Kräftebündeln im Rathaus Arbeitskreis will Bremen-Nord voranbringen

Bremen. Trotz touristischer Attraktivität zählt der Bremer Norden zu den problematischen Stadtteilen. 800 Menschen haben der Region allein im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Die rot-grüne Regierung will den Bevölkerungsschwund stoppen.
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Arbeitskreis will Bremen-Nord voranbringen
Von Patricia Brandt

Bremen. Vegesacks Maritime Meile gilt mit Traditionsschiffen und Stadtgarten als Geheimtipp für Touristen. Trotzdem zählt der Bremer Norden zu den problematischen Stadtteilen. Allein 800 Menschen haben der Region im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Die rot-grüne Regierung will den Bevölkerungsschwund stoppen. Das ist aber nur der erste Auftrag, den Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) dem neuen Arbeitskreis Bremen-Nord mit auf den Weg gab.

Nach der zweieinhalbstündigen Auftaktveranstaltung gestern im Rathaus sind die Ziele des Gremiums, in dem Nordbremer Akteure und Vertreter verschiedener Senatsressorts sitzen, klar umrissen. Der Bürgermeister formuliert sie so: "Gutes Leben, gutes Wohnen und gutes Arbeiten - und zwar alles in Bremen-Nord."

Dass Bremens Spitzenpolitiker dabei den Anstoß für die Runde gab, kommt nicht von ungefähr: "Es gibt zwar eine Menge Bemühungen in und für Bremen-Nord, aber es gibt hier immer noch zu wenig Arbeitsplätze", skizziert Senatssprecher Hermann Kleen. Kleen bezieht sich auf eine Bestandsaufnahme der Arbeitnehmerkammer von 2010, aus der eine dramatische Entwicklung der Beschäftigungssituation hervorgeht: So sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 1970 von mehr als 30000 auf rund 16000 in den Jahren 2007/2008.

Entwicklung verpasst

In Fachkreisen wie der Wirtschaftsdeputation wird ganz offen darüber geredet, dass die drei Ortsamtsbereiche Vegesack, Burglesum und Blumenthal den Anschluss an die positive gesamtstädtische Entwicklung verpasst haben. Und dass, obgleich in den Jahren von 2006 bis 2010 rund 44 Millionen Euro nach Bremen-Nord geflossen sind, wie im Zukunftsprogramm Bremen-Nord nachzulesen ist. Fast 20 Millionen Euro gingen demnach in den industriell-gewerblichen Bereich, 15 Millionen gab es für Handel und Tourismus. Mit neun Millionen Euro ist der Science Park in Grohn unterstützt worden.

Mit dem neuen Arbeitskreis will sich Böhrnsen nun um diese "besonderen Herausforderungen" kümmern, wie Kleen formuliert. Es ginge Böhrnsen darum, die Kräfte vor Ort zu bündeln: "Es soll handlungsorientiert gearbeitet werden." Beispiel Bevölkerungsschwund: Gestern sei bereits vereinbart worden, dass der Nordbremer Bauamtsleiter Maximilian Donaubauer zusammen mit der Gewoba und den Freien Wohnungsbauunternehmen noch bis zur nächsten Sitzung Ende November/Anfang Dezember herausfinde, wo Zuzug organisiert werden kann. Eine zweite Arbeitsgruppe werde sich mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Arbeit befassen, eine dritte mit der sozialen Situation.

Wie künftig für den Stadtteil geworben werden soll, dabei könnte den Mitgliedern eine neue Studie der Universität Bremen helfen. Vorgestellt wurden gestern erstmals Ergebnisse einer Imageanalyse des Bremer Nordens von Andreas Müller und Professor Christoph Burmann. Eine Erkenntnis: In Bremen-Nord wird vor allem die Nähe zum Wasser als Stärke empfunden. Und insbesondere junge Menschen seien vom Norden begeistert, berichtet Kleen. Begründung: Die Jugendlichen hätten nicht die historische Entwicklung vor Augen.

Seit dem Zusammenbruch des Bremer Vulkan steht in Bremen-Nord unverändert die Schaffung von Arbeitsplätzen im Vordergrund. Gezielte Gewerbeansiedlung ist dabei ein Stichwort für Volker Stahmann, Geschäftsführer der IG Metall und einer der geladenen Gesprächsteilnehmer im Rathaus. Es fehle an einem industrie-politischen Konzept für Bremen-Nord, kritisiert der Gewerkschafter Stahmann. Er spricht vom maritimen Standort mit zwei Weltmarktführern, einem im Jachtenbau, einem in der Seilherstellung. Außerdem sei die Region Bremen-Nord, ohne dass es von der Allgemeinheit wahrgenommen werde, ein Standort für Windkraft.

Forderung nach breiten Bündnissen

Stahmann hofft, dass die Vertreter der einzelnen Gruppen den neuen Arbeitskreis Bremen-Nord nicht für Lobbyismus nutzen: "Es geht nicht darum, die Hand aufzuhalten oder Kürzungen zurückzunehmen. Wir brauchen breite Bündnisse."

Konkrete Arbeitsaufträge will Blumen-thals Ortsamtsleiter Peter Nowack künftig von den Arbeitskreis-Treffen mit nach Hause nehmen. "Ich brauche nicht noch drei Gesprächsrunden", hatte er vor dem Treffen gemeint.

Nowack repräsentiert einen Stadtteil mit einem sozialen Brennpunkt, der Georg-Albrecht-Straße, und einem riesigen Gelände, auf dem früher die Bremer Woll-Kämmerei ansässig war und das heute reichlich Entwicklungspotenzial bietet.

Dass es zu der Schieflage in Bremen-Nord gekommen ist, daran seien letztlich auch die Nordbremer nicht unschuldig, meint Nowack. "Die Bremen-Norder haben sich zu sehr in ihrem Elend eingerichtet", sagt der Ortsamtschef. Sie hätten schlicht versäumt, die Nähe zum Rathaus zu suchen.

Die SPD in Bremen wollte ursprünglich einen Senatsbeauftragten für Bremen-Nord einsetzen. Dieser sollte die Belange des Stadtbezirks vertreten. Doch die Grünen blockierten diese Idee. Dass sich nun der Lesumer Böhrnsen um die Nordbremer Sorgen kümmert, stößt bei der Opposition auf Kritik. "Wer ist zuständig für den Strukturwandel in Bremen-Nord - der Wirtschaftssenator oder der Bürgermeister?", fragt der CDU-Politiker Jörg Kastendiek.

Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion moniert schon seit Langem, dass es an Protagonisten für den Standort Bremen-Nord fehlt: "Auf dem Weg nach Bremerhaven lässt man Bremen-Nord links liegen."

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