Einbrüche bei Einnahmen Niedergelassene Ärzte in Sorge

Auch in Bremen sorgen sich niedergelassene Ärzte sich um ihre berufliche Zukunft: Wegen der Pandemie kommen weniger Patienten, das führt zu Einnahmeausfällen. Kritik gilt dem abgespeckten Schutzschirm.
10.03.2021, 19:56
Lesedauer: 3 Min
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Niedergelassene Ärzte in Sorge
Von Sabine Doll

Weniger Patienten, mehr Aufwand, sinkende Umsätze: Die Corona-Krise setzt zunehmend auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte unter Druck. Kassenärztliche Vereinigungen warnen davor, dass etliche Praxen in wirtschaftliche Nöte geraten könnten. Seit Pandemiebeginn gehen die Fallzahlen in den Praxen zurück, weil es durch Schutzmaßnahmen und Lockdown weniger akute Infektionskrankheiten und andere Behandlungen gibt. Dazu kommt, dass Patienten aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus Arztbesuche meiden.

Der Bremer Orthopäde und Unfallchirurg Björn Ackermann beschäftigt sich seit einigen Wochen „ganz akut“ mit der Frage, wie lange seine Praxis die Ausfälle noch verkraften kann. Homeoffice und Lockdown führten dazu, dass weniger Unfälle im Alltag passierten. „Sportverletzungen gibt es zum Beispiel fast gar nicht mehr“, sagt der Unfallchirurg. Ackermann ist außerdem Durchgangsarzt und damit Anlaufstelle bei Arbeits- und Wegeunfällen. Die medizinische Versorgung hierbei gehört nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, sie ist Sache der gesetzlichen Unfallversicherung. „Allein in diesem Bereich verbuchen wir einen Rückgang der Patientenzahlen um knapp 50 Prozent seit Mitte März. Insgesamt bewegen sich die Mindereinnahmen der Praxis um die 120.000 Euro im vergangenen Jahr – trotz Schutzschirm.“

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Der Schutzschirm, wonach Vertragsärzten 90 Prozent des Honorars im Vergleich zum Vorjahresquartal zugesichert wurden, ist in der vergangenen Woche verlängert worden – in abgespeckter Form. „Das vergrößert das Problem noch einmal“, sagt der Gröpelinger Arzt. Ausgeklammert von der Finanzhilfe sind die sogenannten extrabudgetären Leistungen. Dazu zählen etwa Vorsorgeuntersuchungen für Kinder, Impfungen sowie ambulante Operationen. Letztere seien ein Schwerpunkt der Gemeinschaftspraxis im Bremer Westen. „Wir haben eigentlich kein Einsparpotenzial. Der größte Posten wäre das Personal, daran kann und will ich nicht sparen“, sagt der Arzt. Seine Hoffnungen ruhen auf Vorstößen im Bund, den Schutzschirm doch wieder weiter zu spannen. „Ansonsten wird es sehr, sehr eng. Ich fühle mich hilflos“, sagt Ackermann.

Kritik kommt auch von der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB): „Wir werden uns massiv dafür einsetzen und über die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf eine Änderung dieses Rumpf-Schutzschirms durch den Gesetzgeber drängen“, sagt KVHB-Sprecher Christoph Fox. Neben Unfallchirurgen seien auch Kinder- und Jugendärzte von den Einschränkungen betroffen. „Im Moment haben wir es noch mit Einzelfällen zu tun, das kann sich aber mit Dauer der Pandemie und den Schutzmaßnahmen schnell ändern – und langfristig zu Versorgungslücken führen“, betont Fox.

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Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland hat laut einem Bericht des „Spiegel“ seine Mitglieder Anfang Februar zu den Auswirkungen durch die Pandemie befragt: Danach sieht mehr als ein Drittel die eigene wirtschaftliche Existenz bedroht, 52 Prozent denken über den Abbau von Personal nach, 84 Prozent über die Reduktion von Stunden, wie das Magazin berichtete. 1066 niedergelassene Kinder- und Jugendärzte hätten an der Umfrage teilgenommen.

Stefan Trapp ist Vorsitzender des Berufsverbandes in Bremen. Eine akute Pleitewelle von Praxen in der Hansestadt befürchtet er derzeit nicht, wie der Kinder- und Jugendarzt sagt. „Wir sind einigermaßen durch den Rettungsschirm abgesichert. Die Sorgen um die berufliche Zukunft sind aber existent. Fakt ist, dass insbesondere die Pädiatrie unter den Folgen der Dauerkrise leidet“, betont Trapp. Die Praxen seien vor allem auf Akutversorgung ausgerichtet, sie mache den größten Teil aus. Die Patientenzahlen seien seit Pandemiebeginn deutlich zurückgegangen, weil es kaum noch Infektionskrankheiten, Spielunfälle oder Verletzungen gebe. „Einen so ruhigen Winter habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht gehabt.“

Seine Praxis verzeichne seit dem ersten Lockdown 15 bis 20 Prozent weniger Umsatz – bei mindestens gleichbleibenden Betriebskosten. Trapp: „Die Strukturen in den Kinder- und Jugendarztpraxen sind auf maximale Akutversorgung ausgelegt, Räume und entsprechend viel Personal werden dafür vorgehalten. Kolleginnen und Kollegen stellen sich schon die Frage, wie lange das auf dem Niveau durchgehalten werden kann.“ Zusätzliche Kosten kämen hinzu, etwa durch Anschaffungen für Corona-Schutzmaßnahmen oder Investitionen in Geräte für die Digitalisierung.

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