Modellprojekt am Klinikum Mitte eingerichtet Arztpraxen selten barrierefrei

Bremen. Barrierefreiheit ist in Arztpraxen nicht selbstverständlich. Allein der Zugang zum Behandlungszimmer stellt viele Menschen mit einem Handicap vor Probleme. Ein Projekt im Klinikum Mitte zeigt, wie es besser geht.
27.01.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Arztpraxen selten barrierefrei
Von Timo Sczuplinski

Bremen. Barrierefreiheit ist in Arztpraxen nicht selbstverständlich. Bisher sind nur wenige in Bremen als behinderten- und altersgerecht eingestuft worden. Allein der Zugang zum Behandlungszimmer stellt Senioren, Behinderte und andere Menschen mit einem Handicap vor Probleme. Für Ärzte ist die Behandlung von Schwerbehinderten zudem oft nicht lukrativ. Ein Projekt im Klinikum Mitte zeigt, wie es besser geht.

Wer dauerhaft mit Problemen konfrontiert ist, weil er auf den Rollstuhl angewiesen ist, verfällt nicht selten in Sarkasmus. So wie Irmgard Feldman, die vom "Mount Gyn" spricht – von einem Berg namens Gynäkologenstuhl, der für körperlich eingeschränkte Patientinnen nur schwer zu erklimmen ist. "Da ist es oft schwierig, überhaupt die Würde zu behalten", sagt sie. Hindernisse wie dieses waren für Feldmann jahrelang ein Grund, medizinische Untersuchungen und Arztbesuche zu vermeiden.

Denn Arztbesuche sind für Senioren, Behinderte und andere Menschen mit Handicap oft mit erheblichen Hürden verbunden. Das weiß auch die Gesundheitsbehörde. "Es gibt keine flächendeckende Barrierefreiheit", sagt eine Sprecherin des Ressorts. Eine genaue Erhebung darüber, wie groß das Problem mit fehlender Barrierefreiheit ist, gestalte sich jedoch bislang als schwierig.

Die Behörde hat versucht, es zu ermitteln. Doch eine Umfrage unter rund 90 der insgesamt 1762 Bremer Ärzte brachte keine genauen Erkenntnisse. Der erhoffte Rücklauf blieb aus. 16 Praxen hatten auf die Fragen der Behörde geantwortet. Drei von ihnen konnten in Zusammenarbeit mit dem Behindertenbeauftragten Joachim Steinbrück als "bedingt barrierefrei" eingestuft werden. Er geht davon aus, dass in den restlichen Arztpraxen die Bedingungen nicht ausreichend sind.

Vor allem Arztpraxen in Altbremer Häusern sind für motorisch eingeschränkte Personen in vielen Fällen gar nicht erst erreichbar. Wie soll ein Rollstuhlfahrer oder ein älterer Mensch mit Rollator in die oberen Stockwerke kommen, wenn es keinen Fahrstuhl gibt? "Diese Praxen waren in den 50er-Jahren nicht barrierefrei und viele werden es auch im Jahr 2030 nicht sein", sagt Andreas Umlandt, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte. Gerade Altbauten böten oft nur wenig Spielraum für Veränderungen.

Besser sieht es da schon bei Neubauten von Ärztehäusern aus. Das Baurecht schreibt längst vor, dass Praxen barrierefrei erreichbar sein müssen. Ein Beispiel, in denen die Vorgaben gut umgesetzt worden sind, sei etwa das Medicum in der Schwachhauser Heerstraße, sagt Behindertenbeauftragter Steinbrück nach einem Testbesuch.

Doch auch in Praxen, die in einem Neubau eröffnet wurden, ist nicht immer alles so, wie es sich Senioren und Behinderte wünschen. "Oft steckt der Teufel im Detail", sagt Swantje Köbsell, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Es seien meist Kleinigkeiten, wie zu hoch angebrachte Schalter und Knöpfe zum automatischen Türöffnen, die Patientinnen wie sie vor Probleme stellten.

Und wenn das Ziel Arztpraxis dann mal erreicht ist, wartet schon das nächste Problem. "Die Zeit sitzt einem während der Behandlungen im Nacken", sagt Irmgard Feldmann. Der Gang zur Toilette, das Aus- und Ankleiden im Behandlungszimmer – das alles nehme bei Behinderten, aber auch Senioren viel mehr Zeit in Anspruch, als bei anderen Patienten. Und diese Zeit gebe es in vielen Praxen nicht. Die nächsten Patienten warteten schließlich schon.

Gerade schwer behinderte Patienten bräuchten zudem auch oftmals alternative Behandlungsmethoden, "für die der Arzt das nötige Spezialwissen braucht", sagt Behindertenbeauftragter Steinbrück. Deswegen wünsche er sich eine stärkere Vernetzung unter den Medizinern.

Jene Spezialbehandlungen sind aber nur selten durch die Gebührenordnung der Krankenkassen abgedeckt, sagt er. Die Behandlungen dauerten so meist länger und kosteten deutlich mehr. "Das ist dann wirtschaftlich unattraktiv für Ärzte", sagt Steinbrück. Deswegen geht der Behindertenbeauftragte davon aus, dass kaum ein Arzt gerne mit einer Behindertengerechtigkeit werben würde – aus Sorge davor, so zu einer Art Schwerpunktpraxis für Behinderte zu werden.

Andererseits rechnet Steinbrück damit, dass sich Ärzte, die das Thema Barrierefreiheit nicht ernst genug nehmen, künftig ins wirtschaftliche Hintertreffen geraten. Aufgrund des demografischen Wandels sei schließlich längst absehbar, dass eine immer größere Zahl von Patienten auf alters- und behindertengerechte Bedingungen angewiesen sei.

Ein Modell, wie insbesondere die Behandlung von Behinderten besser funktionieren kann, zeigt derzeit ein Gemeinschaftsprojekt im Klinikum Bremen-Mitte. Dort ist eine gynäkologische Praxis eröffnet worden, in der nicht nur Zugang und technisches Equipment auf eine eingeschränkte Mobilität ausgerichtet sind. Die Patientinnen sollen dort auch vom Zeitdruck erlöst werden. Behandlungen und Gespräche liefen dort in aller Ruhe und ohne Stress ab.

Zudem haben die Frauen die freie Wahl unter acht Ärztinnen und Ärzten, die hier zusätzlich zu ihrer Arbeit in ihrer eigenen Praxis Termine für körperlich eingeschränkte Menschen anbieten. "Mit dem Modellprojekt werden viele Praxen entlastet", sagt Andreas Umlandt, der zu den behandelnden Ärzten gehört. Der Begriff "Mount Gyn" falle hier jedenfalls nicht mehr.

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