Bremer Literaturpreis Arno Geiger wird für seinen Roman "Unter der Drachenwand" geehrt

An diesem Montag erhält der österreichische Schriftsteller Arno Geiger für seinen Roman „Unter der Drachenwand“ in der Oberen Rathaushalle den mit 25.000 Euro dotierten Bremer Literaturpreis.
27.01.2019, 19:27
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Arno Geiger wird für seinen Roman
Von Hendrik Werner

Glückliches Österreich! In Bremen jedenfalls konnte man in diesem Jahrzehnt ein ums andere Mal den eigentümlichen Eindruck bekommen, als sei Austro-Literatur auszeichnungswürdiger als deutsche. Nach Friederike Mayröcker („ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk“), die 2011 geehrt wurde, bedachten die Juroren im Jahr 2012 mit Marlene Streeruwitz („Die Schmerzmacherin“) gleich die zweite Österreicherin in Folge mit dem Bremer Literaturpreis. Perfekt machte das Triple – oder sagt man Hattrick? – im Jahr darauf Wolf Haas.

Gerühmt wurde der vorzugsweise launige Romancier in der Oberen Rathaushalle für seine drollige Liebesgeschichte „Verteidigung der Missionarsstellung“, nach der Literaturbetriebsgroteske „Das Wetter vor 15 Jahren“ (2006) und vor der Coming-of-Age-Farce „Junger Mann“ (2018) sein zweiter Text-Exkurs in ein Jenseits des Krimi-Genres.

Nun also folgt, nach einigen Jahren Pause, Arno Geiger aus Wolfurt, Voralberg. Nachdem es für seine Landsfrau Laura Freudenthaler („Die Königin schweigt“) im vergangenen Jahr in Bremen nur und immerhin zum Förderpreis gereicht hat, ist dem 50-Jährigen, der seit 1993 überwiegend in Wien lebt, für seinen zeithistorisch und ästhetisch ambitionierten Roman „Unter der Drachenwand“ der mit 25.000 Euro dotierte Hauptpreis zuerkannt worden. Entschieden hat das eine siebenköpfige Jury.

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Ihr gehören neben der hiesigen Bibliotheksdirektorin Barbara Lison die Literaturkritiker Wiebke Porombka, Daniela Strigl, Richard Kämmerlings, Lothar Müller und Stefan Zweifel sowie der Vorstandsvorsitzende der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, Michael Sieber, an. Der Geburtstag des Bremer Schriftstellers, dem besagte Einrichtung zugeeignet ist, die seit 1962 alljährlich den Preis stiftet (nachdem der Senat ihn 1959 mit der Weigerung, Günter Grass‘ Jahrhundertroman „Die Blechtrommel“ auszuzeichnen, diskreditiert hatte), gibt traditionell den Tag der Verleihung in Bremens bester Stube vor.

Eine ausnehmend gute Wahl

Mit dem bereits vielfach geehrten Arno Geiger, dessen jüngster Roman im Herbst 2018 auch auf der Longlist für den deutschen Buchpreis stand, kann man nichts falsch machen im belletristischen Belobigungsbetrieb. Er ist mithin zwar keine sonderlich überraschende Wahl – schon gar nicht seine Nationalität –, aber eine ausnehmend gute. Dies zum einen, weil sein im Hanser-Verlag erschienenes Buch auf ausgeklügelte Weise jene Frage nach Schuld und Sühne thematisiert, die Vertreter der deutschsprachigen Literatur seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs notorisch umtreibt.

Zum anderen sind die Entstehungsgeschichte und die Form dieses im Jahr 1944 am Mondsee im Salzkammergut angesiedelten Kriegsromans bemerkenswert: Geiger hat reichlich Briefe und Tagebücher aus dieser Zeit gesichtet – und entwirft auf deren Basis einen ebenso anrührenden und stimmigen Romanplot, der den schieren Materialwert der Dokumente zugunsten dessen überbietet, was Iris Radisch in der „Zeit“ als „geniale Authentizitätsfiktion“ und „einfühlsame Zeitzeugen-Simulation“ bezeichnet.

Lies: Zwar bildet Geiger wie vormals der Chronist, Sammler und Arrangeur Walter Kempowski (1929-2007) einen Chor aus den zuvor gesammelten Stimmen. Doch während Kempowski bisweilen einem manischen Monteur ähnelte, der partout kein Material verloren geben wollte, ist der Akt der Komposition in Geigers „Unter der Drachenwand“ weit mehr der dichterischen Einbildungskraft verpflichtet als dem verwegenen Ehrgeiz zu zeigen, wie es eigentlich gewesen. Entsprechend wohlwollend bewertet die Jury das 480-Seiten-Buch: Geigers Werk, das die Fährnisse des 24-jährigen Wehrmachtssoldaten Veit Kolbe beschreibt, rage „aus der Reihe der zeitgeschichtlichen Panoramen zur NS-Epoche“ heraus.

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Der Autor, der sich aus dem „Fundus einer immensen Recherche“ bediene, entwerfe anhand des Kriegsversehrten Veit und seiner Kriegszufallsbekanntschaft Margot, Mutter eines Babys, „eine Liebesgeschichte als Zuflucht vor der Zwingherrschaft des militärischen Systems“. Wie verheerend diese Zwingherrschaft ist, lässt sich an Darmstadt ersehen, Margots Heimatort, dessen Bombardement zahlreiche Opfer fordert, deren Los Geiger lakonisch und in schwer verdaulichen Details auflistet.

Exkurse über Fronten und Entbehrungen, Ideologien und Enttäuschungen

Um Veit und Margot, das designierte Paar, dessen verbürgten Lebensweg nach dem Krieg Geiger denkbar lakonisch in einem „Nachbemerkungen“ genannten Abschnitt skizziert – Veit starb 2004, Margot war zum Zeitpunkt des Postskriptums 95 Jahre alt –, schart er weitere Figuren, die es ebenfalls an den oberösterreichischen Mondsee unter die steil aufragende Drachenwand verschlagen hat. In dieser Landschaft mit verwüsteten Seelen situiert Geiger anrührende Exkurse über Fronten und Entbehrungen, über Ideologien und Enttäuschungen.

Wiederholt verdichten seine Charaktere ihre Lage zu eindrucksvollen Miniaturen, in denen sich der schier unendliche Nachtmahr des Krieges mit verbliebenen Hoffnungen auf ein befriedetes Leben verbindet: „In der Nacht träumte ich erstmals von Kartoffeln“, bemerkt der gewissenhafte Tagebuchautor Veit Kolbe. „Früher waren meine Träume anspruchsvoller.“ Und an anderer Stelle, gegen Ende der Passionsprosa: „Dann verschwand die Wand aus meinem Blick, und ich schloss die Augen in dem Wissen, dass wie vom Krieg auch von Mondsee etwas bleiben wird, etwas, mit dem ich nicht fertig werde.“

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Dass Arno Geiger ein ebenso stilsicherer wie gefühlvoller Virtuose der Leidensgeschichtsschreibung ist, hat er in früheren Werken bewiesen. Allen voran in „Der alte König in seinem Exil“ (2011), diesem als Roman etikettierten Protokoll einer Auslöschung: jener seines an Demenz erkrankten Vaters, dessen irreversiblen Weg ins Niemandsland der Sohn in einem ergreifenden, ja erschütternden Text nachvollzieht. Wie in jener dichten Beschreibung eines emotionalen Ausnahmezustands gelingt es Geiger in „Unter der Drachenwand“ erneut, einer existenziellen Situation einen schlüssigen und bewegenden Text hinzuzufügen. Nicht zuletzt dieser Umstand qualifiziert ihn zu einem würdigen Träger des Bremer Literaturpreises.

Info

Zur Sache

Bremer Literaturpreis

Erstmalig wurde die Auszeichnung 1954 vergeben. Den äußeren Anlass bildete der 75. Geburtstag des Bremer Schriftstellers Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) am 26. Januar.

Von 1954 bis 1959 vergab der Senat der Freien Hansestadt Bremen den Bremer Literaturpreis. Dann allerdings musste die den Preisträger auserkiesende Jury auf denkbar peinliche Weise als düpiert gelten, weil sich der Senat weigerte, ihrer Entscheidung ausgerechnet für Günter Grass‘ Roman „Die Blechtrommel“ zu folgen, der bekanntlich zu einem Welterfolg avancierte. In den Jahren 1960 und 1961 ruhte daher der literarische Ehrungsbetrieb an der Weser.

Seit der durch den verspätet einsichtigen Senat erfolgten Gründung der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung im Jahr 1962 verleiht diese den Bremer Literaturpreis. Er ist mit 25000 Euro dotiert.

Der bislang einzige Schriftsteller, dem diese Auszeichnung zweimal zuerkannt wurde, ist Alexander Kluge, der in den Jahren 1979 und 2001 für sein Schaffen belobigt wurde. Seit dem Jahr 1977 wird überdies ein mit 6000 Euro dotierter Förderpreis zum Bremer Literaturpreis verliehen.

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