Analyse zur sozialen Spaltung Arm und Reich driften in Bremen auseinander

Fast jeder fünfte Einwohner im Land Bremen benötigt finanzielle Unterstützung vom Staat. Die Armut ballt sich besonders in bestimmten Teilen von Bremen und Bremerhaven.
19.01.2018, 10:30
Lesedauer: 3 Min
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Arm und Reich driften in Bremen auseinander
Von Sara Sundermann

Das Armutsrisiko im Land Bremen ist zuletzt gesunken. 2016 lag die Armutsquote in Bremen bei 21 Prozent (Vorjahr: 23 Prozent) und in Bremerhaven bei 31 Prozent (Vorjahr: 33 Prozent). Im Schnitt benötigte im Land Bremen zuletzt jeder Fünfte staatliche Unterstützung, um sein Existenzminimum zu sichern.

Allerdings ballt sich die Armut zugleich immer stärker in bestimmten Stadtteilen im Bremer Westen und in Bremen-Nord, während sich andere Stadtteile auf gutem Niveau stabilisieren oder leicht verbessern. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Bremer Arbeitnehmerkammer. Sie basiert auf Zahlen der Arbeitsagentur sowie des Statistischen Landes- und Bundesamtes.

Stärkster Anstieg in Blumenthal und Gröpelingen

Als Gründe für den leichten Rückgang des Armutsrisikos nannten Vertreter der Arbeitnehmerkammer die gesunkene Zahl von Asylbewerbern in 2016 im Vergleich zu der sehr hohen Zahl zuvor und ein verbessertes Einkommen für einen Teil der Geringverdiener in Bremen.

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Ingo Schierenbeck, Geschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, stellt klar, dass die gesunkene Armutsquote erfreulich sei, es aber zu früh sei, um von einer Trendwende zu sprechen. Er und Studienautor Thomas Schwarzer betonen, dass die soziale Spaltung in Bremen und Bremerhaven zugenommen hat: „Die Armut ist zurückgegangen, hat sich aber räumlich weiter konzentriert“, so Schierenbeck. Auffälligster Befund der Studie: In Blumenthal und in Gröpelingen, wo schon in der Vergangenheit besonders viele Menschen auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen waren, kamen innerhalb von zwei Jahren mehr als 500 Kinder hinzu, die Sozialleistungen benötigen. In Huchting waren es mehr als 100 neue Kinder im Leistungsbezug. In Oberneuland und Horn-Lehe dagegen, wo es ohnehin vergleichsweise wenig Menschen gibt, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, wuchs die Zahl der Leistungsbezieher kaum.

Alleinerziehende und große Familien haben höchstes Armutsrisiko

Den starken Zuwachs in einigen Quartieren erklärt man sich bei der Arbeitnehmerkammer durch einen Zuzug von Geflüchteten und Zuwanderern aus Süd- und Osteuropa in den vergangenen zwei Jahren. Vielfach seien Neuankömmlinge in Bremen dorthin gezogen, wo es günstige freie Wohnungen gab: nach Blumenthal, Gröpelingen und Huchting. „Das Problem ist: Da, wo die Situation ohnehin schon angespannt war, da sehen wir jetzt diesen ganz rasanten Zuzug“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Diese Stadtteile geraten jetzt schnell an ihre Grenzen.“

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Zudem weist die Arbeitnehmerkammer auf verdeckte Armut hin: „Nicht jeder, der ein Recht auf staatliche Leistungen hat, beantragt sie auch“, sagt Schierenbeck. Manche verzichteten aus Scham auf Sozialleistungen, andere wollten sich den Forderungen des Jobcenters unterwerfen. Betrachte man die verdeckte Armut, dann gelte auf Basis von Zahlen aus dem Mikrozensus sogar fast jeder vierte Bremer als arm. Dabei wird die sogenannte relative Armutsgrenze zugrunde gelegt: Demnach wird als arm bezeichnet, wer als Single weniger als 891 Euro im Monat zur Verfügung hat und als Familie mit zwei Eltern und zwei Kindern weniger als 1872 Euro.

Das höchste Armutsrisiko haben in Bremen Alleinerziehende und große Familien. Ein geringes Risiko gibt es für Paare ohne Kinder und für Menschen in Findorff, Horn-Lehe und der östlichen Vorstadt. Diese Stadtteile sind ebenso wie die Neustadt und Schwachhausen stabil oder haben sich sogar leicht verbessert.

Armutsgefährdung in Niedersachsen steigt

Um die soziale Spaltung zu bremsen, fordert die Arbeitnehmerkammer einen zügigen Ausbau von Ganztagsangeboten in belasteten Stadtteilen. Dort müssten Kitas und Schulen besonders gut ausgestattet sein, um die Integration zu schultern. Auch bei Beschäftigungsprogrammen und beim Wohnungsbau könne mehr getan werden: Dass jede vierte neu gebaute Wohnung in Bremen eine Sozialwohnung sein muss, sei richtig, so Schierenbeck. Doch darüber hinaus sollten kommunale Wohnungsbaugesellschaften auch bestehende Gebäude aufkaufen, um mehr bezahlbare Wohnungen zu schaffen, fordert Schierenbeck: „Das ist auch in Berlin forciert worden.“

Der Rückgang der Armutsquote dürfe nicht dazu führen, dass der Senat sich jetzt bei der Armutsbekämpfung zurücklehne, um erst einmal Luft zu holen, fordert die CDU. „Die Bemühungen dürfen nicht nachlassen“, sagt Sigrid Grönert, sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Wichtig sei, dass Bremen bei Wohnungsbau und Ganztagsausbau vorankomme. Auch beim Programm „Perspektive Arbeit“ (Laslo) für Langzeitarbeitslose gebe es noch viel zu tun.

In Niedersachsen ist die Armutsgefährdungsquote zuletzt laut statistischem Landesamt auf 16 Prozent in 2016 gestiegen. Dieser Wert ist der höchste bisher gemessene. Rund 1,25 Millionen Menschen in Niedersachsen gelten als armutsgefährdet. Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer von Niedersachsens Landesarmutskonferenz, betonte zuletzt, für die Hauptrisikogruppen Erwerbslose und Alleinerziehende habe sich die Lage nicht verbessert. Fast jeder vierte Beschäftigte arbeite im Niedriglohnsektor.

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++ Dieser Artikel wurde am 19. Januar 2018 um 22.27 Uhr aktualisiert. ++

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