Grüne fordern Aufklärung Asbest-Fall beschäftigt Staatsanwalt

Die Bremer Grünen verlangen Klarheit: In Bremerhaven sollen Mitarbeiter der Fischereihafen-Betriebsgesellschaft ungeschützt Abrissarbeiten in einem mit Asbest belasteten Gebäude durchgeführt haben.
01.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Asbest-Fall beschäftigt Staatsanwalt
Von Kristin Hermann

Die Bremer Grünen verlangen Klarheit: In Bremerhaven sollen zu Beginn des Jahres mehrere Mitarbeiter der landeseigenen Fischereihafen-Betriebsgesellschaft (FBG) ungeschützt Abrissarbeiten in einem mit Asbest belasteten Gebäude durchgeführt haben.

Sie sollen etwa zwei Monate ohne ausreichende Schutzmaßnahmen in einer ehemaligen Gewerbeimmobilie gearbeitet haben, obwohl der FBG ein Gutachten über die Risiken des Gebäudes vorgelegen haben soll. Das hatten sowohl die Geschäftsführerin als auch der Betriebsrat der FBG gegenüber Radio Bremen bestätigt.

Der Fall war erst vor wenigen Tagen bekannt geworden. Mittlerweile wollen sich beide Parteien nicht mehr dazu äußern. Zunächst hieß es, dass 50 Menschen, darunter auch Auszubildende, von Anfang Januar bis Ende Februar in dem Gebäude gearbeitet haben sollen. Auf Nachfrage des WESER-KURIER spricht ein Vertreter der Wirtschaftsbehörde nun von etwas mehr als 20 Personen, die Zugang zu der Baustelle hatten.

Fakt ist, dass wegen des Vorfalls nun die Staatsanwaltschaft aktiv geworden. In einem Ermittlungsverfahren soll geprüft werden, wer bei der FBG die Verantwortung für den Vorfall trägt, bestätigte Oberstaatsanwalt Oliver Constien. Wie der Vorwurf am Ende lautet, steht noch nicht fest. Eine Option könne Körperverletzung sein. Parallel finden nach Angaben der Wirtschaftsbehörde behördliche Untersuchungen über den genauen Hergang statt.

"Fataler Umgang mit dem Gesundheitsschutz"

Warum die FBG trotz der vorliegenden Warnung keine Fachfirmen beauftragt und ihre Mitarbeiter einem hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt hat, will die Grünen-Fraktion in der nächsten Sitzung der Deputation für Wirtschaft und Arbeit sowie des Landeshafenausschusses beantwortet haben. Das Thema soll in der Deputation am kommenden Mittwoch auf der Tagesordnung stehen. „Dieser fatale Umgang mit dem Gesundheits- und Arbeitsschutz macht uns fassungslos. Für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet das, die nächsten Jahrzehnte in ständiger Sorge um ihre Gesundheit zu leben", sagt die hafenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sülmez Dogan.

Asbest ist bereits in kleinsten Mengen schädlich für den Körper. Bis die faserartigen Minerale 1993 in Deutschland verboten wurden, sind viele Häuser und Gebäude damit erbaut worden. „Theoretisch kann bereits eine Faser Krebs auslösen“, sagt Silvia Schön, ehemalige Abgeordnete der Grünen und Asbest-Expertin. Wer mit Asbest in Kontakt gekommen ist, für den erhöhe sich das Risiko für diese drei Krankheiten: Asbestose, eine Erkrankung der Lunge, Lungenkrebs oder den gefährlichen Tumor Mesotheliom. Besonders bei letzterem liegt die Lebenserwartung für Patienten bei unter einem Jahr, sagt Schön.

Mitarbeiter wurden medizinisch untersucht

Sie empfiehlt den Mitarbeitern in Bremerhaven, ihren Arbeitsprozess in dem belasteten Gebäude so genau wie möglich aufzuschreiben und ihn bei der Berufsgenossenschaft anzuzeigen. „Man sollte sich das am besten vom Arbeitgeber und Kollegen bestätigen lassen.“ Krankheiten, die Asbest zugrunde liegen, treten in den meisten Fällen erst 20 Jahre nach der entsprechenden Arbeit auf. In einigen Fällen sogar erst 60 Jahre später. „Dementsprechend schwer ist es für Betroffene, ihre Tätigkeiten von damals nachzuweisen“, sagt Schön.

Nachdem die Baustelle Ende Februar stillgelegt wurde, habe man die betroffenen Mitarbeiter im Beisein von Betriebsrat und Betriebsärztin, das Umweltamt Bremerhaven, das Gewerbeaufsichtsamt und die Berufsgenossenschaft informiert, heißt es aus der Wirtschaftsbehörde. Mittlerweile seien alle betroffenen Mitarbeiter medizinisch untersucht worden.

Doch das reiche nicht aus, sagt Niklas Wellmann von der Beratungsstelle zu Berufskrankheiten der Arbeitnehmerkammer Bremen. Nach seiner Aussage müssen sich diese Personen nun alle zwei bis drei Jahre einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, und das ein Leben lang – eine Belastung nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche. Grünen-Politikerin Dogan fordert daher, „dass die Mitarbeiter von der FBG und der Berufsgenossenschaft dabei bestmöglich unterstützt werden.“

Asbest ist immer wieder Thema

In Bremen ist Asbest immer wieder ein Thema. Experten gehen davon aus, dass für Bremen und Bremerhaven als ehemaligen Großwerften-Standorten weiterhin mit einer hohen Anzahl von Erkrankten zu rechnen ist. Niklas Wellmann von der Beratungsstelle der Arbeitnehmerkammer hilft Betroffenen dabei, wenn die Krankheiten nach Jahrzehnten ausbrechen, sie bei den zuständigen Behörden zu melden.

In Bremen seien 2014 demnach 198 Menschen an Asbestose erkrankt, 103 an Lungenkrebs, und 52 hätten ein Mesotheliom gehabt. „Während man es für Lungenkrebs nicht genau nachweisen kann, lassen sich die anderen beiden Erkrankungen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Asbest zurückführen“, sagt Wellmann.

Vor allem zwischen 1960 und 1980 wurde viel mit Asbest gebaut. „Das sind die Gebäude, die jetzt nach und nach saniert werden“, sagt Schön. Während für öffentliche Gebäude die Belastung durch Asbest oft bekannt ist, liege die Gefahr vor allem auch bei der Sanierung von Privathäusern. Solange sich eine versiegelte Schicht über den Fasern befindet, bestehe keine Gefahr. „Aber sobald man ein Loch in die Wand bohrt, können die gefährlichen Stoffe schon freigesetzt und eingeatmet werden“, sagt Schön.

Was ist Asbest?

Asbeste sind natürliche, mineralische Rohstoffe, die chemisch sehr beständig, unempfindlich gegen Hitze und nicht brennbar sind. Sie lassen sich leicht mit anderen Materialien zu Produkten verarbeiten. Dazu zählen Platten für den Hochbau, Brems- und Kupplungsbeläge für Fahrzeuge, Dichtungen und Formmassen für hohe thermische oder chemische Belastungen. Asbest wurde in Deutschland seit etwa 1930 in so großen Mengen wie kaum ein anderer Werkstoff verwendet. So betrug der Asbestverbrauch in den Jahren 1950 bis 1985 etwa 4,4 Millionen Tonnen.
In den vergangenen Jahrzehnten wurde Asbest vor allem bei der Herstellung von Baustoffen eingesetzt. Besonders in den 1960er und 70er-Jahren sind in beiden Teilen Deutschlands eine Vielzahl von Gebäuden unter Verwendung von asbesthaltigen Baustoffen – überwiegend Asbestzement – erbaut worden. Seit 1993 sind in Deutschland die Herstellung, das Inverkehrbringen und die Verwendung von Asbest verboten.
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