Sozialpolitikerin Sigrid Grönert im Interview

„Ganz viel hängt an der Kinderbetreuung“

Alleinerziehende oder Familien mit mehr als drei Kindern sind in Bremen besonders stark von Armut bedroht. Laut CDU-Sozialpolitikerin Sigrid Grönert fehlt es an flächendeckenden guten Kinderbetreuungsangeboten.
19.08.2020, 05:00
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„Ganz viel hängt an der Kinderbetreuung“
Von Maurice Arndt
„Ganz viel hängt an der Kinderbetreuung“

Alleinerziehende Mütter oder Väter sind besonders von Armut bedroht.

Alexander Fanslau/dpa
Frau Grönert, die Armutsgefährdungsquote in Bremen ist alles andere als gut. Wo liegen die Gründe?

Sigrid Grönert: Kurzgesagt gibt es in Bremen zu wenig ressortübergreifende Arbeit in diesem Bereich. Ein Punkt ist dabei auch der Armutsausschuss, den wir 2014 eingesetzt hatten. Dort hatten wir 88 fraktionsübergreifende geeinte Maßnahmen gefunden, die aber letztlich nicht wirklich umgesetzt wurden. Nach der Wahl 2015 hatten wir dann beantragt, diesen Ausschuss wieder einzusetzen, damit eine Begleitung da ist, um diese geeinten Punkte umzusetzen, doch das ist leider nicht passiert. Seitdem sagt die Regierung zwar, sie arbeite an der Armutsbekämpfung. Für uns ist aber nur erkennbar, dass sie sich um Armutslinderung bemüht. Das alleine reicht aber nicht. Denn: Es ist zwar nicht falsch, aber es bricht die Kreisläufe nicht auf.

Was müsste konkret besser gemacht werden?

Wir brauchen einen übergreifenden Ansatz, unter anderem über Bildungs-, Arbeitsmarkts- und Wirtschaftspolitik, um die Sozialsenatorin zu unterstützen und vom reinen Lindern der Armut wegzukommen. Dafür braucht man aber auch jemanden, der die Fäden ressortübergreifend zusammenhält und man braucht spezielle Ansprechpartner in den Ressorts für das Thema. Zudem sollte es regelmäßig Berichte, etwa an die Bürgerschaft, geben. Dazu müssen wir flexibler werden: Maßnahmen müssen auch evaluiert werden, und es muss geschaut werden, ob sie den erhofften Erfolg bringen. Falls nicht, hat man dann die Möglichkeit umzuplanen. Das passiert so gut wie gar nicht. Und dann gibt es viele Bereiche, in denen man ansetzen kann: von der Kinderbetreuung über die Bildung bis hin zur Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in Arbeit.

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Lassen Sie uns auf andere Städte Blicken: Dresden und Hannover haben ähnlich viele Einwohner wie Bremen, aber ein höheres mittleres Einkommen. Was läuft dort besser?

Die Armutszahlen sind natürlich von vielen Faktoren abhängig. Wir haben etwa in Bremen die Problematik, dass viele Leute aus dem Mittelstand nach Niedersachsen ziehen. Das sind Familien, die man in Bremen halten muss. Wobei die in Armut lebenden Menschen damit nicht weniger würden und ihnen natürlich geholfen werden muss. Ein gutes Beispiel aus einer anderen Stadt kommt aus Berlin, wo ja auch eine Koalition aus SPD, Grünen und Linken reagiert. Dort gibt es seit der letzten Wahl ressortübergreifendes Arbeiten mit einer eigenen Abteilung. In Berlin haben sich die Zahlen auch verbessert, das könnte bereits damit zu tun haben. Die Abteilung ist zwar noch sehr jung, aber ich könnte mir auch vorstellen, dass alleine die Planung dieser Stelle dafür gesorgt hat, dass gezielter auf das Thema Armut geschaut wurde. Ein anderes Thema ist die Bildung, die ja eine elementare Grundlage ist, um aus Armutskreisläufen auszubrechen. Dort gibt Bremen im Vergleich am wenigsten Geld aus unter den Bundesländern. Da müssen wir nachinvestieren.

Alleinerziehende sind besonders stark von Armut bedroht, wie kann man ihnen helfen?

Ganz viel hängt an der Kinderbetreuung. Dort fehlt es an Plätzen und flexiblen Konzepten, die alleinerziehenden Müttern und Vätern eine Vollzeitarbeitsstelle ermöglichen. Und es mangelt beispielsweise auch an Teilzeitausbildungsplätzen. Darüber hinaus haben wir alleinerziehende Elternteile, die keinen Schulabschluss haben oder mit Sprachbarrieren kämpfen. Die haben dann noch weitere Probleme, um aus der Arbeitslosigkeit heraus einen Job zu finden.

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Daran schließt sich an, dass auch Menschen mit einem Migrationshintergrund oder ohne einen deutschen Pass stärker von Armut gefährdet sind. Ist das auch ein Problem der Integration?

Ich denke, dass es für Eltern einfach generell schwierig ist, ihre Kinder in eine Betreuung zu geben, wenn man in einem anderen Land ist. Da muss auf jeden Fall sichergestellt sein, dass es eine sehr gute Betreuung ist – diesen Anspruch dürfen davon abgesehen auch alle Eltern zu Recht stellen. Flächendeckend sind wir davon aber weit entfernt. Wir haben ja nicht mal ausreichend Plätze, und die gibt es auch nur einmal im Jahr. Wenn man also keinen bekommt, kann man im Zweifel ein Jahr lang keinen Job annehmen.

Das Problem mit der Kinderbetreuung dürften Paare nicht haben. Dennoch: Familien mit mehr als drei Kindern sind ebenfalls stark von Armut bedroht. Wieso?

In Haushalten mit drei oder mehr Kindern wird es schwieriger für beide Partner, in Vollzeit arbeiten zu gehen. Teilweise arbeiten beide im Niedriglohnsektor. Wenn hier ein volles Gehalt auch nur teilweise wegfällt, wird das schnell herausfordernd. Auch hier liegt eine Lösung wieder in einer guten Kinderbetreuung. Und in passenden Weiterbildungsmöglichkeiten. Ganz besonders auch für Eltern in Langzeitarbeitslosigkeit, damit sie aus eigener Kraft aus dem Armutskreislauf herauskommen können.

Das Gespräch führte Maurice Arndt.

Info

Zur Person

Sigrid Grönert (60) ist seit 2005 Mitglied der CDU und seit 2011 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. In der CDU-Fraktion ist sie aktuell sozialpolitische Sprecherin. Von 2008 bis 2012 war sie Vorsitzende der Frauen-Union in Bremen.

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