Verzicht von klein auf

Armut: Was Kinder entbehren müssen

Über die Nöte armer Familien mit Kindern wird seit Jahren diskutiert. Was das konkret für die Mädchen und Jungen bedeutet, beleuchtet eine neue Studie, die für die Bertelsmann-Stiftung erarbeitet wurde.
09.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Armut: Was Kinder entbehren müssen
Von Silke Hellwig
Armut: Was Kinder entbehren müssen

Mehr als 29.000 Kinder leben in Bremen in Familien, die sogenannte Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beziehen.

Jens Kalaene /dpa

Als eine „unbearbeitete Großbaustelle“ bezeichnet die Bertelsmann-Stiftung das Thema Kinderarmut. In den zurückliegenden Jahren „gab es im bundesweiten Durchschnitt keine grundlegende Verbesserung“. Zu demselben Ergebnis kam 2017 der wissenschaftliche Dienst des Bundestags: „Obwohl hierzulande mehr als zwei Millionen Kinder von Armut betroffen sind, ist es bisher kaum gelungen, die Kinderarmut spürbar zu reduzieren.“

Im Land Bremen lebten laut Statistischem Bundesland Ende März dieses Jahres mehr als 29.000 Kinder in Familien, die sogenannte Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts beziehen. „Die Zahlen sind seit 2018 ungefähr stabil, auf hohem Niveau“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Sie entsprächen etwa einem Drittel der Kinder im Land. In Niedersachsen liegt der Anteil bei rund 14 Prozent.

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Welche Entbehrungen damit konkret verbunden sind, verdeutlicht die Studie „Materielle Unterversorgung von Kindern“, die Claudia Wenzig und Torsten Lietzmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung vorgelegt haben. Sie ergründet, „welcher Zusammenhang zwischen der finanziellen Situation der Familien und dem tatsächlichen Lebensstandard besteht“. Dafür erstellten die Autoren eine Liste mit „lebensstandard-relevanten Gütern und Aktivitäten“ – von der Größe und Ausstattung der Wohnung bis zur Anschaffung von Kleidung und zur Freizeitgestaltung. Sie erfassten, worauf Familien mit gesichertem Einkommen verzichten müssen, weil das Geld nicht reicht, und wie es im Vergleich bei Familien im Hartz-IV-Bezug aussieht.

Eben dieser Vergleich drohe in Debatten oft unterzugehen. Arme Familien kämen irgendwie über die Runden, oft verlangten sie das auch von sich selbst, sagt Schwarzer. "Das Überleben ist gesichert, aber ein Mithalten mit den Kindern in der unteren Mittelschicht sei mit den aktuellen Regelsätzen unmöglich.

Erwachsene stecken für die Kinder zurück

„Wir konnten in der Studie auch eine neue Perspektive einnehmen: Wir haben erstmals kinderspezifische Aspekte zu den Lebensumständen genauer erhoben“, sagt die Soziologin Claudia Wenzig. Durch den Abgleich der Daten für die Kinder und der Daten für die Haushalte, zeige sich, so Claudia Wenzig weiter, „dass manches für die Kinder ermöglicht wird, während andere Mitglieder des Haushalts aus finanziellen Gründen darauf verzichten müssen“. Das bedeute, dass – entgegen gängigen Vorurteilen – Erwachsene für die Kinder zurücksteckten, „um negative Folgen zu vermeiden“.

Ein weiteres Fazit der Studie: Kinder in Haushalten mit SGB II-Leistungsbezug seien im Bereich der grundlegenden Bedürfnisse (Wohnen, Nahrung und Kleidung) selten unterversorgt. Anders sehe es bei „höherwertigen Konsumgütern und in den Bereichen Finanzen und sozialer und kultureller Teilhabe“ aus.

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Welche Folgen ständiger Verzicht für den Nachwuchs haben kann, lässt eine Faktensammlung der Bertelsmann-Stiftung erahnen, die sich unter anderem auf die „Studie zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ stützt. Armut bedeute beispielsweise, sich schon im Kindesalter Sorgen um die Finanzen der Familie zu machen. Viele der Kinder würden häufiger gehänselt, ausgegrenzt und erlebten „in nahezu allen Lebensbereichen Einschränkungen aufgrund der Armut“.

Höhere Armutsgefährdung im Norden

Was tun? Claudia Wenzig verweist auf regionale Unterschiede. In den süddeutschen Bundesländern, in Regionen mit geringerer Arbeitslosigkeit, seien die Armutsgefährdungs- und SGB II-Hilfequoten geringer als im Norden. Auch die Erwerbsbeteiligung von Müttern spiele eine große Rolle. „Aber es gibt nicht den einen Faktor, bei dem man sagen kann: Daran muss man schrauben, dann sind die Probleme gelöst, es ist eher ein Konglomerat.“ Die Corona-Krise könne die Lage verschärfen.

Weitere Studien sollen die Lage erhellen: Claudia Wenzig und ihr Kollege Lietzmann wollen sich in einem ihrer zukünftigen Forschungsprojekte unter anderem den Erwerbskonstellationen von Familien zuwenden. Insbesondere die sogenannten Aufstocker-Haushalte sollen untersucht werden, sogenannte Working-Poor-Familien, bei denen die Eltern erwerbstätig sind, aber staatliche Finanzhilfen brauchen, um über die Runden zu kommen. „Wir erhoffen uns Antworten auf die Frage, warum viele Familien mit Kindern nicht so von dem jahrelangen wirtschaftlichen Aufschwung profitiert haben wie erwartet."

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Die Bertelsmann-Stiftung hat mit der Bildungsinitiative „Mesh Collective“ die Aktion „#StopptKinderarmut“ gestartet. Die Stiftung plädiert neben gerechten Bildungschancen für „eine finanzielle Grundsicherung für alle Kinder, die den Ausstieg aus der Armut möglich macht“. Außerdem wird „mehr Geld für wirklich gute Kitas und Schulen und Zugang zu Freizeit- und Kulturangeboten“ gefordert.

Was muss in Bremen geschehen? Vieles von dem, was langfristig nötig sei, werde schon umgesetzt – wie eine bessere Versorgung mit Betreuungsplätzen, der Ausbau der Ganztagsschulen, Sprachförderung – oft aber in Modellprojekten, sagt Thomas Schwarzer. „Es gibt ganz tolle Leuchttürme, aber wir kriegen es in Bremen nicht in die Fläche.“

Info

Zur Sache

Die Definition von Armut

Gemäß der Untersuchung von Claudia Wenzig und Torsten Lietzmann gilt eine Familie beziehungsweise ein Haushalt als arm, wenn das Einkommen weniger als 60 Prozent des Median-Einkommens beträgt und/oder Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II bezogen werden. Das Median-Einkommen entspricht dem mittleren Wert, von dem aus die Zahl der Haushalte mit niedrigeren Einkünften genauso groß ist wie die der Haushalte mit höheren Bezügen. Zu den SGB-II-Leistungen zählen Arbeitslosengeld II, Sozialgeld sowie Leistungen für Bildung und Teilhabe.

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