Vom Überwinden kolonialer Spuren: Wie sich die Norddeutsche Mission zum Partner auf Augenhöhe entwickelte Arroganz war gestern

Horn. In ihrer Ursprungszeit verfolgte die Norddeutsche Mission, die ihren Sitz in der Horner Berckstraße hat, ein zweifelhaftes Ziel. Damals, im 19.
13.07.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Gerald Weßel

Horn. In ihrer Ursprungszeit verfolgte die Norddeutsche Mission, die ihren Sitz in der Horner Berckstraße hat, ein zweifelhaftes Ziel. Damals, im 19. Jahrhundert, sah sie ihre Aufgabe noch darin, Menschen in Afrika und anderswo das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden, weil sie glaubte, deren „verlorene Seelen“ retten zu müssen. So beschreibt es die Norddeutsche Mission heute selbst.

Missionierung war oft ein arroganter Akt. Nicht selten waren die Reaktionen entsprechend. Das musste auch der protestantische Missionar Carl Sylvius Völkner erfahren, der im Auftrag der Norddeutschen Mission 1849 in Neuseeland eintraf. Sein Versuch, die Maori in Opotiki von Jesus Christus zu überzeugen, misslang gründlich. Nach anfänglichen Erfolgen wurde er von seinen früheren Anhängern schließlich erhängt und enthauptet. Die neuseeländische Kolonialregierung rächte sich mit der Hinrichtung mehrerer beteiligter Häuptlinge. So ist es in der Neuseeland-Enzyklopädie „Teara“ nachzulesen. In Afrika, wo die Norddeutsche Mission schon damals aktiv war, sei es jedoch friedlicher zugegangen, so die Überlieferung.

Die Sendung, ein anderes Wort für Mission, begann vor gut 180 Jahren in Hamburg. Dort wurde die Norddeutsche Mission 1836 von lutherischen und anderen reformierten Missionsvereinen gegründet, um die Trennung der Kirchen in unterschiedliche Konfessionen zu überwinden. Der in Westafrika bekannte Name lautet seit dem Umzug im Jahre 1851 nach Bremen „Bremen Mission“ beziehungsweise „Mission de Brême".

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, so heißt es, habe die Norddeutsche Mission versucht, Wege zu finden, in denen die heimischen Kulturen einbezogen und nicht ausgeschlossen werden. Gelegentlich kam es so zu Konflikten mit den deutlich traditioneller und herrschaftlicher auftretenden Kolonialregierungen. So wahrten die Missionare beispielsweise im Schulwesen ihre Unabhängigkeit gegenüber den Kolonialbeamten, indem sie in Ghana und Togo die einheimische Sprache Ewe der Kolonialsprache Deutsch vorzogen. Die schulische Ausbildung war und ist auch heute noch einer der Grundpfeiler der Missionsarbeit.

„Alle Dimensionen des Seins eines Christen können im Miteinander der Menschen gestaltet werden“, sagt Pastor Hannes Menke. „Konkret ist das die Nächstenliebe, die Solidarität miteinander“, auch dafür stehe die Norddeutsche Mission. Menke ist ihr Generalsekretär und einer von zehn festen Mitarbeitern in Bremen, wovon allerdings nur zwei in Vollzeit tätig sind. Menke blickt auf einen langen Dienst im Namen des Evangeliums zurück. Früher arbeitete auch er als Pfarrer in Afrika. Hier war er ökumenischer Mitarbeiter der Evangelisch-Presbyterianischen Kirche von Togo, eine der zwei westafrikanischen Kirchen der Norddeutschen Mission. Die andere ist die Evangelisch-Presbyterianische Kirche von Ghana.

Darüber hinaus gehören der Norddeutschen Mission vier deutsche Kirchen an: die Evangelisch-reformierte Kirche, die Lippische Landeskirche, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg sowie die Bremische Evangelische Kirche. Von ihnen aus erstreckt sich die Brücke in die zwei westafrikanischen Länder Ghana und Togo. Alle sechs Kirchen sind in dem Zusammenschluss gleichberechtigt – und entsprechen so gar nicht dem klassischem Bild der historischen Missionierung durch weiße Geistliche, die den Eingeborenen Weisheit bringen wollten. „Wir geben keine Almosen, und die anderen empfangen auch keine Almosen“, stellt Hannes Menke klar. Es sei heute eine Begegnung auf Augenhöhe. „Wir alle tragen gemeinsam die Mission.“

Dieses heutige Selbstverständnis der Norddeutschen Mission begann nach dem Ersten Weltkrieg. Nachdem zuvor alle ihre Missionare ausgewiesen worden waren, reisten zwischen 1923 und 1939 wieder Mitarbeiter der Mission nach Afrika ein. Von da an begann die Zeit der gleichberechtigten Annäherung.

Das Missionswerk auf deutscher Seite entstand in seiner jetzigen Form 1980. Damals schlossen sich die vier deutschen Kirchen vertraglich zusammen. 21 Jahre später kamen schließlich in einer aktualisierten Satzung die Kirchen in Ghana und Togo als vollkommen gleichberechtigte Partner hinzu und komplettierten damit die heutige Norddeutsche Mission, die sich als „Brücke für Afrika" bezeichnet. "Durch die Perspektive anderer ist viel zu lernen", sagt Hannes Menke. Außerdem sei das deutsche Christentum überhaupt nicht denkbar, ohne auch die Perspektive anderer Christen einzunehmen, findet er.

Heute hat die Mission zum Ziel: Die Menschen in Afrika sollen ihr eigenes Christentum leben. Hierfür bekommen sie eine kirchliche Ausbildung vor Ort. „Die Leute vor Ort wissen deutlich besser, was die frohe Botschaft für dort Lebende ist“, sagt Menke. Wenn ein Pastor oder eine Pastorin aus Europa in Afrika im Einsatz ist, sei es selbstverständlich, dass sie oder er normales Mitglied der dortigen Kirche ist. „Jedes Christentum ist Ausdruck der jeweiligen Lokalität und bildet somit ein spezifisches Christentum“, sagt Pastor Menke.

Dieser Gedanke drücke sich auch in allen Projekten der Norddeutschen Mission in Ghana und Togo aus. Alles, was an Entwicklungsprojekten läuft, werde von Leuten vor Ort mit dem Blick für die jeweiligen räumlichen und sozialen Gegebenheiten zusammen mit der Kirche und der Gemeinde entwickelt, so Menke. Dies könnten Projekte im schulischen, medizinischen oder auch infrastrukturellen Sektor sein.

Auch die Austauschprogramme "Nord-Süd" und "Süd-Nord“ stehen im Zeichen der Völkerverständigung und partnerschaftlichen Hilfe. Sie sind eingebettet in das Weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Teilnahme daran ist weitgehend kostenlos. Zur Tradition dieses Freiwilligenprogramms gehört es allerdings auch, dass die Teilnehmer daran mitwirken, einen privaten Spenderkreis aufzubauen. So wird mithilfe der Entsendeorganisation bei Freunden, Verwandten, Stiftungen und Unternehmen um finanzielle Unterstützung geworben.

Bei den beiden Austauschprogrammen der Norddeutschen Mission gehen junge Menschen aus Deutschland für ein Jahr nach Afrika und umgekehrt. In der Regel seien es vier Personen pro Jahr, die am jeweiligen Austausch teilnehmen, wobei das Süd-Nord-Programm erst in diesem Jahr gestartet sei, berichtet Menke. Die Programme seien ganz bewusst auf Gegenseitigkeit ausgelegt, erläutert er. Es gebe auf beiden Seiten ein hohes Interesse am interkulturellen Lernen voneinander. So schilderten zurückehrende Deutsche oft, von einer anderen Sicht auf die Welt zu profitieren. Auch würden sie durch die soziale Arbeit vor Ort charakterlich reifen. Genau wie die afrikanischen Gäste in Deutschland sind die Deutschen in Ghana oder Togo in den Bereichen Altenpflege, Jugendhilfe und in der Arbeit mit Kindern tätig.

Generalsekretär Hannes Menke ist zufrieden mit der Norddeutschen Mission von heute, wenn er auf ihre koloniale Vergangenheit zurückblickt: „Die Mission ist dort, wo sie hingehört.“

Die Norddeutsche Mission hat ihren Sitz in der Berckstraße 27 in Horn. Telefonisch ist sie unter der Nummer 467 70 38 oder per E-Mail an info@norddeutschemission.de zu erreichen. Informationen zu den Programmen und der Arbeit des Missionswerks sind im Internet unter www.norddeutschemission.de zu finden.
„Brücke für Afrika“ Heutiges Motto der Mission
„Durch die Perspektive anderer ist viel zu lernen.“ Hannes Menke, Generalsekretär
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