein Schreibtisch ist sowieso Standard; nur die Drucker stellen wir dazu.“ 163 Stück hat die EDV-Abteilung in Mannheim vor wenigen Tagen nach Bremen liefern lassen, schnelles Internet ist ohnehin inklusive.

Frückstück oder Feierabendbier ins "Hoteloffice"

Die Idee, die 33 leer stehenden Hotels der Kette anderweitig zu nutzen, habe der Direktor eines anderen Achat-Hauses gehabt, sagt Jendrny. Sie selbst sei sofort begeistert gewesen – auch, wenn selbst eine 100-prozentige Auslastung nicht die Kosten des 7000-Quadratmeter-Gebäudes decken würde. 99 Euro und mehr kostet eine Nacht im Bremer Achat-Hotel, ein Tag im sogenannten „Hoteloffice“ knapp die Hälfte. „Dass wir so nicht an die üblichen Einnahmen herankommen, ist klar“, sagt Jendrny. Dem Unternehmen gehe es vor allem darum, einen Beitrag zur „derzeit für alle schwierigen Situation“ zu leisten. Und, nach und nach Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen zu können.

Das hofft auch Jendrny. Und, dass schnell wieder so etwas wie Alltag einkehrt, zumindest ein bisschen. „Ich mache diesen Beruf, weil es mir Spaß macht, unseren Gästen eine schönen Aufenthalt zu bieten – ob die zum Urlaub machen oder zum Arbeiten hier sind, spielt keine Rolle“, sagt sie. Abgesehen von Restaurant, Sauna und Fitnessstudio, die coronabedingt geschlossen bleiben müssen, könnten Gäste alle Services nutzen. „Wir liefern gern auch das Frühstück aufs Zimmer“, sagt Jendrny. „Oder ein Feierabendbier.“

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Das könnte dann zum Beispiel Aida Almers servieren. Zurück im Foyer, Almers, 21 Jahre alt, steht am Empfangstresen. Seit zweieinhalb Jahren macht sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, momentan betreut sie die Rezeption. Fünf der sechs Mitarbeiter, die mit Jendrny die Stellung halten, sind Azubis – weil die laut Sozialgesetzbuch nur in Ausnahmefällen in Kurzarbeit geschickt werden dürfen.

Für sie habe sich eigentlich nicht viel verändert, sagt Almers. Nur, dass sie jetzt größeren Abstand zu den Gästen halte. Komisch fühle sich das an, aber es sei wichtig, das sei ja klar. Und, dass ihre Abschlussprüfungen verschoben wurden. Die hätten eigentlich im April begonnen, jetzt wurden sie vertagt. Auf Juni. Erst mal.

„Ich bin froh, wenn alles wieder beim Alten ist“, sagt Jendrny. Wenn das Hotel wieder voll ist, bald; wenn es endlich nicht mehr so still ist, bald; wenn das Telefon wieder dauerklingelt. Bald – das heißt, was es dieser Tage meistens heißt: nach Corona.

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