Effizienter ohne Publikumsverkehr

Arbeitsagentur Bremen will schneller werden

Da es wegen Corona monatelang keinen Publikumsverkehr gab, konnte offenbar schneller und konzentrierter gearbeitet werden als sonst. Das will man bei der künftigen Struktur nutzen.
05.08.2020, 05:09
Lesedauer: 3 Min
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Arbeitsagentur Bremen will schneller werden
Von Joerg Helge Wagner
Arbeitsagentur Bremen will schneller werden

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung von Abläufen bei der Agentur für Arbeit befördert.

Sebastian Kahnert

Die Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven hat ihre Geschäftsstellen seit Monaten zur Verringerung der Ansteckungsgefahr für den Publikumsverkehr geschlossen. Ebenso ist es bei den Jobcentern. Den Arbeitsabläufen hat das offenbar gut getan.

Den positiven Trend bestätigt Jörg Nowag, Sprecher der hiesigen Arbeitsagentur: „Im Juni wurden 97,2 Prozent aller Anträge auf das Arbeitslosengeld rechtzeitig bewilligt.“ Das „Leistungsversprechen“ der Bundesagentur (BA) an die Kunden sei, dass mindestens 80 Prozent aller gestellten Anträge binnen 20 Tagen bearbeitet werden müssen.

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Und da kommt einiges zusammen. Im ersten Halbjahr 2020 haben rund 60 Mitarbeiter exakt 22 422 Anträge auf Arbeitslosengeld I bewilligt – im gleichen Zeitraum vorigen Jahres waren es noch 19 334. Hinzu kommen die ablehnenden Bescheide, die laut Nowag nicht statistisch erfasst werden. „Das Arbeitslosengeld wird von einer eigenen Abteilung, dem Operativen Service, bewilligt.

Dieser arbeitet überregional für zwei Arbeitsagenturen: Bremen-Bremerhaven und Oldenburg-Wilhelmshaven“, erläutert der Sprecher. Entsprechend gelten die Antragszahlen für den Gesamtbezirk, inklusive Oldenburg und Wilhelmshaven. Die Anträge werden nicht nach Wohnort des Kunden bearbeitet. Exakte Zahlen für Bremen und Bremerhaven gibt es deshalb nicht.

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Der direkte Publikumsverkehr vor Ort in Form eines „terminierten Antragsservice“ habe allerdings auch schon vor der coronabedingten Schließung kaum noch eine Rolle gespielt, sagt BA-Sprecher Nowag. Das seien vielleicht höchstens 150 Kunden pro Woche gewesen – im Gesamtbezirk. „Das ist beim Blick auf die Arbeitsbelastung nicht aussagefähig.“ Und: „Es gab vor Corona keine Rückstände, und es gibt sie derzeit auch nicht“, versichert Nowag.

Allerdings habe die Pandemie die Digitalisierung von Arbeitsabläufen befördert – im Sinne von Kunden und Mitarbeitern. Die einen sehen schneller ihr Geld, die anderen haben weniger Stress. Ein digitales Kind der Corona-Krise ist das sogenannte Self-Ident- Verfahren: Damit können Antragsteller ihre Identität bei der Arbeitslosmeldung elektronisch nachweisen, ohne die Arbeitsagentur aufsuchen zu müssen. Zuvor war ein persönliches Erscheinen gesetzlich vorgeschrieben.

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Beim Self-Ident-Verfahren werde man voraussichtlich auch nach der Pandemie bleiben, sagt Nowag. Zudem laufen bereits Versuche, die Videoberatungen für Kunden auszuweiten. „In der Familienkasse ist dies bereits jetzt schon ein Standardangebot“, so der BA-Sprecher. „Sicher werden die elektronischen Verfahren den persönlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen, aber die Notwendigkeit der persönlichen Vorsprache in vielen Fällen reduzieren und eine Zeit- und Kostenersparnis für die Kundinnen und Kunden bedeuten.“

Das sehen Vermittler und Berater in den Geschäftsstellen genau so. Manchem wäre es deshalb recht, wenn man auch die Besuchszeiten verkürzen würde, um einen sanften Druck Richtung digitaler Beratung zu erzeugen. Jedoch: „Eine Einschränkung der Öffnungszeiten oder der Zeiten, in denen Termine vergeben werden, ist derzeit nicht geplant“, stellt Nowag klar. Allerdings sehe das Wiedereröffnungskonzept vor, dass Kunden nur noch nach Terminvereinbarung vor Ort beraten werden.

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Derzeit betreuten die Vermittler und Berater ihre Kundschaft überwiegend über die Telefon-Hotline, sagt Nowag. Damit man dort auch sicher jemanden erreicht, „arbeiten Kolleginnen und Kollegen auch zeitversetzt“. Künftig werde es wohl auf eine Hybrid-Lösung hinauslaufen: „Eine Mischung aus persönlichem Erstkontakt und weiteren Kontakten per Video oder E-Mail“, erläutert Nowag. „Auch die BA befindet sich in einem Lernprozess, der nicht abgeschlossen ist.“

Und auf manches, was sie betrifft, hat sie auch keinen Einfluss. Die Mitarbeiter in den Geschäftsstellen der Jobcenter haben unter anderem die automatisierte Weiterbewilligung bei der Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) als entlastend empfunden. Dabei war vorübergehend ein halbes Jahr lang gar kein Kundenkontakt nötig. Doch ob diese erleichterten Bedingungen für beide Seiten beibehalten werden, „ist eine Frage der politischen Entscheidung und der Umsetzung durch den Gesetzgeber“, betont Nowag.

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Die sechs Geschäftsstellen der Jobcenter versorgen und beraten als gemeinsame Einrichtung der Agentur für Arbeit und der Stadtgemeinde Bremen fast 80 000 Menschen, die umgangssprachlich „Hartz IV“ beziehen. Dort klagt man, dass die Rückstände schon wieder wachsen, die es hier nämlich durchaus gab. Bis zu vier Monate lagen die Poststücke, sagen Mitarbeiter. Jetzt sei das meiste höchstens einen Monat alt. „Wir konnten endlich die Berge abarbeiten“, berichtet ein Berater. „Das hatte auch Vorteile für unsere Kunden: Statt nach drei Wochen hatten die ihr Geld schon nach einer Woche.“

Wenn die Kunden nun wieder persönlich erscheinen müssen, sind das im Jobcenter nicht 150 Termine wöchentlich im Gesamtbezirk wie beim Arbeitslosengeld I, sondern 150 nicht terminierte Vorsprachen täglich pro Geschäftsstelle. Dort arbeiten jeweils drei zwölf- bis 18-köpfige Teams. Der direkte Kundenkontakt bindet nach Einschätzung eines Mitarbeiters pro Team rund vier Stunden am Tag. Zeit, die man jetzt zum Abtragen der Altlasten nutzen konnte und die hier künftig dafür wieder fehlen dürfte.

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