Interview mit Jens Deutschendorf

„Architektur darf ruhig markant sein“

Seit Dienstag hat Bremen einen neuen Staatsrat für Bau und Verkehr. Im Interview spricht Jens Deutschendorf über Hochhäuser, Autobahnen und die Innenstadt-Pläne.
01.08.2017, 19:45
Lesedauer: 4 Min
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„Architektur darf ruhig markant sein“
Von Jürgen Hinrichs
„Architektur darf ruhig markant sein“

Jens Deutschendorf auf dem Dach des Siemens-Hochhauses, wo der neue Staatsrat für Bau und Verkehr am Dienstag sein Büro bezogen hat.

Frank Thomas Koch

Herr Deutschendorf, Sie kommen vom Land, aus dem Hessischen, und haben dort als Baudezernent und stellvertretender Landrat in einer Kreisverwaltung gearbeitet. Was befähigt gerade Sie so besonders, eine Großstadt wie Bremen baulich und verkehrlich nach vorne zu bringen?

Jens Deutschendorf: Ich habe in meinen bisherigen Berufen eine Menge Erfahrung gesammelt, was sicherlich hilfreich sein wird. Stadtplanung war mein Studienfach, das Handwerkszeug dafür bringe ich mit. Natürlich sind es aber große Unterschiede zwischen meiner früheren Aufgabe und dieser jetzt in Bremen. Ich werde mich schnell einarbeiten und alles daran setzen, einen guten Job zu machen.

Verstehen Sie die Vorbehalte? Es gab auch in Ihrer neuen Behörde ein gewisses Stirnrunzeln, als Senator Joachim Lohse Sie als neuen Staatsrat bekannt gab.

Ja, ich verstehe das, und es überrascht mich nicht. Aber jetzt schauen wir doch einfach mal. Man wird mich kennenlernen und hoffentlich feststellen, dass ich das kann, wofür ich nach Bremen geholt wurde.

Was für ein Bild haben Sie von Bremen?

Ich mag die Stadt. Sie hat Stil und Charme. Sie ist groß, aber nicht riesig. Und es gibt vergleichsweise wenige Hochhäuser, womit ich nicht sagen will, dass das so bleiben muss. Ich habe zwei Jahre in Berlin gelebt und gearbeitet, das ist dann noch etwas anderes. Spannend finde ich, wie wir die Herausforderungen einer wachsenden Stadt, die wir uns wünschen, meistern wollen.

Wo in Bremen werden Sie mit Ihrer Familie wohnen?

Wir haben ein Reihenhaus am Osterfeuerberg in Walle gemietet. Ich bin von dort schon mit dem Rennrad losgefahren, mein Hobby. Ganz schnell, dass man im Grünen ist – auch eine Qualität von Bremen.

Schon mal in der Überseestadt gewesen?

Ja, bin ich. Das ist eine aufregende Entwicklung dort…

. . . auch auf die Architektur bezogen? Könnte Bremen es nicht langsam vertragen, dass mal ungewöhnlich gebaut wird? Ein paar Hingucker, wie in anderen Städten?

Gute Architektur ist etwas Tolles und sie darf ruhig auch markant sein, das bereichert. Die Frage ist dabei natürlich immer, ob man dafür in der Stadtgesellschaft eine Mehrheit bekommt. Am Ende müssen die Bauten sich einfügen und das Ergebnis von Beteiligungsprozessen sein. Auf Teufel komm‘ raus anders zu bauen, kann es nicht sein. Das gilt übrigens auch für Hochhäuser: Ja, warum nicht mehr davon, wenn man die Stadt verdichten und kostbare Fläche schonen will. Aber bitte kein Prinzip daraus machen.

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Als neuer Staatsrat treffen Sie in Bremen auf eine ungekannte Dynamik. Ich meine die Innenstadt. Dort wird im Wochentakt ein Investorenprojekt nach dem anderen aufgerufen, allen voran die Pläne von Kurt Zech. So begrüßenswert das ist – Stadtentwicklung ist doch eigentlich eine öffentliche Aufgabe.

Auch wir sind sehr froh, dass Private in der City im großen Stil investieren wollen. Das ist eine historische Chance, und wir werden alles tun, damit sie Wirklichkeit wird. Zunächst wird es in dieser frühen Phase darum gehen, mit den Investoren und den anderen Akteuren in der Innenstadt ins Gespräch zu kommen. Die Pläne sind allesamt bislang ja nur grob skizziert worden. Damit einher gehen andere Fragen, wie die der Verkehrsführung und des Parkens.

Nur dass Sie‘s wissen, Herr Zech will im Jahr 2021 fertig sein.

Das ist sicherlich sehr ambitioniert.

Noch einmal: Wie kommt bei diesen Plänen die Öffentlichkeit zu ihrem Recht? Nimmt man die einzelnen Projekte zusammen, geht es um nichts anderes als die Zukunft der Bremer Innenstadt, da wollen die Bremerin und der Bremer schon auch mitbestimmen.

Klar ist, dass wir in dem Planungsgebiet in beträchtlichem Maße selbst Eigentum haben, nehmen Sie das Parkhaus Mitte. Schon daraus leiten sich Möglichkeiten ab, Einfluss zu nehmen. Und dann gibt es natürlich die Bauleitplanung, in der die Bedingungen festgelegt werden, zu denen gebaut werden kann. Machen Sie sich mal keine Sorgen, über die Stadt bestimmt immer noch die Stadt. Und damit natürlich auch die Bürgerinnen und Bürger, die mit eingebunden werden.

Hier ein Schnitt und hin zu Ihrer zweiten Aufgabe, dem Verkehr. Es gibt da eine Autobahn in Bremen, die A 281. Sie wird seit mehr als 30 Jahren geplant und gebaut und will einfach nicht fertig werden. 20 Kilometer Asphalt!

Ich kenne das von Umgehungsstraßen, die haben auch einen irrsinnig langen Vorlauf, bis sie fertig sind. Manchmal liegt‘s am Baurecht, manchmal am Geld, aber das fließt jetzt ja. Der Bund hat erkannt, dass er dringend etwas für die Infrastruktur tun muss.

Es gab Senatoren in diesem Haus, genauer gesagt einen, der hatte was gegen Autobahnen und hat die A 281, vorsichtig gesagt, nicht gerade mit Vehemenz vorangebracht. Aus ideologischen Gründen. Wie ist das bei Ihnen, haben Sie als Grüner etwas gegen Autobahnen?

Gegen diese nicht. Und nebenbei: Ich bin kein Ideologe. Mich interessieren bei Verkehrsprojekten die Kosten und der Nutzen.

In Ihrer Heimat haben Sie sich als Grünen-Politiker engagiert und einen Kreisverband angeführt. Haben Sie so etwas auch in Bremen vor?

Nein, ich bin und bleibe zwar Mitglied der Grünen, werde mich aber ganz und gar auf die neue Herausforderung in meinem Beruf konzentrieren. Das ist, glaube ich, Aufgabe genug.

Die Fragen stellte Jürgen Hinrichs.

Zur Person

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Zur Person

Jens Deutschendorf hat am Dienstag sein Amt als Staatsrat für Bau und Verkehr angetreten. Er ist Nachfolger von Gabriele Friderich, die in den Ruhestand gegangen ist. Der 40-Jährige war zuletzt direkter Vertreter des Landrats im größten hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg und als Dezernent zuständig für die Bereiche Bau, Verkehr, Umwelt, Bildung und Gesundheit. Davor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag und Geschäftsführer der grünen Kreistagsfraktion in Waldeck-Frankenberg. Der Diplom-Ingenieur für Stadtplanung ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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